Kapitel 9

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»Piep, piep, piep«, ertönte der Wecker. Ja, ich besaß noch einen richtigen Wecker. Normalerweise stellte ich ihn in meinem Handy, aber manchmal dann doch den richtigen. Warum auch immer. Mit einem Stöhnen schaltete ich ihn aus. Ich wollte nicht aufstehen. Wollte einfach liegen bleiben und schlafen. Ich konnte es nicht ertragen, wie Julia mich behandelte. Wie Luft. »Nicht mit Ihnen« - wann würden diese Worte aus meinem Kopf verschwinden? Und wann würde Julia verschwinden? Es war nicht gesund, dass ich innerhalb dieser kurzen Zeit so viel an sie dachte. Langsam schaffte ich es aus dem Bett. Ich hüpfte unter die Dusche und hoffte, dass das Wasser mir die Gedanken an sie wegspülen würde. Doch nichts geschah. Alles war unverändert. Ich dachte an später. Wir beide würden Kaffee und Kuchen verkaufen. Nebeneinander. Würden wir uns anschweigen? So wie die letzten Tage? Ich sollte sie normal behandeln. So wie alle anderen Schüler auch. Aber das war ganz schön schwer, weil sie mich komplett durcheinander brachte.

Im Auto suchte ich meine CD von »The Script« raus. Ich wählte das achte Lied aus. Es war »Breakeven« - hach. Ich liebte dieses Lied. Dann ertönte der Refrain. »What am I supposed to do when the best part of me was always you? And what am I supposed to say when I'm all choked up and you're OK? I'm falling to pieces, yeah, I'm falling to pieces.» Eine Träne lief über meine Wange. Ganz toll. Jetzt wurde ich auch noch sentimental. Ich fuhr auf den Parkplatz, drehte den Schlüssel um und die Musik verstummte. Ruhig, sprach ich mir zu. Alles wird gut. Entschlossen stieg ich aus. Dann erblickte ich Julia und am liebsten wäre ich wieder ins Auto gestiegen und losgefahren. Irgendwohin. Ihr Blick traf mich, dann war sie im Schulgebäude verschwunden. Auch ich ging hinein zu unserem Stand, den ich gestern schon vorbereitet hatte. Sie wartete dort. 

»Guten Morgen«, begrüßte sie mich. Verblüfft starrte ich sie an. Sie redete mit mir. »Oh, dir auch einen guten Morgen«, antwortete ich dann erstaunt. Ein kleines Lächeln machte sich in ihrem Gesicht breit. Wie ich das vermisste hatte. Sie war so schön, wenn sie lächelte. Wie oft ich das in den letzten Tage gedacht hatte. Mir wurde heiß. »Lass uns den Kuchen holen«, lenkte ich ab und wir gingen schweigend nebeneinander her. »Hast du dich gut eingelebt?«, versuchte ich das Schweigen zu brechen. »Ja, schon.« Sie blieb stehen. Ich drehte mich zu ihr um. Sie öffnete ihren Mund und wollte etwas sagen. Dann schloss sie ihn schnell wieder und ging weiter. Ich wollte nachfragen, aber beließ es dabei. »Nicht mit Ihnen« ging mir wieder durch den Kopf. Wir besorgten verschiedene Kuchen und stellten sie auf. Dann kamen auch schon die ersten Schüler. Wir verkauften beide fleißig viele Stückchen. Doch dann gingen uns die Pappteller aus. »Frau Melling, ich geh mal neue besorgen. Die stehen doch in diesem kleinen Lagerraum, oder?«, fragte Julia plötzlich. Ich schreckte zusammen. »Ja, gute Idee.« Sie ging los. Mein Blick verfolgte sie.

Ich dachte nach. Konnte das wirklich sein? Empfand ich mehr für sie? Für eine... SCHÜLERIN? Ich schob den Gedanken daran weit weg. Wo blieb sie denn? Sie war schon eine ganze Weile verschwunden. Automatisch ging ich in Richtung Lager. Die Tür stand einen kleinen Spalt auf. Ein leises Schluchzen war zu hören. Ich steckte meinen Kopf durch die Tür. »Julia?«, fragte ich besorgt. Sofort wurde es still. Ich ging hinein. Sie saß am Boden. Wischte sich Tränen aus dem Gesicht. In mir breiteten sich gemischte Gefühle aus. Langsam ging ich zu ihr hinüber. »Hey, was ist denn los?« Mit ihren geschwollenen roten Augen sah sie zu mir auf. »Nichts. Mir geht es gut.« Pah, natürlich. Ich kniete mich nieder. »Das kann ich dir irgendwie nicht glauben, Julia. Du kannst mit mir reden. Über alles. Das bleibt auf jeden Fall unter uns. Da kannst du dir sicher sein.« Sie holte Luft. »Ich weiß. Aber es ist so kompliziert. Ich hab keine Ahnung, was ich denken und fühlen soll. Das überfordert mich total.« Mit meiner Hand strich ich ihr eine lange Haarsträhne zur Seite. Als ich sie zurückziehen wollte, griff sie nach ihr. Wir beide am Boden, Hand in Hand. Für einen Moment war es still. »Rede mit ihm über deine Gefühle. Das wird dir vielleicht helfen. Wie steht er denn dazu?« Sie lachte auf. Es war kein fröhliches Lachen. Es wirkte kalt. »Ihm? Es ist eine Frau.« Dann fügte sie hinzu: »Eine wunderbare Frau.« Ihre Stimme war etwas wärmer, als sie das sagte. Es verletzte mich. Ich wollte nicht, dass sie eine andere Frau toll fand. Aber was wollte ich dann? Dass sie mich mochte? Unvorstellbar.

»Dann rede mit ihr. Das Lächeln steht dir übrigens besser.« Was redete ich hier nur? »Das ist alles so verrückt. Ich kenne sie doch noch gar nicht wirklich. Und außerdem ist es mit uns aussichtslos. Ich glaube, sie steht auch gar nicht auf Frauen.« Traurig schaute sie mich wieder an. Wenn sie wüsste, dass es mir ähnlich ging. Ich zog sie hoch. Umarmte sie. Es hielt mich zusammen. Ich wollte sie nicht loslassen, weil ich drohte auseinander zu brechen. Ihr Parfüm vernebelte mir die Sinne. Julia zog mich dichter an ihren Körper und ich ließ es zu. Mein Herz klopfte wild und ich hatte Angst, dass sie es hörte. Ich wollte sie küssen und ihre Lippen spüren. Aber es war falsch. Es war verboten. Ich war ihre Lehrerin. Und sie in einen anderen Menschen verliebt. Doch warum gab mir ihre Nähe so viel Kraft? Ich war mir auch nicht sicher, was ich fühlen sollte. Aber ich wollte sie nie wieder loslassen.

Dann schob Julia mich ein kleines Stück weg. »Danke«, hauchte sie. Ihr Atem war frisch. Unsere Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt. Sie atmete ungleichmäßig. Immer schneller. Wir bewegten uns nicht. Sahen uns einfach nur in die Augen. Das Verlangen wurde immer stärker. Mein Kopf neigte sich zu ihr. Sie öffnete leicht den Mund und ich kam ihr immer näher. Halt, nein. Stopp. Ich musste mich zurückhalten und durfte es gar nicht erst darauf ankommen lassen. Also ließ ich sie los. »Wir sollten zurückgehen. Der Stand ist schon viel zu lange alleine«, sagte ich schließlich. Sie nickte. »Ja, wir sollten gehen. Mir geht es schon wieder viel besser.« Wir bewegten uns in Richtung Tür. Bevor wir rausgingen, hielt ich sie zurück und teilte ihr meine Gedanken mit, ohne überhaupt weiter darüber nachzudenken. »Du gefällst mir. Du gefällst mir sogar sehr, Julia Wagner.«

Sturzflug ins Herz || txsGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt