Langsam schlich ich zu dem scheinbar verlassenen Herrenhaus, indem wir uns die nächsten Tage verstecken würden, bis das Ministerium unter der Kontrolle des dunklen Lords war. Es gehörte einem Ministeriumsangestellten, der schon lange unter dem Imperius-Fluch stand. Das Herrenhaus hatte er allerdings nie wirklich benutzt. Er bewohnte mit seiner Frau und den drei Kindern ein anderes. Es war daher das ideale Versteck für uns.
Obwohl aktuell alle Todesser, die bei dem Überfall auf Hogwarts dabei gewesen waren, hier sein mussten – jedenfalls, diejenigen, die entkommen waren – war alles im Inneren dunkel. Es wirkte noch vollkommen unbewohnt. Wahrscheinlich hatte man einfach nur sehr vorsichtig sein wollen, falls doch jemand auf die Idee kam, hier aus irgendeinem Grund vorbeizugehen. Oder es war einfach niemand entkommen, obwohl ich das für mehr als unwahrscheinlich hielt. Schließlich hatten Jamie und Adina noch vor den Kämpfen den Rückzug angetreten. Sie und Narzissa mussten auf jeden Fall hier sein.
Ich kam an der Eingangstür an. Ich ließ mir ein Messer in die Hand rutschen, bevor ich diese vorsichtig öffnete. Drinnen herrschte Totenstille. So leise, wie ich konnte, lief ich durch die Eingangshalle des Hauses. Mir blieb wohl leider gerade nichts anderes übrig als jeden Raum zu durchsuchen, um zu überprüfen, wo die anderen waren. Auch wenn ich gerade lieber sofort ins Bett wollen würde. Zum einen wollte ich wieder zu Sirius in die Zwischenwelt, zum anderen zerrte der vorangegangene Tag doch ziemlich an meinen Kräften. Erst die Kämpfe mit Mary, Kira und Natasha, danach das aufregende Wiedersehen mit meiner Familie.
Doch so gerne ich mir jetzt auch einfach hier ein Zimmer unter den Nagel reißen würde, erstmal war es an der Zeit herauszufinden, ob jemand hier war. Und wenn nicht, würde ich wohl auch noch herausfinden müssen, wo die Leute waren. Bevor ich nicht wusste, dass Adina und Jamie in Sicherheit waren, würde ich mich kaum schlafen legen. Und eigentlich wäre es mir am liebsten, wenn ich auch wüsste, dass Draco in Sicherheit war. Ich fühlte mich ziemlich mitverantwortlich für das, was passiert war. Hätte ich nicht unter dem Fluch gestanden, hätte ich ihn schon viel früher beschützen können. Ich hätte ihn davor bewahren können, Dumbledore töten zu müssen. Oder zumindest seinen Tod mit anzusehen. Eigentlich war ich mir noch immer ziemlich sicher, dass er am Ende nicht den Zauberstab gegen den Schulleiter erhoben hatte.
So lange wie ich befürchtet hatte, musste ich gar nicht suchen. Als ich gerade die dritte Tür bei meiner Suche öffnete, entdeckte ich endlich einen Raum, wo jemand sich aufhielt. Genauer gesagt handelte es sich um einen Salon, welcher eigentlich ziemlich einladend eingerichtet worden war. Die Wände waren mit einer altmodischen himmelblauen Tapete beklebt worden. Weißer Stuck schaffte einen Übergang zwischen den Wänden und der Decke, an welcher mehrere ausgeschaltete Kronleuchter hinge. Dunkle leergeräumte Holzregale und -Vitrinen standen überall verteilt, während die Mitte von mehreren dunklen blauen Sofas, Sesseln und einem Holztisch eingenommen wurden. Jemand hatte die dunkelblauen Vorhänge vor die Fenster gezogen, damit das Licht der kleinen Kerze auf dem Tisch nicht nach draußen drang. Diese Person hatte sich auf einen der Sessel zusammengekauert und starrte mich jetzt mit großen ängstlichen Augen an. Neben ihr lag ein riesiger brauner Wuschelhund.
„Hallo, Draco", begrüßte ich die Person in einem möglichst lockeren Ton. Auch wenn ich schon in den Moment, wo ich seinen verängstigten Blick bemerkt hatte, meine Entscheidung darüber getroffen hatte, ob ich ihn einweihen würde oder nicht, wusste ich nicht, wer mich vielleicht noch hören würde.
„Basílissa Tahnea", erwiderte er mit zittriger Stimme, während Antiope ein trauriges Fiepen von sich gab.
„Wo sind die anderen? Hier sollten doch eigentlich alle hinkommen, die aus Hogwarts entkommen konnten", fragte ich weiter nach.
„Mutter kümmert sich darum, dass die Hauselfen uns etwas zu essen fertig machen und die Schlafzimmer alle bezugsbereit sind. Jamie und Adina sind mit Bärchen nach draußen in den Garten gegangen. Professor Snape läuft hier noch irgendwo herum. Tante Bella läuft hier noch irgendwo herum. Die anderen waren hier, haben den dunklen Lord Bericht erstattet und sind dann in ein anderes Versteck gezogen. Es sei sicherer, wenn wir nicht alle auf einem Haufen sitzen."
Ich atmete erleichtert auf. Bis auf Bellatrix Lestrange wären alle Leute hier wohl eher auf meiner Seite. Jamie, Adina und Snape waren schließlich mit mir zum dunklen Lord gegangen, Draco suchte seit Monaten einen Ausweg aus der Sache und Narzissa war eh immer nur auf die Sicherheit ihrer Familie bedacht gewesen. Dass ihr Ehemann wegen dem dunklen Lord in Askaban saß und ihr Sohn Todesangst litt, half sicherlich nicht dabei, ihre Loyalität zu gewinnen. Zwar hatte ich nicht vor, die Mutter der Wassernymphe einzuweihen, aber falls sie doch etwas merken sollte, wäre es zumindest kein Weltuntergang. Das nahm mir doch ziemlich den Druck.
Ich schloss die Tür des Salons hinter mir. Auch wenn ich noch immer nicht vor hatte, jetzt hier mit Draco lange zu reden, weil jederzeit Bellatrix hereinplatzen könnte, für wenige Worte würde die Zeit definitiv genügen.
„Wir haben uns um euch gesorgt, Basílissa. Ihr wart erneut verschwunden", stellte Draco fest, während er nervös zu der geschlossenen Tür sah.
Ich seufzte leise. Anscheinend war der dunkle Lord nicht der Einzige, der Narzissas Familie ziemlich zugesetzt hatte.
„Ich hatte noch etwas zu tun." Ich zog vorsichtig den Ärmel meines Hemdes hoch, sodass man den Verband sehen konnte, den ich darunter trug.
„Ihr seid verletzt worden."
„Es ist nicht schlimm. Nur Verbrennung von meinem Kampf mit Natasha, der Gewitternymphe. Das Zusammentreffen mit meiner kleinen Schwester habe ich mir immer weniger blutig vorgestellt."
„Kleine Schwester?", kam es verwirrt von Draco, weshalb ich rot anlief. Natürlich, er hatte keine Ahnung von Natasha und meiner Vergangenheit. Wir hatten nie darüber geredet.
„Ja, Natasha ist meine kleine Schwester. Hänge es nur nicht an die große Glocke. Das muss nicht jeder wissen."
Mein Klassenkamerad sah zu mir herüber. Dieses Mal allerdings ohne Angst im Blick. Er wirkte einfach nur überrascht.
„Patricia?", fragte er schließlich.
„Ich bin zurück", gab ich zu, weshalb auf Dracos Gesicht ein breites Lächeln sichtbar wurde, während er mir um den Hals fiel.
„Merlin, du weißt gar nicht, wie froh ich bin, dass du wieder da bist. Ich dachte schon, wir hätten dich für immer verloren. Adina und ich haben uns ziemlich in die Scheiße geritten, aber das hast du ja im letzten Jahr schon mitbekommen. Um ehrlich zu sein, hätte ich gedacht, wenn du deinen Fluch besiegst, gehst du einfach und siehst niemals mehr zu uns zurück. Du hast uns immer vor genau dem hier gewarnt."
„Ich lasse meine Freunde und meine Familie nicht hängen, Draco. Aber wir sollten später reden. Deine Tante könnte jeden Moment hereinkommen. Komme später auf mein Zimmer. Nach unserer Vorgeschichte wird niemand hinterfragen, was wir dort zusammen machen.
Und du könntest deiner Schwester ausrichten, sie soll das Zimmer neben meinen nehmen. Dann kann ich später leichter zu ihr kommen. Nur behalte das hier für dich. Ansonsten erleben wir wahrscheinlich beide bald, wie es ist, einen Avada Kedavra abzubekommen."
Ich strich noch einmal kurz über Antiopes Fell, bevor ich wieder aufstand. Mein kleines Baby würde ich definitiv ordentlich durchkuscheln, wenn ich heute Abend Adina und Jamie besuchen ging. Ich vermisste meinen Hund und ich hatte mich definitiv auch bei ihm zu entschuldigen.
An der Salontür angelangt, drehte ich mich noch einmal zu meinem Haustier und Draco um. Antiope drückte sich ein wenig näher an ihn als vorher. Mein Klassenkamerad sah zwar nicht mehr ganz so bedrückt aus wie vorher, doch man konnte förmlich sehen, wie bei ihm die dunklen Gedanken wiederkamen. So wie ich es auch bei Sirius ein paar Mal miterlebt hatte, schien auch sein Blick langsam einfach nur noch abgestumpft und leer zu sein.
„Es tut mir leid, dass ich nicht bleiben kann, Draco. Ich will dich nicht alleine lassen."
„Ist schon in Ordnung. Die anderen habe ich alle weggeschickt. Ich will gerade etwas Zeit für mich haben. Dachte ich jedenfalls", murmelte er, weshalb ich schwer schluckte. Vielleicht hatte er ursprünglich mal alleine sein wollen, doch mittlerweile war ihm anscheinend aufgefallen, dass Gesellschaft doch ganz nett war. Das erklärte allerdings auch, warum Narzissa, Adina und Jamie nicht hiergeblieben waren, um den Siebzehnjährigen etwas zu unterstützen. Vielleicht konnte man das mit dem Zimmer etwas beschleunigen, damit er nicht mehr alleine war.
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Hexagramm - Papiertiger
FanficDreizehn Nymphen mit dreizehn Kräften und dreizehn Flüchen. Drei Jäger und zehn Gejagte. Sirius, der Lügner; ihre leibliche Familie, die sie nicht genug wollten, um nach ihr zu suchen; der dunkle Lord, der ihr alles nahm - Patricias Wut hat sie noch...