Kapitel 34

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Ich konnte unmöglich hier weg. Wenn es wenigstens erst im neuen Schuljahr losgehen würde, aber ich wollte bei Julia sein. Ich hielt es ohne sie nicht aus und ich wusste nicht einmal, ob es für sie überhaupt in Frage kam, wieder umzuziehen. Sie hatte doch gerade erst ihr Zuhause hier gefunden. Aber ich wollte diesen Job. Unbedingt. Doch trotzdem war ich kurz davor, ihn abzusagen. Aber dann legte ich das Handy doch wieder zur Seite. Mist, dachte ich und biss auf meiner Lippe umher. Wie sollte ich so eine Entscheidung treffen? Innerhalb von zwei Wochen auch noch?

Ich musste unbedingt mit Julia reden. Also wählte ich ihre Nummer und sie nahm lachend ab: »Mensch, dass du nicht ohne mich kannst, war mir ja klar. Aber dass dein Anruf so schnell kommt, damit habe ich jetzt nicht gerechnet.« Als ich nicht antwortete, merkte sie sofort, dass etwas nicht stimmte.

»Nele? Was ist los? Ist alles in Ordnung?«, fragte sie vorsichtig und ich schüttelte den Kopf, obwohl sie es nicht sehen konnte. »Nein, nicht wirklich. Kannst du herkommen? Ich muss etwas mit dir besprechen.« Sofort sagte sie: »Natürlich, ich bin gleich da.« Und so war es auch. Sie hatte sich wirklich beeilt, denn schon kurze Zeit später klingelte es an der Tür. Sie stürmte in die Wohnung und war etwas außer Atem. Schnell zog sie sich die Schuhe und die Jacke aus, dann gingen wir ins Wohnzimmer und setzten uns.

»Worüber willst du sprechen?«, hakte sie nach, denn ich sagte nichts. »Ich... ich habe vorhin eine E-Mail bekommen.« Stirnrunzelnd sah sie mich an. »Und?« Ich atmete tief ein und aus, dann redete ich weiter: »Es war die Direktorin einer Schule, an der ich mich damals beworben hatte. Und sie hat mir nun einen Job angeboten. Nein, nicht einen Job. Eigentlich hat sie mir ihren Job angeboten.« Ich hatte mit einem enttäuschten oder entsetzten Blick gerechnet, aber Julia strahlte mich an. »Das ist doch wunderbar«, freute sie sich ehrlich, aber musterte mich dann, denn ich sah sie fragend an. »Warum guckst du so komisch?« Sie war sichtlich irritiert und ich war es auch. »Wunderbar? Natürlich wäre das eine Chance für mich, aber was ist mit uns? Die Schule ist so 250 km entfernt. Und außerdem beginnt die Einarbeitung im April.«

»Darüber machst du dir Sorgen?« Fragte sie mich gerade wirklich, ob ich mir darüber Sorgen machte? Um uns? »Ja, natürlich. Ich weiß nicht mal, wo du studieren willst, ob ein Umzug für dich in Frage kommt. Du hast doch gerade erst dein Zuhause hier gefunden.« Meine Stimme klang zerbrechlich und ich ärgerte mich darüber. »Nele, mein Zuhause ist da, wo du bist. Ein Umzug ist mir egal. Und natürlich stecke ich dann mitten in den Prüfungen. Aber du willst diesen Job unbedingt, oder? Das merke ich dir doch an. Und ich möchte nicht, dass du darauf verzichtest, nur weil ich erst im Sommer umziehen kann.« Erstaunt sah ich sie an. »Natürlich will ich nicht von dir getrennt sein. Aber wir könnten uns am Wochenende sehen. Es sind nur 4-5 Monate, dann wäre ich bei dir. Wir könnten zusammenziehen.« Als sie dies sagte, leuchteten ihre Augen. Die Vorstellung war wunderschön. »Und außerdem muss ich mich sowieso auf die Prüfungen konzentrieren, du würdest mich nur ablenken«, neckte sie mich. Ihre Leichtigkeit überraschte mich.

»Ich hatte irgendwie eine andere Antwort erwartet. Denkst du wirklich, dass das klappt? Ich habe da so meine Bedenken.« Sie nickte heftig. »Ja. Sag bitte zu. Dann bist du ab April schon nicht mehr meine Lehrerin. Es hat also auch einen Vorteil und es wäre töricht, diesen Job nur wegen mir nicht anzunehmen.« Das stimmte. Aber konnte ich das? Eine Beziehung nur am Wochenende führen? Aber wir mussten uns nicht mehr verstecken. Ich war durcheinander. »Ach, Julia. Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?« Sie grinste mich an und nickte. »Ich glaube schon.« Dann kam sie näher und küsste mich. »Also? Sagst du jetzt zu?« Ihr Gesicht war nun ganz nah. »Ich weiß nicht. Ich muss darüber mal eine Nacht schlafen. Das kam alles so plötzlich.« Verständnisvoll nickte sie. »Ganz egal, wie du dich entscheidest – ich bin bei dir, ok? Und da wir es jetzt geklärt haben, können wir uns ja anderen Dingen zuwenden.« Dann fing sie an, mich auszuziehen und ich ließ es geschehen. Wir schliefen miteinander und danach ging es mir etwas besser, obwohl ich noch immer durcheinander war.

»Ich werde jetzt mal los«, verkündete sie einige Zeit später und zog sich gerade ihren BH an. »Denke über das alles nach. Mir ist es egal, wo wir sind. Hauptsache wir sind zusammen. Du bedeutest mir alles. Ich liebe dich.« Ich hatte die beste Frau der Welt an meiner Seite. »Ich liebe dich auch.« Dann gab sie mir noch einen sanften Kuss und verließ die Wohnung.

Die ganze Nacht über konnte ich nicht richtig schlafen. Immer wieder schreckte ich hoch. Es ließ mir einfach keine Ruhe. Sollte ich dieses Jobangebot wirklich annehmen? Was, wenn Julia sich das alles zu einfach vorstellte? Wenn unsere Beziehung daran zerbrach? Ich hatte Angst davor. Schreckliche Angst. Ich wollte sie nicht verlieren. Aber auf der anderen Seite hatte Julia recht, oder? Es war nur bis zum Sommer, dann würden wir zusammenziehen. Wir konnte uns beide auf etwas freuen und würden uns in der Zwischenzeit am Wochenende sehen. Es waren auch »nur« 250 km. Das war nicht das Ende der Welt. Und ich würde sie nicht ablenken, sie konnte in Ruhe lernen. Ich drehte mich um und schrie in mein Kissen. Es klang gedämpft, aber ich fühlte mich besser.

Als ich am nächsten Tag in die Schule kam, wartete Julia auf mich. »Und? Hast du es dir überlegt?«, begrüßte sie mich. »Keine Ahnung, Julia. Ich weiß nicht genau. Das ging alles so schnell.« Sie nickte und wollte etwas erwidern, aber dann kam Nina auf uns zu. Ich ging weiter und sie wartete auf Nina. Den ganzen Tag über konnte ich mich nicht konzentrieren. Ich hatte auch diese Schule hier ins Herz geschlossen. Ich kam gern her. Nicht nur wegen Julia. Und außerdem arbeitete auch meine beste Freundin hier, der ich es noch nicht gesagt hatte.

In der Pause suchte ich deshalb Luisa auf und berichtete ihr in einem leeren Klassenzimmer davon. Auch sie war sofort begeistert. »Das ist toll, Nele. Das musst du machen. Ich bin auch Julias Meinung. Wirklich!« Irgendwie war ich erleichtert, das von ihr zu hören. »Aber dann wären wir keine Kolleginnen mehr...«, stellte ich fest und sie unterbrach mich: »Aber wir sind Freundinnen! Natürlich würde ich dich vermissen. Sehr sogar. Aber allzu weit entfernt wohnst du ja schließlich auch nicht. Das ist doch alles machbar.«

Ich ließ es mir noch eine Woche durch den Kopf gehen. Ich hatte eine Liste erstellt. Mit Punkten, die dafür und mit Punkten, die dagegen sprachen. Ich hatte einen Entschluss gefasst und rief Frau Jühlich an. »Ah, Frau Melling. So früh hatte ich nicht mit Ihrem Anruf gerechnet. Sie sind sehr schnell, muss ich sagen. Ich hoffe, Sie haben gute Nachrichten für mich. Mein Tag war schon mies genug, da kann ich etwas Positives vertragen.« Ich antwortete ihr: »Ich habe lange überlegt. Habe sogar eine Liste geführt. Und Ihr Angebot ist für mich noch immer surreal, aber ich habe mich entschieden. Die Antwort ist: Ja. Ja, ich werde die neue Direktorin.«

Sturzflug ins Herz || txsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt