Wir beantworteten alle Fragen brav, denn immerhin hatten wir nichts zu verheimlichen. Fast jedenfalls. Bis die Frage kam, was Julia mitten in der Nacht bei mir wollte. Ich redete mich raus: »Sie wollte mit mir sprechen. Es ging ihr vor dem Unfall nicht so gut. Liebeskummer, wie das manchmal so ist.« Argwöhnisch sah der ältere Polizist mich an und runzelte die Stirn. Er fuhr sich mit der einen Hand über das Gesicht. Eine frische Rasur würde ihm gut stehen, dachte ich. »Und darüber spricht man mitten in der Nacht?«, wollte er wissen. Mir wurde heiß. Ich konnte noch nie gut lügen. Nun schaltete sich Julia ein. »Ja, ich kann mich zwar nicht mehr an den Unfall erinnern, aber ich weiß, dass ich mit Frau Melling des Öfteren gesprochen habe und ich ihr vertrauen kann. Deshalb fiel meine Wahl auf sie in dieser Nacht.« Sie gaben sich mit der Antwort zufrieden, denn eigentlich spielte es absolut keine Rolle.
»Mit welcher Strafe kann er rechnen?«, wisperte Julia. »Darüber dürfen wir nichts sagen. Aber wenn man sich im StGB den Paragraphen 323a und 323c ansieht, dann läuft es wohl auf eine Freiheitsstrafe in Höhe von bis zu fünf Jahren hinaus, da er im Vollrausch war. Oder er kann mit einer Geldstrafe rechnen. Außerdem hat er sich nicht nur damit strafbar gemacht, sondern ja auch mit der unterlassenen Hilfeleistung. Ich kann mir gut vorstellen, dass er einen Täter-Opfer-Ausgleich in Betracht zieht, vorausgesetzt natürlich, Sie stimmen dem zu. Das bedeutet, er wird bemüht sein, einen Ausgleich mit Ihnen zu erreichen und seine Tat ganz oder zum überwiegenden Teil wiedergutzumachen oder die Wiedergutmachung ernsthaft zu erstreben. Aber wie gesagt, eigentlich dürfte ich Ihnen das gar nicht sagen. Das wird sich dann alles vor Gericht ganz individuell zeigen. Es kann auch anders ausgehen. Aber ich wünsche Ihnen auf jeden Fall nur das Beste.« Er drückte kurz ihre Hand und dann waren sie verschwunden.
»Ich habe das mit dem Täter-Opfer-Ausgleich nicht verstanden. Was meint er?«, fragte sie mich und ihre Stimme klang dabei etwas monoton. »Wir werden es sehen. Jetzt zählt erst einmal, dass du wieder ganz gesund wirst, ja?« Ich lächelte sie an und auch sie musste daraufhin lächeln. »Ja, ist in Ordnung.«
Die nächsten Tage musste Julia noch im Krankenhaus bleiben. Die Kopfschmerzen verschwanden immer mehr und sie machte kleine Fortschritte während der Therapie. Sie konnte sich an immer mehr Dinge erinnern, die uns verbanden, aber ein großer Teil fehlte noch. Aber der Arzt war zuversichtlich, dass vieles zurückkommen würde. Er erwähnte aber auch hier wieder, dass es sein konnte, dass nicht alles wieder zurückkommen würde. Ich war unglaublich froh über die positiven Nachrichten. Ich ging auch wieder arbeiten und wir näherten uns dem Ausflug zum Weihnachtsmarkt. Julia wurde vier Tage zuvor entlassen und es stand nicht fest, ob sie uns begleiten konnte.
»Ich würde so gern mitkommen und angemeldet bin ich sowieso schon«, meinte sie. Ich schloss sie in meine Arme. Wir waren bei mir zu Hause und genossen die Zweisamkeit, die sich zum Glück nicht großartig verändert hatte. »Ich weiß nicht, ob es so gut ist«, stellte ich mit Bedenken fest. »Du bist erst seit Kurzem wieder zu Hause und dann willst du direkt wegfahren?« Sie nickte. »Ja, natürlich will ich das. Außerdem hast du Geburtstag! Den will ich doch nicht verpassen.« Ich legte den Kopf schief und sie musste grinsen. »Ich habe doch schon eine Überraschung für dich«, hauchte sie mir zu und wir wechselten das Thema. Eigentlich wechselten wir gar nicht das Thema, sondern hörten auf zu reden.
Sie zog mir meinen Pullover aus und ich tat es ihr gleich. »Sicher?«, flüsterte ich ihr erregt zu. »Und wie«, murmelte sie lustvoll zurück. »Es ist ja praktisch mein erstes Mal.« Ich war zärtlich zu ihr und sie genoss es in vollen Zügen. Als wir uns atemlos ins Bett fallen ließen, kuschelte sie sich an. »Ja, dieses Gefühl habe ich schon einmal verspürt. Das kann ich merken.« Ich küsste ihren Kopf. »Ich werde auf jeden Fall mit nach Berlin kommen«, sagte sie dann plötzlich bestimmt. »Das werde ich mir nicht entgehen lassen.« Ich wusste, dass es nichts brachte, mit ihr zu diskutieren. Manchmal war sie ein richtiger Sturkopf.
Und so kam es dann auch. Am Tag der Abreise standen wir alle früh morgens am Bus und verstauten das Gepäck. Es war ein merkwürdiges Gefühl, Julia bei ihren Freunden stehen zu sehen. Immer wieder sahen wir uns an, nur um dann zu grinsen. Wir waren insgesamt zwei Klassen. Herr Pohl würde uns begleiten. Julia und Nina setzten sich im Bus direkt hinter uns. So konnte ich wenigstens ihre Stimme hören. Unterwegs kamen wir sogar ins Gespräch. Wir waren so vertieft in das Gespräch, dass ich nicht mitbekommen hatte, dass wir in einigen Minuten schon das Hostel erreichen würden. Verblüfft sah ich Julia an und sie lachte leise auf. Wir checkten ein und verteilten dann die Zimmer. Es gab Zimmer für 2 Personen und Zimmer für 4 Personen. Frauen und Männer getrennt.
Alle hatten sich verteilt. Nur ich blieb alleine in einem Zimmer, ebenso Herr Pohl. Ich räumte gerade meine Tasche aus, als Nina anklopfte. »Frau Melling?« Ich ließ sie ins Zimmer. »Ja?« Sie antwortete: »Ich kann Julia nicht finden. Sie ist plötzlich verschwunden.« Die Tür war einen Spalt breit offen und genau in diesem Moment lief Julia im Flur an uns vorbei. Nina rief nach ihr. Sie drehte sich abrupt um und kam in mein Zimmer. Nina sah etwas zerknirscht aus. »Ich glaube, wir haben ein Problem.« Fragend sahen wir sie an. »Ich wollte dir wirklich ein Bett freihalten, aber Maria kam dann noch dazu.« Sie verdrehte die Augen und wollte sich verteidigen, aber Julia unterbrach sie. »Ist doch nicht so schlimm. Wir finden schon ein Plätzchen für mich.« Doch so leicht war es gar nicht, denn wie wir mit Erschrecken feststellten, gab es kein freies Bett mehr. Außer in meinem Zimmer.
Nina riss die Augen auf. »Oh, das tut mir so leid.« Aber Julia nahm es sehr gelassen hin. »Ach, ist doch kein Problem. Also ich meine, wenn es für Frau Melling in Ordnung ist, würde ich das zweite Bett hier beziehen. Es sind doch sowieso nur zwei Nächte und wir sind viel unterwegs.« Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir wurde heiß und meine Hände fingen an zu schwitzen. Wo nahm sie nur ihre lockere Art her? Dann antwortete ich: »Klar, kein Problem.« Meine Stimme zitterte, aber Nina bekam es nicht mit. »Perfekt, ich gehe dann mal weiter ausräumen«, teilte Nina uns freudestrahlend mit, umarmte Julia kurz und war dann verschwunden. Sie schloss die Tür hinter sich.
»Du kannst einen ganz schön in Verlegenheit bringen«, sagte ich und mein Herz fing an wild zu klopfen, als sie die Tür abschloss und immer näher kam. »Besser hätte es nicht laufen können. Was für ein Zufall aber auch«, raunte sie mir zu und ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie nicht ganz unschuldig war an diesem »Zufall«, wie sie ihn so schön nannte. Aber ich wollte die ganze Wahrheit gar nicht wissen. Ich war einfach nur glücklich, dass wir die nächsten zwei Nächte zusammen schlafen konnten. Und in einigen Stunden hatte ich auch Geburtstag und was für eine Überraschung mich da erwartete, konnte ich in diesem Augenblick noch nicht wissen. Aber was ich in diesem Moment wusste, war, dass ich Julia bedingungslos liebte. Mit allem, was zu ihr gehörte und was sie ausmachte.
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Sturzflug ins Herz || txs
Romance»Ich glaube, ich bin verliebt.« Meine beste Freundin Luisa sah mich mit ausdrucksloser Miene an. »Nele, das ist doch wunderbar. Gibt es doch endlich wieder einen Mann an deiner Seite?« Wortlos schüttelte ich den Kopf und in ihrem Blick erkannte ich...
