~24

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Nicht lange nachdem Tyler die Karten verteilt hatte, mussten wir alle unsere Augen schließen, weil die erste Runde begann.

Wir schliefen tief und fest in unseren weichen gemütlichen Betten, alle bis auf mich, denn ich war die Spionin. Natürlich durfte ich mich in der Dunkelheit der Nacht nicht sehen lassen, musste aufpassen, dass mein Kleid nicht in einem der Büsche festhängen bleiben würde. Es grollte laut, ein Gewitter war aufgezogen, die Vampire - sie kamen. Das war mein Stichwort.

"Die Vampire fliegen über das Dorf und suchen ihr nächstes Opfer!", sprach Tyler in dunkler erzählerischer Stimme.

Jetzt durfte ich nicht auffallen, damit die Vampire mich nicht zuerst aussaugten. Vorsichtig versteckte ich mich hinter einem Gebüsch und beobachtete die kräftigen Männer, wie sie aus dem Himmel angeflogen kamen und mein Nachbarhaus aufsuchten, sie hatten sich für Cole entschieden! Was hätte ich tun sollen? Hätte ich eingegriffen, wäre ich selbst gestorben, es bestand nur noch die Hoffnung, dass die allmächtige Zauberin seine Wunden heilen würde und den Fluch der Vampire umkehrte. Schnell rannte ich davon und versteckte mich in meiner Hütte, den Anblick von Coles Tod konnte ich mir nicht antun! Plötzlich zuckte ich zusammen, ein lauter Schuss ertönte und ich öffnete meine Augen. Oben am Himmel stand die Sonne, anscheinend hatte ich die Nacht überlebt.

"Alle wachen aus ihrem Schlaf erschrocken auf, als sie einen lauten Schuss hören. Tut mir leid Cole, aber du wurdest aufgefressen!", erklärte Tyler.

"Ach kommt schon! Direkt in der ersten Runde? Wer ist die egoistische Zauberin, die lieber sich selbst heilt als mich zu retten?", beschwerte er sich ärgerlich. Das verstand ich gut, denn sonst war ich es, der direkt getötet wurde, weil ich zu schlau für das Spiel war und immer herausfand, wer die Vampire waren, selbst wenn ich nicht die Spionin war. Auch wenn ich Vampir war, starb ich meistens direkt aus Prinzip durchs Dorf, weil sie Angst davor hatten, dass ich den Verdacht nur von mir ablenkte. Ich befand mich also regelrecht in einer Zwickmühle, doch dieses Mal war etwas anders. Es erwischte nicht mich, sondern Cole. Eine angenehme Abwechslung.

"Cole war Jäger und kann sich aussuchen, wen er in der letzten Nacht zur Verteidigung erschossen hat, bevor er gestorben ist", redete Tyler weiter.

"Ich wollte erst dich nehmen, Tyler, aber du spielst ja gar nicht mit", lachte er. Anscheinend überlegte er, wen er wählte und schaute zu mir, ich schluckte einmal tief.

"Bitte nicht mich!", dachte ich.

"Klara!", entgegnete er und gab ihr einen Kuss auf den Hals.

"Na toll, ich war der Trickster, gute Wahl", meckerte sie.

"Jetzt müsst ihr trinken!", forderte Amanda sie umgehend auf.

"Na los, runter damit!", ergänzten die anderen Jungs. Und so ging es weiter mit der Dorfabstimmung, in der ein Verdächtiger den Göttern geopfert werden würde, um den Zorn von ihrem Dorf zu lösen.

"Hat jemand was Verdächtiges gesehen?", fragte Amanda und übernahm die Führung. Selbstverständlich war das eine Trickfrage, hätte jemand was gesehen, hätte die Person ihre Augen nicht geschlossen gehabt und machte sie entweder zum Vampir, zur Spionin wie mich oder zu allsehenden Priesterin. Wäre einer von uns dumm genug darauf zu antworten, hätte entweder das Dorf leichtes Spiel oder die Vampire, da sie wüssten, wen sie am besten als Nächstes um die Ecke brachten.

"Ich hab nichts gesehen, aber ich hab so ein Gerücht darüber gehört, dass Eddie sich gerne spät Abends draußen umher treibt!", klagte einer der Fußballspieler seinen Gegenüber an.

"Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Eddie?", fragte Amanda.

"Alles Lügen! Ich sage nichts ohne meinen Anwalt!", entgegnete er.

"Also, wer ist für Eddie?", hing sie hinterher und hob die Hand.

"Lass noch nicht in der ersten Runde abstimmen, wenn wir nichts sicher wissen", riet das große Mädchen. Ich teilte ihre Meinung, es war dumm direkt abzustimmen, damit würden wir nur den Vampiren in die Hände spielen.

"Gut, dann schläft das Dorf wieder ein, weil der Mond schon so weit oben am Himmel steht. Draußen wird es kalt und die Bevölkerung kuschelt sich in ihre warmen Betten!", erzählte Tyler.

Was mich skeptisch gemacht hatte, war Amandas Initiative. Meinem Bauchgefühl nach, war sie der zweite Vampir neben Justin. Da war diese Nacht, die Gelegenheit genau das rauszufinden.

Vorsichtig schlich ich mich also zum Anwesen der machtvollen Prinzessin Amanda, die so spät nachts noch auf ihrem Balkon stand und die Sterne begutachtete. Gott, stehe mir bei! Ich konnte meinen menschlichen Augen nicht glauben, als sich die Prinzessin in ein grässliches Monster mit Flügeln verwandelte. Doch wen erblickte ich hinter ihr? War das nicht der Schmied Justin? Auf einmal schwung der hässliche Kopf der Vampirprinzessin in meine Richtung. Schnell duckte ich mich hinter den Bäumen, in der Hoffnung nicht ihr nächstes Fressen zu werden. Einen weiteren Blickkontakt könnte ich nicht riskieren, ohne in tausende klitzekleine Stücke zerrissen zu werden. So verging Nacht für Nacht. Ich, die Spionin, musste mich zurückhalten und hoffen nicht zu sterben, denn die einzige Hoffnung, die mir blieb, war die tatsächlichen Bösewichte in den Abstimmungen anzuklagen.
Unverhofft erhöhte das jedoch den Zorn des Teufels gegen mich, dass ich nach sechs Runden die Reißzähne des Schmieds in meinem Nacken spürte, während ich schlief. Gerade so konnte ich um Hilfe flehen, doch niemand hörte meine Stimme.

Langsam gab Justin mir einen feuchten Kuss auf meinen Hals. Niemand bemerkte bisher, dass er der letzte verbleibende Vampir war, nachdem ich es geschafft hatte, Amanda aus dem Spiel zu kicken.

"Eine sehr tragische Nacht bricht über dem Dorf ein, als Henry in der Nacht aufgemampft wird und Helen sich das eigene Leben nimmt, denn sie waren das Ehepaar, was eine Lesbentragödie!", vollendete Tyler seine Erzählung. "Damit ist das Spiel zu Ende, die Vampire gewinnen, da das Dorf nicht mehr gewinnen kann!"

Alle hatten bereits die Augen geöffnet und Amanda beugte sich jubelnd hinüber zu Justin, um ihm ein High-Five zu geben. Natürlich musste ich jetzt trinken und Cole überreichte mir die Colaflasche, die sie mit Vodka gemischt hatten. Irgendwie hatte er so einen merkwürdigen Gesichtsausdruck, als ob ihm direkt vor seiner Nase etwas gestohlen wurde. Wie ein nasser Hund gab er mir die Flasche und setzte ein kurzes Lächeln auf, als er mir für eine Sekunde in die Augen sah. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob alles in Ordnung war, aber dafür hatte ich gar nicht die Zeit.

"Jetzt bist du Erzählerin", forderte Tyler von Amanda. Wahrscheinlich war das auch nur fair. Und so verbrachten wir alle gemeinsam unseren Nachmittag mit jeder Menge Alkohol. Insgesamt spielten wir bestimmt vier oder fünf Runden, bevor es langweilig wurde und wir zu Wahrheit oder Pflicht wechselten.

Nervös mit dir [boyxboy]Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt