Am nächsten Tag ging ich mit gemischten Gefühlen in die Schule. Ich wusste, dass Luisa Bescheid wusste über Julia und mich und sie wollte mit mir darüber sprechen. Und wie ich sie kannte, fing sie mich auf dem Weg ins Lehrerzimmer ab und zog mich in einen noch leeren Klassenraum. Sie sah mich auffordernd an, aber ich sagte kein Wort. »Ich dachte echt, dass ihr beide es geklärt habt. Verstehe mich nicht falsch, Nele. Ich bin auf deiner Seite und stehe zu dir, aber ich finde es blöd von dir, dass du es mir verschwiegen hast.« Betreten sah ich kurz zu Boden, dann antwortete ich: »Es tut mir leid. Wirklich. Das musst du mir glauben. Ich wollte es dir sagen, dass zwischen uns mehr ist. Ich habe versucht, mich von ihr fernzuhalten, aber es ist unmöglich. Sie zieht mich an. Ich wollte dir damit nicht in den Rücken fallen oder so. Ehrlich nicht. Und ich könnte verstehen, wenn du mich nicht mehr als Trauzeugin haben möchtest.«
»Nele, Quatsch! Ist schon in Ordnung, aber versprich mir, dass du ab jetzt mit mir über alles redest, ja?« Ich versprach es ihr. Dann redeten wir noch einen Moment über ihre bevorstehende Hochzeit und Luisas Augen leuchteten. Sie war ein Mensch, der oft gute Laune hatte, aber so glücklich hatte ich sie schon ewig nicht mehr gesehen. Es war ein toller Anblick. Dann klingelte es.
Der Unterricht begann und in der Pause traf ich Julia heimlich. Ich erzählte ihr von dem Gespräch mit Luisa und sie verstand mich. Sie war der festen Überzeugung, dass Luisa es für sich behalten würde. Sie wusste, dass ich ihr vertraute und aus diesem Grund tat sie es auch. »Sehen wir uns heute Abend?« Nun umspielte ein verführerisches Lächeln ihre Lippen. »Ich schaue kurz in meinen Terminkalender, ob es passt oder ob ich da schon meine andere Freundin treffe...«, äußerte sie sich und blätterte in einem imaginären Terminkalender umher. Dann räusperte sie sich und sagte: »Du hast Glück gehabt. Heute Abend habe ich tatsächlich Zeit für dich.« Ich nahm ihre Hand und küsste diese. »Da habe ich aber wirklich Glück gehabt.« Nun lächelte sie.
Der Tag zog sich endlos lang hin. Ich konnte es kaum erwarten, am Abend wieder ihre Lippen zu spüren. So wie man sich als Kind auf den Geburtstag gefreut hatte, so freute ich mich auf das Treffen mit ihr. Ich fuhr nach der Schule noch ein paar Sachen einkaufen, ging duschen und dann stand sie auch schon vor meiner Tür. Ich öffnete und meine Hände waren feucht, was mir sehr unangenehm war, aber ich konnte es nicht ändern. Die Hitze breitete sich in meinem gesamten Körper aus. Dann geschah es. Sie lächelte mich an und ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Ich zog sie in meine Wohnung und küsste sie wild. »Das ist einfach nur verrückt, was du mit mir machst«, murmelte ich. Dann trennten wir uns voneinander und sie erwiderte lachend: »Nein, verrückt ist das, was DU mit MIR machst.«
Wir kochten zusammen und es fühlte sich gut an, denn es war eine Sache aus dem Alltag. Jedes normale Paar konnte zusammen kochen. Für die war es vielleicht nicht besonders, sondern selbstverständlich. Aber uns bedeutete es viel. Dann setzten wir uns und aßen. Plötzlich wurde ihr Gesichtsausdruck ernst. Sie fragte: »Denkst du manchmal, dass es ein Fehler mit uns war? Dass wir es überstürzen?« Erschrocken sah ich sie an. »Nein, natürlich nicht. Wie kommst du darauf? Also ich muss ehrlich zugeben, dass du mich direkt am ersten Tag in deinen Bann gezogen hast. Es war nicht überstürzt. Vielleicht etwas. Aber meine Gefühle für dich sind echt. Und natürlich ist es verboten zwischen uns, das wissen wir beide. Nur das ist der Fehler daran.« Beruhigt nickte sie. »Ja, so sehe ich das auch.«
Dann räumten wir auf. Als ich gerade die Teller in die Spüle stellte, klingelte mein Handy. Eine Nachricht wurde mir angezeigt. Von Michael. Ich verdrehte die Augen, das konnte doch nicht wahr sein. Ich las die Nachricht: »Hey Nele, lass uns doch bitte noch einmal reden, ich kann deine Entscheidung so nicht akzeptieren.« Genervt stöhnte ich auf. Ich antwortete gar nicht erst darauf, sondern blockierte seine Nummer. Julia fragte nach und ich erzählte ihr davon. Michael machte mich wütend. »Warum kann er meine Entscheidung nicht einfach akzeptieren? Sein Verhalten ist doch krank. Und es nervt total.«
Aber ich wollte mir den Abend nicht verderben lassen. Immerhin war gerade die schönste Frau der Welt in meiner Wohnung. Wegen mir. Das brachte mich zum Lächeln und ich küsste sie. »Das ist jetzt genau das, was ich brauche.« Meine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern. Sie hauchte mir zu: »Das klingt gut. Ich kann mit vielen Küssen dienen. Die ganze Nacht, wenn du willst.« In meinem Gesicht breitete sich ein breites Grinsen aus. Das wollte ich hören.
Wir ließen uns auf die Couch fallen und kuschelten uns aneinander. »Meine Eltern haben mich übrigens gefragt, ob es mir hier gefällt und ob ich mich wohlfühle. Du weißt ja, dass der Umzug für mich nicht so einfach war.« Erwartungsvoll sah ich sie an. »Und? Was hast du gesagt?« Sie nahm meine Hand. »Ich habe ihnen gesagt, dass ich mich noch nie irgendwo so wohlgefühlt habe. Und das meine ich ernst. Noch nie war ich so glücklich. Du bereicherst mein Leben sehr und ich bin froh, dass meine Eltern sich für diese Stadt entschieden haben. Das war Schicksal, Nele. Wäre das alles im Vorfeld nicht passiert, wären wir uns vielleicht nie begegnet. Und dieser Gedanke, was dieser Unfall ausgelöst und mit sich gebracht hat, ist unglaublich. Er hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen und dann traf ich dich. Es soll alles so sein. Davon bin ich überzeugt.« Gedankenverloren streichelte ich ihr über den Arm. Das stimmte. Ich glaubte auch an Schicksal und das hatte sie zu mir geführt, in meine Arme, in mein Herz.
»Ich glaube, ich muss jetzt leider los. Auch wenn ich für immer hier so liegen könnte.« Ich stimmte ihr zu. Es war spät geworden. Wir standen auf und sie gähnte. Auch ich musste gähnen. »Tolles Prinzip, was? Der eine gähnt und der andere muss automatisch auch gähnen.« Ich lachte auf. Dann brachte ich sie zur Tür und mit einem langen Kuss verabschiedeten wir uns voneinander. Ich wartete, bis die Haustür unten leise ins Schloss fiel und das Licht im Flur ausging, dann schloss ich die Tür. Gerade hatte ich mich wieder auf die Couch gesetzt, klingelte es. Hatte Julia etwas vergessen? Ich drückte einfach auf und wartete an der Tür mit einem Lächeln im Gesicht auf sie. Gerade wollte ich etwas sagen, doch dann sah ich, dass es nicht Julia war, die die Treppe hochkam. Es war Michael. Und mein Lächeln fror ein.
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Sturzflug ins Herz || txs
Romance»Ich glaube, ich bin verliebt.« Meine beste Freundin Luisa sah mich mit ausdrucksloser Miene an. »Nele, das ist doch wunderbar. Gibt es doch endlich wieder einen Mann an deiner Seite?« Wortlos schüttelte ich den Kopf und in ihrem Blick erkannte ich...
