Kapitel 27

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Ich blieb einen Moment auf dem Boden sitzen und ließ den Schmerz zu. Plötzlich fühlte ich mich wie ein kleines Kind. Wie konnte ich nur so egoistisch sein? Julia lebte! Das war doch die Hauptsache. Sie würde ihr Leben normal leben können, auch wenn ihr vielleicht einige Erinnerungen fehlen würden. Ich hatte nur an mich und meine Gefühle gedacht. Vielleicht war es sogar besser, wenn sie sich nicht mehr an mich erinnern konnte. Aber das wollte ich nicht, denn ich wusste, wie sehr sie mich auch liebte.

Ich fuhr nach Hause und setzte mich auf die Couch. Das Klingeln meines Handys riss mich aus meinen Gedanken. Luisa. »Ja?«, nahm ich ab und schloss die Augen. »Was ist passiert?«, fragte sie mich aufgeregt. »Ich habe von deiner Krankmeldung gehört und ich weiß auch, dass Julia im Krankenhaus liegt.« Ich versuchte, mich auf das gleichmäßige Atmen zu konzentrieren, was mir nur halb gelang. »Michael«, flüsterte ich nur. »Was ist mit Michael? Ich verstehe nicht«, antwortete sie. »Er hat Julia geschubst. Die Treppe hinunter. Sie hat am Kopf geblutet und der Notarzt musste kommen.« Ich musste schlucken. Ich wollte gar nicht daran denken. »Er ist einfach abgehauen«, sagte ich wütend und Luisa entfuhr ein: »Oh, Gott. Wie geht es ihr?« Ich erwiderte: »Den Umständen entsprechend. Der Arzt sagt, sie ist außer Lebensgefahr. Aber er hat von einer Amnesie gesprochen. Es kann sein, dass sie sich an einige Dinge nicht mehr erinnert.« Ich musste die Tränen unterdrücken. »Luisa, sie hat mich nicht erkannt. Sie hat mich gefragt, wer ich bin.« Nun konnte ich die Tränen nicht länger zurückhalten, obwohl es dumm war, aber ich konnte doch nichts für meine Gefühle, oder?

»Süße, das tut mir so leid für dich. Soll ich vorbeikommen?«, fragte sie mitfühlend, aber ich verneinte. Ich wollte alleine sein. »Wird sie sich denn irgendwann daran erinnern können?« Ich zuckte mit den Schultern, obwohl sie es nicht sehen konnte. »Ich weiß nicht. Das kann man noch nicht sagen. Ihre Eltern haben mich nach Hause geschickt, aber ich möchte sie nicht alleine lassen. Was soll ich nur tun?«, wollte ich mit piepsiger Stimme von ihr wissen. »Hey, Nele. Gib jetzt nicht auf. Es ist gerade schwierig, aber wenn du irgendwie bei ihr sein kannst, dann fahre zurück ins Krankenhaus. Vielleicht tut ihr deine Nähe gut.« Das stimmte schon, dachte ich. »Aber sie kann sich nicht an mich erinnern.« Luisa seufzte. »Aber vielleicht kann sie es dann wieder, wenn du bei ihr bist.«

Was sollten ihre Eltern nur von mir denken, wenn ich da wieder aufkreuzte? Ich war nur ihre Lehrerin. Dachten sie jedenfalls. Dass ich viel mehr als das war, wussten sie nicht. Was sollte ich tun? »Ja, mal schauen«, meinte ich nur und kurz darauf legten wir auf. Sollte ich wirklich noch einmal zurück ins Krankenhaus fahren? Ich war verzweifelt. Es ließ mir keine Ruhe. Ich würde morgen wieder zur ihr fahren. Heute wollte ich nicht mehr so aufdringlich sein. Also ging ich an diesem Abend früh schlafen. Ich wühlte mich die ganze Nacht und bekam kein Auge zu. Da war es kein Wunder, dass ich am nächsten Morgen total erschöpft war und mich ausgelaugt fühlte.

Ich nahm mein Handy in die Hand und öffnete die Galerie. Ich sah mir unsere Bilder an, die wir gemeinsam geschossen hatten. Wir waren so glücklich. Was sollte ich tun, wenn wir es nie wieder werden konnten? Ich wischte über das Display. Dann kam ich zu unserem Kussbild. Das mochte ich am liebsten. Man sah es an und spürte unsere Liebe förmlich, so kam es mir jedenfalls vor. Sollte ich ihr das Bild vielleicht zeigen? Konnte sie sich dann besser erinnern? Ich seufzte und ging anschließend duschen.

Am späten Vormittag fuhr ich dann ins Krankenhaus. Ich wollte ihren Eltern nicht begegnen, aber das blieb wohl nicht aus. Sie saßen an ihrem Bett und unterhielten sich. Als ich klopfte und den Raum betrat, sahen sie mich verwundert an. »Ich... ich wollte nur noch einmal nach ihr sehen und schauen, ob es schon Neuigkeiten gibt«, stammelte ich, als beide mich musterten. »Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist«, fing Monika an zu sprechen. In diesem Moment traf Julias Blick auf meinen und ich spürte diese gewohnte Vertrautheit zwischen uns. Sie öffnete den Mund und sagte: »Mama, schon in Ordnung. Sie kann bleiben. Das würde mich freuen.« Ihr Blick war neugierig und auch sie musterte mich ganz genau.

Sturzflug ins Herz || txsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt