Über uns schien das Mondlicht durch die weit verteilte Wolkendecke auf das ruhige Wasser, das unsere Füße umgab. Cole und ich hatten uns kurzerhand auf das immer feuchter werdende Holz des Stegs gelegt, wodurch unsere Füße im relativ kalten Wasser baumelten. Tatsächlich hatte ich mich schräg zu Cole niedergelassen, sodass ich meinen Kopf auf seinem Brustkorb ablegen konnte. Ruhig streichelte er meine Haare, fuhr mit seinen Fingern durch meine blonden Strähnen und legte seine andere Hand auf meinem Bauch ab. Also wirklich auch auf meinem Bauch, denn er hatte meinen Pullover nach oben geschoben und streichelte meine entblößte Haut, während ich seine Hand nur festhielt, damit sie mich nicht unerwartet totkitzeln könnte! Ich musste hier mit allem rechnen, das hatte er früher im Unterricht schon oft gemacht und ich bekam immer richtig den Ärger, weil ich plötzlich einfach laut rum schrie. Irgendwann würde er das nochmal von mir zurückbekommen!
"Ich weiß noch genau wie das war als du dich geoutet hast", löste er auf einmal die Ruhe auf.
"Wie alt waren wir da nochmal? Vierzehn?", fragte er nachdenklich.
"Dreizehn, glaub ich", antwortete ich, obwohl ich mir selbst nicht sicher war.
"Dreizehn, krass, mit dreizehn warst du schon so mutig!", erzählte er weiter. Gespannt lauschte ich ihm und selbst wenn ich mich damals nie als mutig empfunden hatte, hatte er wahrscheinlich recht.
"Wir hatten diese wöchentliche Besprechung mit Frau Bergold und du hast einfach allen richtig casual, so richtig smooth in einem Nebensatz gesagt, dass du schwul bist. Alle haben dir so zugehört und man konnte richtig sehen, wie sie erst eine halbe Minute später begriffen hatten, was du da gesagt hast. Das war einfach so krass", gab er mir als Kompliment. Für einen Moment überlegte ich, ob ich da tatsächlich mit Cole drüber reden sollte und erinnerte mich daran, was Tyler zu Beziehungen gesagt hatte. Dass man mit seinem Partner reden musste und das war wahrscheinlich der schwierigste Part von allem. Ich atmete entspannt aus und umschloss Coles Hand mit meiner.
"Genau genommen bin ich nicht nur schwul", fing ich an.
"Nicht?", wunderte sich Cole lautstark.
"Also ja doch schon irgendwie, das ist kompliziert. Ich hab nie wirklich das Verlangen nach Sex mit jemandem gehabt oder fand jemanden attraktiv oder so. Es ist eher so, umso mehr Zeit ich mit jemanden verbracht habe, umso wahrscheinlicher war es, dass ich angefangen habe ihn zu mögen. Was ich sagen will, ist, dass ich nie wirklich das Verlangen hatte jemanden zu küssen oder zu berühren, außer dir. Ich wollte immer nur dich. Für mich gab es sonst niemanden, den ich attraktiv fand", erklärte ich meine Gefühlslage.
"Du fandest niemanden außer mir attraktiv, nicht mal ein bisschen? Was ist mit Justin, der sieht doch auch ganz gut aus?", fragte Cole nach.
Natürlich war das alles schwer zu verstehen, selbst meine Eltern hatten das nicht begreifen können. Ich war nicht asexuell oder so, offensichtlich nicht, nachdem, was ich heute mit Cole getan hatte. Aber generell hatte ich nie Interesse an Sex oder ähnlichem gehabt. Cole war wie die Ausnahme, er fühlte sich einfach richtig an. Manchmal machte mich das richtig fertig - an manchen Tagen, eher Phasen - in manchen Phasen hatte ich das Gefühl, nichts zu empfinden, obwohl ich das tat. Ich hatte manchmal angefangen zu weinen und ich wusste nicht mal warum. Irgendwann fand ich einen Artikel im Internet über Demisexualität, Greyasexualität und die verschiedenen Spektren von Sexualitäten und Orientierungen, was mir half mich etwas einzuordnen, auch wenn es nicht richtig passte. Was aber passte war die Erkenntnis darüber, was ich hier versuchte auszudrücken: Dass ich nichts so richtig bin, denn ein Label macht mich nicht aus, sondern ich mache das Label. Es zeigt mir nur, dass es andere Menschen gibt irgendwo in dieser Welt, die sich vielleicht ähnlich fühlen. Doch darum erzählte ich allen bloß, dass ich schwul war. Das war einfacher, keiner stellte Fragen, alle wussten, was ich damit meinte. Außerdem gingen meine Gefühle niemanden was an außer Cole. Und ich war glücklich mit ihm, das war alles was zählte und alles, was ich immer gehofft hatte, überhaupt einmal zu empfinden.
"Niemanden. Nur dich", antwortete ich auf seine Frage.
Ich schwieg für eine Weile und überlegte, wie ich es ihm am besten erklärte. Es war auch gar nicht so wichtig, dass er alles an meiner Gefühlswelt verstand, sondern viel mehr, dass er wusste, dass er mit mir über alles reden konnte.
"Ich hab mich nicht in dich verliebt, weil du so gut aussiehst - was du natürlich tust - sondern weil du Charakter hast. Du bist lustig, nett und aufmerksam, zu allen, egal wie wenig du jemanden magst, - aber vor allem tollpatschig und unerfahren!", neckte ich ihn, dass er lachen musste. "Und um ehrlich zu sein, hab ich selbst erst vor ein paar Wochen verstanden, was dieses Gefühl in mir überhaupt bedeutet", fuhr ich fort.
"Du liebst mich?", entnahm Cole aus meinen Worten.
"Verarscht du mich grade?", fragte ich und richtete mich auf, sodass meine Füße vom Wasser auf den Steg klatschten. Ich drehte mich zu ihm um und starrte ihn toternst an.
"Ist dir das immer noch nicht klar?", fragte ich geschockt.
"Es zu sagen und zu zeigen, sind zwei unterschiedliche Dinge, weißt du", antwortete er genauso ernst wie ich war. Seine Hand glitt durch meine Haare und strich sie zurück, damit er mich küssen konnte.
"Mein Vater sagt mir immer, dass er mich liebt, aber er tuts nicht. Und meine Mutter zeigt mir, dass sie mich liebt, hat es aber noch nicht einmal zu mir gesagt -
Henry, du bist der erste, der mir in meinem Leben beides gezeigt hat... Ich verstehe, wie du dich fühlst, denn ich hab auch noch nie für jemanden so empfunden, wie für dich", erklärte er mir.
Tyler hatte verdammt Recht gehabt, mit Cole über meine Gefühle zu reden, hatte uns noch mehr zusammen gebracht als wir sowieso schon waren. Glücklicher als jetzt hätte ich nicht sein können. Lächelnd ließ ich mich neben Cole fallen und ließ einen Arm und ein Bein auf ihm liegen, klammerte mich seitlich an ihn und ließ meinen Kopf auf seiner Brust nieder. Gleichermaßen hielt er mich mit seinen Armen fest an sich, wärmte mich in der feuchten Nachtluft.
"Wir haben es beide nicht einfach, was?", sagte ich leise.
"Wer hat das schon", entgegnete er.
Für eine Weile sagten wir nichts mehr und ich wollte auch nichts sagen. Seine Körperwärme erzählte mir gerade mehr als jedes Wort. Doch eine Sache gab es noch, die mich bedrückte.
"Ich will nicht, dass du dich gezwungen fühlst, dich vor allen zu outen, nur weil ich das getan hab, okay? Du bist in einer ganz anderen Situation als ich - lass dir so viel Zeit wie du brauchst", bot ich ihm meine Hilfe an.
Cole richtete sich auf und griff mich an den Schultern. Da hatte ich gar keine Wahl als ihm in die Augen zu schauen.
"Ich werde mich nicht outen, denn das hier geht niemanden etwas an, außer dich und mich", erklärte er und zeigte mit seinem Finger zwischen uns hin und her", und es ist ganz sicher kein Geheimnis. Ich liebe dich und das muss man nicht verstecken. Also gibt es auch nichts, worüber ich mich zu outen hätte. Wärst du meine Freundin, müsste ich auch keine Rede vor der ganzen Schule halten, was sollte dein Geschlecht daran ändern, verdammt! Gut, vielleicht wird es am Anfang nicht einfach sein, dann ist das so. Das Leben ist kein Ponyhof!"
Er keuchte aus und schnappte nach Luft. Im selben Moment griff er meine Hand.
"Ich werde deine Hand halten wie jede andere! - Ich werde dich küssen, wann ich will und es ist mir scheiß egal, was irgendjemand anderes sagt...
Solang du glücklich bist, bin ich das auch! Das ist alles, was für mich zählt."
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Nervös mit dir [boyxboy]
Storie d'amoreHenry hat ein Geheimnis, das er seinem besten Freund einfach nicht sagen kann. Wie soll er eine ganze Woche auf Klassenfahrt mit Nicholas überleben, wenn er ihm immer wieder den Kopf verdreht? Das ist eine Original boyxboy Story. Sehr gayer Conten...
![Nervös mit dir [boyxboy]](https://img.wattpad.com/cover/316005424-64-k773856.jpg)