Regungslos stand ich in dem Schatten der Tür. Um mich herum war nichts zu hören, außer das Rascheln der Zeitung des Mannes, den ich beobachtete. Er wirkte ganz ruhig, ganz auf die geschriebenen Worte konzentriert. Dabei war er hier, in diesem Haus, und las gerade über den Mord an Albus Dumbledore und die Verfolgung der Täter. Über die Verfolgung von ihm selbst.
Ich atmete noch einmal kurz durch. Es half nicht, wenn ich die ganze Zeit hier herumstand. Ich hatte etwas zu klären und jetzt war der beste Zeitpunkt. Wir waren beide schon auf den Beinen, während das restliche Haus noch vollkommen still war. Vermutlich schliefen die anderen Hausbewohner noch alle. Jedenfalls hatte ich noch niemand anderen irgendwie gesehen und Draco schlafend in meinem Bett zurücklassen. Er hatte mich nachts zum Glück noch in mein Zimmer geschmuggelt.
Noch immer nicht ganz sicher, dass es die richtige Idee war, löste ich mich von meinem Platz im Schatten der Tür. Möglichst selbstbewusst lief ich in den Raum herein, so als hätte ich nicht zehn Minuten davor gestanden, um mich zu dieser Aktion zu überwinden.
Obwohl ich mir dieses Mal nicht die Mühe machte, mich möglichst lautlos zu bewegen, sah Snape nicht auf. Die Tür machte ich noch leise hinter mir zu, doch danach trat ich extra etwas fester auf, um die Aufmerksamkeit des Lehrers auf mich zu ziehen. Allerdings las dieser lieber weiter in der Zeitung.
Erst als ich mich auf einen Sessel ihm gegenüber fallen ließ, blickte er mich mal über den Rand seiner Zeitung an. Entweder hatte er herausgefunden, dass ich nicht mehr unter dem Fluch stand – dann fragte ich mich aber wie, weil wir uns gestern nicht gesehen hatten – oder er hatte einfach Sehnsucht nach dem Tod. Mir gefielen beide Optionen nicht.
„Snape", fing ich das Gespräch an.
„Ms Black", antworte er sichtlich entspannt. „Es ist schön, sie endlich wiederzusehen."
Ich merkte selbst, wie ich mich auf dem Sessel verkrampfte. Das war gar nicht gut. Wenn Snape wusste, dass ich wieder zurück war, obwohl wir gestern nicht miteinander gesprochen hatten, musste es wirklich sehr offensichtlich sein. Das hieß auch, mir blieb eigentlich nichts anderes, als mir die anderen zu schnappen und schnellstmöglich von hier zu fliehen.
„So offensichtlich?", fragte ich besorgt nach.
Nun legte der Lehrer die Zeitung doch wieder bei Seite. Er musterte mich genau, bevor er leicht den Kopf schüttelte.
„Es ist gestern niemanden aufgefallen. Narzissa und ich hatten die Vermutung, eine Begegnung mit Natasha würde deinen Fluch brechen. Wenn ich mir dich gerade ansehe, hatten wir wohl recht."
Ich gab ein leises Brummen von mir. Ja, sie hatten einen Volltreffer gelandet. Ich war zurück. Aber das hieß wohl auch, ich sollte mich darauf gefasst machen, dass der dunkle Lord testen würde, ob nun Tahnea oder Patricia den Körper im Griff hatte. Unterm Strich hieß es wohl, ich würde noch einmal für ihn toten müssen, auch wenn ich das auf gar keinen Fall wollte. Aber so war das Leben als Doppelagent nun einmal. Ich hatte gewusst, worauf ich mich einließ und entgegen Tahneas Behauptung war ich auch stark genug dafür. Ich würde es bis zum Ende durchziehen.
„Die Begegnung hat geholfen", gab ich zu.
„Und ihr wollt bleiben", stellte der Lehrer fest.
Ich nickte als Bestätigung. Ja, ich würde bleiben. Ich würde die anderen nicht einfach hier lassen. Im Stich lassen.
„Hast du dir das gut überlegt, Patricia? Du kannst fliehen. Jetzt gerade hast du die Chance dafür, zu Marlon zurückzugehen."
Ich schüttelte leicht den Kopf. Nein, ich würde nicht fliehen. Nicht solange ich noch nicht aufgeflogen war. Wenn das passieren sollte, würde ich auch erstmal dafür sorgen, dass die anderen in Sicherheit waren. Ich hatte sie hier mit reingezogen – na ja, alle bis auf Draco – und ich würde die Verantwortung für ihre Sicherheit tragen.
„Ihr habt Dumbledore umgebracht", stellte ich fest.
„Ein kluger Schachzug, findest du nicht auch? Man hat mir hier nie ganz vertraut, solange ich noch bei Dumbledore war. Doch nun wird man es. Wäre ich auf seiner Seite, hätte ich ihn schließlich nicht getötet."
Nur deshalb war ich nun misstrauisch. Bisher hatte er mir noch nicht gesagt, dass er auf noch auf meiner Seite war. Er wusste von meinen Gefühlen. Also sollte ich vielleicht ihn töten und Voldemort die Leiche mit der Begründung übergeben, er hätte Dumbledore nicht töten dürfen, weil dieser auf meiner Liste stand. Das hätte auch den Vorteil, dass kein anderer Todesser es wagen würde, jemand von dieser zu töten. Sicherheit für meine leibliche Familie.
„Es war Dumbledores Idee, Patricia. Er bat mich darum, dass ich ihn töte. Er wäre sowieso gestorben."
„Die verfluchte Hand", stellte ich fest. Tahnea hatte sich noch darüber lustig gemacht, dass sie bei der Suche nach Horkruxen sicherlich nicht so dumm gewesen wäre, den Ring auf ihren Finger zu schieben.
„Ja, die Hand. Es war Dumbledores Plan. Er wollte seinen Tod noch dafür nutzen, den dunklen Lord zu Fall zu bringen. Ich habe meine Loyalität nicht geändert Patricia. Ich bin auf deiner Seite."
Ich nickte zufrieden. Das war eine Antwort, die mir gefiel. Er hatte nicht gelogen und mir ins Gesicht gesagt, er würde auf meiner Seite stehen. Also war alles in Ordnung und ich musste ihn nicht töten. Was auch hieß, ich würde mir etwas anderes einfallen müssen.
„Ich würde mir auch nicht zu viele Sorgen wegen Voldemort machen. Er hat sicherlich sehr viel wissen, aber die Feinheiten deines Fluches wird er nie verstehen. Handelt weiter wie Tahnea und er wird euch vertrauen."
Ich gab ein leises Seufzen von mir. Weiter wie Tahnea verhalten. Nur leider war das wirklich schwierig, weil ich nicht sie war. So gar nicht. Aber irgendwie würde ich das schon hinkriegen. Ich würde es hinkriegen müssen.
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Hexagramm - Papiertiger
FanficDreizehn Nymphen mit dreizehn Kräften und dreizehn Flüchen. Drei Jäger und zehn Gejagte. Sirius, der Lügner; ihre leibliche Familie, die sie nicht genug wollten, um nach ihr zu suchen; der dunkle Lord, der ihr alles nahm - Patricias Wut hat sie noch...
