Kapitel 7

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Am Sonntag wachte ich erst gegen Mittag auf. Es war stickig in der Wohnung und mein Kopf tat weh. Hätte ich gestern nur nicht so viel getrunken, dachte ich verbittert. Die Erinnerungen an gestern Abend kamen langsam und unklar zurück. Reflexartig fasste ich an die Stelle an meiner Wange, die Julia geküsst hatte. Das Gefühl war unbeschreiblich. Es machte mir Angst. Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich davon halten sollte. Immerhin war sie meine Schülerin. Was wäre denn, wenn sie nicht meine Schülerin wäre? Selbst dann wäre sie einfach nur ein Mädchen für mich. Nicht mehr. Oder? Ich zerbrach mir schon wieder den Kopf. Innerhalb von einer Woche hatte ich so viel an einen Menschen gedacht, den ich gar nicht richtig kannte. Das tat mir nicht gut.

Ich riss das Fenster weit auf. Die frische Luft war angenehm. Mein Handy klingelte. »Melling, hallo?«, fragte ich noch total verschlafen. »Ich bin es. Luisa. Wie geht es dir?«, wollte sie wissen. »Hör auf«, antwortete ich lachend. »Mir tut der Kopf weh. Unglaublich.« Auch Luisa musste lachen. »Ich bin noch im Garten. Es sind total viele Reste von gestern übrig geblieben. Da dachte ich mir, dass ich dich mal anrufe, weil wir das warm machen wollen. Hast du Lust?« Eigentlich wollte ich absagen, aber sie bettelte mich förmlich an. Deshalb ließ ich mich überreden. Schnell ging ich duschen und merkte, dass mein Magen doch etwas knurrte. Das Auto blieb stehen. Ich hatte wahrscheinlich noch zu viel Restalkohol im Blut. Als ich im Garten ankam, waren auch Julias Eltern dort. Ich begrüßte alle und setzte mich dazu. Etwas panisch sah ich mich um. Keine Spur von Julia. Als hätte Luisa meine Gedanken gelesen, sagte sie: »Julia kommt gleich auch noch.« Mein Magen drehte sich um. Ich war mir ziemlich sicher, dass es nicht mehr am Alkohol lag.

Einige Sekunden später stürmte sie auch schon um die Ecke. Etwas beschämt sah ich zu Boden und blickte dann doch kurz auf, um sie zu begrüßen. Sie hatte so ein richtig strahlendes Lächeln. Durch das Sonnenlicht sahen auch ihre Augen wunderschön aus. Ich kam mir selbst albern vor, weil ich an so etwas dachte. Sie hatte eine kurze hellbraune Hose und ein schwarzes Top an. Ihre Haut war gebräunt und auf ihrer Nase konnte ich einen leichten Sonnenbrand entdecken. Ganz in Gedanken versunken, sagte ich zu Julia: »Du solltest dich besser eincremen.« Erstaunt blickte sie auf. Ihr Blick war fragend. »Ähm, wegen deiner Nase. Sie ist rot«, stammelte ich verlegen. »Danke, ich werde beim nächsten Mal darauf achten.« Ihre Stimme war traumhaft. Aber sie verlor kein Wort über gestern Abend. Irgendwie ärgerte mich das.

Als wir mit dem Essen fertig waren, räumte sie den Tisch freiwillig ab. Ich folgte ihr unauffällig in die Küche. »Julia?« Erschrocken drehte sie sich um. »Also wegen gestern Abend. Wenn dir das unangenehm ist... also... ähm...«, stotterte ich wie ein kleines Kind. Ein Blick von ihr und ich verlor jegliche Selbstbeherrschung. »Alles cool. Es war doch nur ein Spiel«, lockerte sie die Situation mal wieder auf und zwinkerte mir zu. »Du hast recht.« Ich ging wieder raus zu dem Rest. Sie ließen es sich gut gehen in der Sonne. Es wurden Liegen auf der Rasenfläche ausgebreitet und ich legte mich auf eine. Ich war wieder schläfrig und kämpfte gegen das Einschlafen an. Plötzlich war die Sonne weg. Julia stand davor und spendete mir Schatten. »Sie sollten sich vielleicht auch besser eincremen«, neckte sie mich. Erst jetzt bemerkte ich, dass mein Gesicht ein wenig schmerzte. Auch meine Schultern taten weh. »Ich mach das«, beschloss sie und zog die Träger meines Tops nach unten. Ihre Fingerspitzen strichen über meine Haut und über meinen Verschluss vom BH. Es schien sie nicht zu stören. Und wenn ich ehrlich war, fand ich das sogar angenehm. Sanft cremte sie meine Schultern ein. Dann zur Sicherheit auch meinen Rücken. Obwohl es heiß war, bekam ich eine Gänsehaut. Ich schaute mich um. Alle anderen schliefen.

»Das ist schön», murmelte ich und ließ mich verwöhnen. Ich nahm ihr Parfüm wahr und es vernebelte mir die Sinne. Ich wollte ihr plötzlich näher sein. Vielleicht näher, als gut für mich war. Sie halten, ihr Gesicht in die Hände nehmen und sie dann... Verdammt. Nein, nein, nein. Das durfte nicht wahr sein. Ich öffnete die Augen. »Danke«, murmelte ich. »Jetzt sind Sie dran.« Auf den Mund war sie nicht gefallen. Definitiv nicht. Ich ließ mich darauf ein und cremte nun auch ihren Rücken ein. Vorsichtig berührte ich ihren Körper. Mein Herz hämmerte wild, als ich mir vorstellte, ihren Nacken zu küssen. Was war nur mit mir los? Langsam neigte ich den Kopf zu ihr, doch dann regte sich neben uns ihr Vater. Schnell entfernte ich mich ein paar Zentimeter von ihr. Gott sei Dank hatte sie das gerade nicht mitbekommen. »Ich fahre jetzt besser nach Hause«, flüsterte ich ihr von hinten leise ins Ohr. Das war zu viel für mich. Zu viel Nähe, zu viele verrückte Gefühle, zu viel Julia. Sie drehte den Kopf leicht zur Seite. »Jetzt schon?«, fragte sie enttäuscht. »Ja, ich muss noch was für die Schule vorbereiten.« Ich stand auf und zog mich wieder richtig an. Dann verließ ich den Garten und murmelte ihr zu: »Bis morgen, Julia.« Sie nickte nur.

Ich bildete mir ein, dass ihr Gesichtsausdruck mehr verriet. So etwas wie »bitte geh nicht«, aber das war völliger Unsinn. Vielleicht auch Wunschdenken von mir. Oder es war das Wetter. Es war einfach zu heiß, um klar denken zu können. Ich stieg auf mein Fahrrad und radelte los. Der Wind wehte mir um die Ohren, so schnell fuhr ich. Als ich zu Hause ankam, brachte ich es in den Keller und ging in meine Wohnung. Ich dachte an die letzten Stunden zurück. Schlagartig wurde mir klar, dass ich glücklich war. Ich wollte endlose Sommernächte. Mit ihr. Mit Julia. Mit meiner Schülerin. Dieser Gedanke holte mich dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Gratis dazu gab es einen Schlag mitten ins Herz. Jedenfalls fühlte es sich so an. Wohin sollte das nur führen? Ich hatte absolut keine Ahnung und dachte: »Du begegnest tausenden von Leuten und keiner berührt dich. Und dann begegnest du einem Menschen und dein Leben ändert sich - für immer.«

Sturzflug ins Herz || txsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt