Hatte ich Julia gerade ernsthaft gesagt, dass ich sie mochte? Was war nur in mich gefahren? Ich wagte einen Blick zu ihr. Sie lächelte mich an. Und ich konnte nur zurück lächeln. Dann räumten wir gemeinsam auf. Wir hatten fast den gesamten Kuchen verkauft. »Frau Melling?«, hörte ich sie sagen. »Ja?«, fragte ich sie. Ihr Lächeln war nun etwas schüchtern. »Wollen wir am Wochenende vielleicht etwas zusammen unternehmen? Wir könnten ein Eis essen oder Tretboot fahren. Ich habe am Knieperteich gesehen, dass man das dort mieten kann.« Ich schaute sie an. Was sollte ich sagen? Ja, super gern? Nein, es geht nicht, weil ich deine Lehrerin bin? Als ich nicht antwortete, stammelte sie: »Also nur, wenn... wenn Sie möchten. Ich weiß, ich habe schon gefragt, aber... ja.« Antworte Nele! »Ja, können wir gern machen. Tretboot klingt gut.« Ihre Miene entspannte sich und ich bemerkte, dass sie etwas rot wurde. Hatte ich gerade wirklich zugesagt? »Wann passt es Ihnen am besten?«, fragte sie mich gespannt. »Ähm, ich gebe dir mal meine Nummer.« Schnell kramte ich mein Handy aus der Tasche. Sie speicherte sich die Nummer ab und gab mir auch ihre. »Für den Notfall«, sagte sie grinsend. Ich musste schmunzeln und wir verabschiedeten uns.
Als ich auf dem Weg zum Auto war, kam Luisa mir entgegen. »Was grinst du denn so?«, fragte sie lachend. Oh, sah man mir meine Freude an? »Es ist Wochenende. Da darf man sich doch freuen, oder?«, brachte ich schlagfertig heraus. »Nele Melling, ich kenne dich jetzt schon eine ganze Weile und glaub mir - das hat nichts mit dem Wochenende zu tun.« Punkt für sie. Das war es dann mit meiner Schlagfertigkeit. Ich konnte ihr nicht erzählen, dass es an Julia lag. »Nicht so wichtig«, gab ich zur Antwort. »Ich muss jetzt mal los«, wimmelte ich sie ab. »Darüber reden wir aber noch einmal«, rief sie mir zu, als ich ins Auto stieg. Es war noch warm. Aber eher angenehm warm, nicht mehr zu heiß. Die ersten drei Schulwochen waren geschafft. Bald schon würde wieder der Winter kommen. Ich wollte gar nicht daran denken. Ich liebte den Sommer. Dann startete ich den Motor und fuhr los.
Hatte ich meiner Schülerin wirklich meine Handynummer gegeben? Ich war doch vollkommen verrückt. Warum konnte ich nicht ein einziges Mal über meine Entscheidungen nachdenken? Als ich das Auto abstellte, nahm ich mein Handy in die Hand und öffnete WhatsApp. Ich aktualisierte meine Kontakte und dann stand dort ihr Name. Julia. Auf ihrem Profilbild war sie am Strand. Sie spielte Volleyball und lächelte direkt in die Kamera. Was für ein Schnappschuss, dachte ich. Meine Knie wurden wieder weich und mein Herz klopfte. Warum war dieses Mädchen nur so unfassbar schön? Sie trug einen braunen Bikini mit weißen Punkten und er stand ihr außerordentlich gut. Ihre Haare trug sie als Dutt und ihre Augen funkelten. Konnte es sein? Entwickelte ich Gefühle für Julia, die immer stärker wurden? Und wenn es so war, warum traf ich mich dann mit ihr? Das würde es doch nur noch schlimmer machen. Ich las ihren Status: »For me, there is only you.« Vor vier Tagen hatte sie ihn geändert. Mein Herz zog sich zusammen. Für sie gab es nur diesen einen Menschen. Es schmerzte, dass sie nicht mich meinte. Plötzlich änderte sich ihr »zuletzt online« zu »online« und mein Herz klopfte immer schneller. Ich hatte fest damit gerechnet, dass sie mir schreiben würde. Doch dann ging sie wieder offline. Ich verließ unseren leeren Chat und ging in meine Wohnung. Ich wollte ihr schreiben. Kämpfte aber gegen mich selbst an. Sie wird sich schon melden.
Plötzlich klingelte mein Handy. Als ich las, dass meine Mutter anrief, war ich enttäuscht. »Ja?«, nahm ich ab. »Nele, hallo. Hier ist Mama.« Ehrlich? Das hatte ich wohl überlesen. »Hey, was gibt es?«, fragte ich sie. »Wir wollen morgen Abend grillen mit unseren neuen Nachbarn. Willst du auch vorbeikommen? Wir würden uns sehr freuen.« Ich schämte mich etwas dafür, dass wir uns nicht so oft sahen, obwohl wir in der gleichen Stadt wohnten. »Ja, gern. Danke für die Einladung.« Wir plauderten noch ein bisschen, bis sie dann auflegte. Ich räumte meine Wohnung auf und setzte mich mit meinem Buch und einem Glas Weißwein auf die Terrasse. Ich las immer noch »Geheimer Ort«, weil ich momentan nicht allzu viel Zeit dafür hatte. Dann piepte mein Handy kurz. Ich sprang vor Schreck auf und lief in die Küche, schnappte es mir vom Tisch und schaute auf das Display. WhatsApp. Julia hatte geschrieben. »Huhu, morgen um 15 Uhr? :)« Ich las die Worte immer wieder. Es war wie ein Rausch. Dann endlich tippte ich eine Nachricht ein: »Passt perfekt. Treffen wir uns direkt am Teich?« und schickte sie ab. Sofort erschienen die blauen Häkchen, die anzeigten, dass sie es gelesen hatte. »Julia schreibt...« - einatmen, ausatmen, einatmen. »Ja, können wir machen. Dann bis morgen. Ich freue mich!«, kam zurück. »Bis morgen :)«, war meine Antwort. Dann war sie wieder offline.
Ich konnte nicht mehr klar denken. Meine einzigen Gedanken waren Julia. Wie die gesamten letzten Wochen. Ich hatte sie ins Herz geschlossen. In so kurzer Zeit. Das machte mir schreckliche Angst. Ich dachte an ihre Lippen. An das, was vorhin fast im Lager passiert wäre. Ich war kurz davor gewesen. Ich wollte sie küssen. Hätte sie mich weggestoßen? Wäre ich vielleicht einfach nur ihr Trost gewesen? Immerhin dachte sie an einen anderen Menschen. Ich war so neugierig. Wen meinte sie? Es fühlte sich alles so falsch an. Aber irgendwie doch richtig. Ich wollte, dass sie mich auch wollte. Meine Gedanken ließen mir keine Ruhe. Ich wollte alles über sie wissen. Was sie am liebsten aß, welches Duschbad sie benutzte, welche Musik sie hörte. Aber am allermeisten wollte ich wissen, wie sich ihre Lippen anfühlten und wie sie schmeckten. Als mir klar wurde, an was ich da dachte, erklärte ich mich für komplett verrückt. Nele, sie ist deine Schülerin! Du hast Verpflichtungen, warnte mein Kopf mich. Du hast Gefühle und bist auch nur ein Mensch, mischte mein Herz sich ein. Was war richtig? Ich musste meine Gefühle verstecken. Sie durfte nicht wissen, wie viel sie mir bedeutete, obwohl ich es am liebsten der ganzen Welt zeigen wollte. Es fühlte sich an wie ein Sturzflug ins Herz.
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Sturzflug ins Herz || txs
Romansa»Ich glaube, ich bin verliebt.« Meine beste Freundin Luisa sah mich mit ausdrucksloser Miene an. »Nele, das ist doch wunderbar. Gibt es doch endlich wieder einen Mann an deiner Seite?« Wortlos schüttelte ich den Kopf und in ihrem Blick erkannte ich...
