Kapitel 8

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Schlecht gelaunt rührte ich in meiner Kaffeetasse herum. Auch wenn Draco es tatsächlich durchgezogen hatte, Harry im Hogwartsexpress anzugreifen, hatte es unterm Strich sehr wenig gebracht. Er war leider nicht mit dem Zug zurück nach London gereist, sondern war nur verspätet zur Schule gebracht worden. Zugegeben, die blutige Nase hatte mir gefallen, doch das, was ich eigentlich wollte, war nicht eingetreten.
Potter war nicht einmal eine Nacht weniger in Hogwarts. Ich hatte gehofft, er würde etwas länger unfreiwillig von der Schule wegbleiben. Wenigstens für ein paar Stunden, aber nein, dieser verdammte Glückspilz kam einfach zum Nachtisch herein. Wenigstens das richtige Abendessen verschwand einfach, als er sich etwas nehmen wollte. Ein wenig Genugtuung, aber viel zu wenig, wenn man bedachte, dass er Patricia ihren Vater, ihr zu Hause, genommen hatte.
Hinter mir räusperte sich jemand. Neugierig sah ich dorthin, nur um Snape zu erblicken. Es wunderte mich etwas, dass der neue Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste mich einfach so bei meinen Gedanken unterbrach. In Malfoy Manor hatte das eigentlich nie jemand gewagt, außer es gab einen wirklich sehr guten Grund dafür. Allerdings war ich hier wieder einfach nur Schülerin, nicht mehr die Basílissa. Jedenfalls würde ich so tun müssen, also gehörte es wohl zu meiner Rolle diese Unterbrechung zu dulden.
„Sie müssen ihre Fächer wählen", stellte mein Hauslehrer mit seiner üblichen schnarrenden Stimme fest. In seinem Blick konnte man keine Spur von Angst erkennen. Faszinierend. Das hatte ich schon lange nicht mehr bei Leuten gesehen, mit denen ich sprach. Vor allem wenn man noch bedachte, dass Adina neben mir so aussah, als würde sie denken, ich würde für die Unterbrechung gleich den Lehrer töten.
„Muss ich wohl", erwiderte ich, während ich fieberhaft darüber nachdachte, was denn nun meine Wahl war. Bisher war ich noch nicht zu einem Schluss gekommen, ob ich Kira und Mary möglichst oft mit meiner Anwesenheit quälen wollte oder lieber nur ein Fach weiter belegen wollte. Ich sah zum Gryffindortisch herüber, wo gerade mein Zwilling und ihre Cousine zusammen mit Neville aßen. Erneut brodelte die Wut in meinem Bauch, weil sie die Kindheit hatten, die Patricia verwehrt geblieben war. Ich würde mir bestimmt keine Gelegenheit entgehen lassen, um die beiden mit meiner Anwesenheit zu wählen.
„Zaubertränke, Zauberkunst, Verwandlung, Verteidigung gegen die dunklen Künste und Kräuterkunde", sprudelten die wahrscheinlichsten Fächer von den beiden Mädchen aus mir heraus.
Snape nickte leicht, als Zeichen, dass er verstanden hatte. Er tippte kurz auf ein Blatt Pergament. Schwarze Tintenstriche breiteten sich von dem Berührungspunkt aus. Sie formten sich zu Wörtern und einer Tabelle. Keine zwei Sekunden später wurde mir auch schon ein fertiger Stundenplan überreicht. Der Lehrer wandte sich an Adina, während ich kurz auf den Plan sah. Als erstes hätte ich eine Freistunde und danach Verteidigung gegen die dunklen Künste. Das hieß, ich konnte gleich erstmal in Ruhe nach Helena Ravenclaw alias der grauen Dame suchen gehen.

Bis zum Unterricht war meine Laune im Keller. Ich hatte den Hausgeist von Ravenclaw nicht gefunden und jetzt musste ich auch noch meine Suche unterbrechen, weil ich ja unbedingt als Schülerin in Hogwarts leben sollte. Was für eine Zeitverschwendung. Nicht einmal als ich Kira, Mary und Harry in der Schlange vor dem Klassenraum entdeckte, verbesserte sich meine Laune wesentlich. Dabei wurden sie alle brav ein wenig blasser, als ich auftauchte.
Kaum hatte ich mich in die Schlange aufgereiht, ging die Tür zum Klassenzimmer auch schon auf. Wenigstens musste ich meine kostbare Zeit nicht mit unnötigem Warten verschwenden. Snape kam auf den Korridor getreten, weshalb die Gespräche um mich herum schlagartig verstummten.
„Eintreten", wurden wir mit der üblichen schnarrenden Stimme des Lehrers angewiesen.
Der Klassenraum hatte sich mal wieder komplett verändert. Er war viel düsterer als früher, das nun Vorhänge die Fenster verdeckten. Anstelle des Sonnenlichts verbreiteten ein Haufen Kerzen ihr flackerndes Licht. Bilder – die meisten von ihnen zeigten verfluchte Menschen, die entweder unter Schmerzen litten, grässliche Verletzungen oder seltsam verrenkte Körperteile hatten – zierten die Wand. Die meisten Schüler sahen sie ziemlich verängstigt an, während sie sich leise auf ihre Plätze setzen.
Ich selbst machte es mir in der letzten Reihe bequem. Adina setzte sich eher automatisch neben mich, schenkte mir ein kleines Lächeln, bevor sie neugierig zu Snape sah.
„Ich habe Sie nicht aufgefordert, die Bücher herauszuholen", verkündete dieser, während er die Tür schloss. Ganz automatisch sah ich mich im Raum um, um die Person ausfindig zu machen, die mehr getan hatte, als uns befohlen worden war. Natürlich war es Hermine Granger, wer auch sonst. Sie ließ ihr Buch hastig in ihre Tasche fallen, nur um diese dann unter ihren Stuhl zu schieben.
„Ich will Ihnen etwas sagen und ich erwarte Ihre volle Aufmerksamkeit", erklärte der Lehrer, welcher mittlerweile hinter dem Pult stand. Er ließ seinen Blick kurz über die aufmerksame Klasse gleiten. Ich konnte schwören, bei Harry blieb er etwas länger als bei den anderen.
„Sie hatten bislang fünf Lehrer in diesem Fach, meine ich. Natürlich haben all diese Lehrer ihre eigenen Methoden und Schwerpunkte gehabt. Ich bin überrascht, dass so viele von Ihnen trotz dieses Durcheinanders einen ZAG in diesem Fach geschafft haben. Noch mehr wird es mich überraschen, wenn Sie alle mit dem UTZ-Pensum zurechtkommen, das noch viel anspruchsvoller sein wird."
Snape begann, das Zimmer an den Wänden entlang abzuschreiten, und sprach mit leiserer Stimme. Die meisten Schüler machten lange Hälse, um ihn im Blick zu behalten. Ich allerdings schaltete ab und ging lieber im Kopf noch einmal durch, was ich über die graue Dame wusste. Die meisten Menschen waren Gewohnheitstiere und das galt auch für Geister. Damit sollte sie sich doch in diesem Schloss finden lassen.
Erst als Parvati Patil mit schriller Stimme fragte: „Ist etwa ein Inferius gesichtet worden? Ist es sicher, setzt er sie ein?", wurde ich aus meinen Gedanken über den verdammten Hausgeist gerissen.
„Der Dunkle Lord hat in der Vergangenheit schon Inferi eingesetzt", stellte Snape fest, „das heißt, Sie täten gut daran, wenn Sie davon ausgehen würden, dass er sie wieder einsetzen könnte. Nun ..."
Er schritt jetzt mit wehendem dunklem Umhang die andere Seite des Klassenzimmers entlang auf sein Pult zu, und wieder folgten ihm die Schüler mit ihren Blicken.
„... Sie sind mit wenigen Ausnahmen, im Gebrauch von ungesagten Zaubern völlige Anfänger. Was ist der Vorteil eines ungesagten Zaubers?"
Natürlich schoss Hermines Hand sofort in die Höhe. Diese kleine elendige Streberin, natürlich hatte sie mal wieder das Lehrbuch auswendig gelernt. Wie immer nahm Snape die Schülerin nicht dran, sondern sah lieber noch dreimal nach, ob nicht jemand anderes die Antwort geben wollte. Kurz dachte ich darüber nach, meine Hand zu heben, um ihr die Punkte streitig zu machen. Allerdings würde Snape ihr eh keine geben, sondern einen Weg finden, ihr einen Spruch reinzuwürgen. Also wofür die Mühe?
„Nun gut - Miss Granger?"
„Unser Gegner ist nicht gewarnt, welche Art von Zauber wir einsetzen werden", erklärte Hermine, „was uns einen Vorteil von einer knappen Sekunde einbringt."
„Eine Antwort, die fast wortwörtlich aus dem Lehrbuch der Zaubersprüche, Band 6, übernommen wurde", erwiderte Snape geringschätzig, weshalb Draco – er saß einen Tisch weiter – und ich anfingen zu kichern, „aber im Wesentlichen korrekt ist. Ja, wem es gelingt, Magie einzusetzen, ohne Beschwörungsformeln auszurufen, der gewinnt beim Zaubern ein Überraschungsmoment. Natürlich sind nicht alle Zauberer dazu in der Lage; es ist eine Frage der Konzentration und der mentalen Stärke, die manchen", und sein Blick ruhte erneut feindselig auf Harry, „fehlt."
Vermutlich dachte Snape an die katastrophalen Okklumentikstunden mit dem Schüler. Dabei war er nicht durch seine mentale Stärke und seine Konzentration aufgefallen. Hätte er beides gehabt, würde nämlich noch Patricias Vater leben.
„Sie werden sich nun aufteilen", fuhr Snape fort, „und paarweise zusammengehen. Der eine Partner wird versuchen, den anderen ohne zu sprechen zu verhexen. Der andere wird versuchen, den Fluch ebenso stumm abzuwehren. Nun los."
Brav standen alle auf. Ich nur ziemlich widerwillig. Zum Glück waren wir eine ungerade Anzahl im Kurs, weshalb ich am Ende eine Dreier-Gruppe mit Draco und Adina bildete. Das hieß unterm Strich, die beiden Malfoys machten die Aufgabe, während ich mich auf den nächsten Tisch setzte und ihnen zusah. Adina bekam die ungesagten Zauber tatsächlich auch relativ gut hin. Patricia war wohl eine ganz passable Lehrerin für sie gewesen. Draco hingegen schien noch keine Ahnung zu haben, wie er es nun hinkriegen sollte. So wie eigentlich die meisten hier im Raum. Mal abgesehen von Kira und Mary, die hatten sich aber schließlich ebenfalls von der Kriegsnymphenfamilie trainieren lassen. Für das viele Training versagten sie allerdings ziemlich oft. Es konnte aber auch daran liegen, dass sie eher zu mir herübersahen, als sich auf ihren Kampf zu konzentrieren.
Es dauerte ganze zehn Minuten, bis jemand ohne Vorkenntnisse den ersten ungesagten Zauber hinkriegte. Genauer gesagt war es Hermine. Immer diese kleine Streberin. Snape ignorierte es allerdings einfach und schritt weiter zwischen den Schülerpaaren hin und her, wobei er wie eine übergroße Fledermaus wirkte.
Schließlich blieb er stehen, um Harry und Ron dabei zu beobachten, wie sie sich mit der Aufgabe quälten. Der Weasley war mittlerweile puterrot im Gesicht angelaufen, während seine Lippen gleichzeitig blutleer waren, weil er sie so stark aufeinanderpresste, vermutlich um die Beschwörungsformel des Zaubers nicht aus Versehen zu murmeln. Harry hatte seinen Zauberstab erhoben, doch sobald würde wohl kein Fluch zum Abwehren kommen.
„Erbärmlich, Weasley", kommentierte Snape nach einer Weile. „Hier - ich will es Ihnen zeigen -"
Mit einem breiten Grinsen im Gesicht sah ich dabei zu, wie er mit dem Zauberstab auf Harry zielte. Potter würde niemals einen unausgesprochenen Schildzauber hinkriegen. Also entweder würde er gleich gegen die Aufgabe verstoßen und ärger kriegen oder von dem ungesagten Fluch getroffen werden. Beides würde mir sehr gut passen. Vor allem weil auf beides wahrscheinlich noch Nachsitzen folgen würde, schließlich konnte man ihn mit solchen Dingen so leicht provozieren.
Tatsächlich schrie Harry keine Millisekunde später „Protego!"
Der Schildzauber wirkte und war sogar stark genug, dass Snape aus dem Gleichgewicht gerissen wurde und gegen ein Pult prallte. Die ganze Klasse hatte sich umgedreht und beobachtete nun, wie Snape sich mit finsterem Blick aufrichtete. Das würde eindeutig eskalieren, denn jetzt waren sie beide auf hundertachtzig.
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass wir ungesagte Zauber üben, Potter?", fragte der Lehrer mit unterdrückter Wut in der Stimme nach.
„Ja", erwiderte Harry steif.
„Ja, Sir."
„Sie brauchen mich nicht ›Sir‹ zu nennen, Professor."
„Nachsitzen, Samstagabend, mein Büro", sagte Snape. „Ich lasse es nicht zu, dass mir einer frech kommt, Potter ... nicht einmal der Auserwählte."
Ich musste grinsen. Das war so klar gewesen. Hoffentlich würde Potter für den Rest des Schuljahres noch jedes Jahr nachsitzen müssen. Am besten zusammen mit Quidditchverbot. Oh, er würde bestimmt nie wieder glücklich werden, wenn er das Kapitänsabzeichen von Gryffindor wieder abgeben musste.

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