Zwei Stunden später sah das Haus wieder einigermaßen normal aus, ausgenommen das Loch in der Wand. Zufrieden hatte ich die Füße hochgelegt und schärfte meinen Dolch mit meinen Krallen, wartend. Es dauerte nicht lange und ich begann, breit zu grinsen. "Leroy du Schlafmütze, herzlichen Glückwunsch, du bist wach!" Der etwas verschlafen aussehende Kerl kam über die Terrasse angetrottet. Prinzipiell sah er nicht übel aus, mit seinem leichten Dreitagebart und den braunen Locken, hatte aber in gewissen Situationen eine vieel zu große Klappe, und von seinen Frauengeschichten wollte ich erst gar nicht anfangen. Er verdiente ab und an einen kleinen Denkzettel. "Oh scheiße, Dess. Nick hats mir gerade erzählt. Wie sauer bist du auf einer Skala von 1 bis 10?" Ich musterte ihn mit angehobener Augenbraue. "Wenn es eine Skala von 1 bis in welcher Farbe färbe ich meinen Hund wäre, ist die Antwort darauf definitiv 10." Er blinzelte mit seinen grünen Augen, dann stürzte er zum nächsten Spiegel. "DESS! WO SIND MEINE HAARE UND WARUM IST DER REST GRÜN?"
"Also ich finde die Farbe betont deine Augen. Und hey, das ist ein Irokesenschnitt. Der ist zur Zeit voll hipp, versprochen", erklärte ich ihm ernsthaft, während ich weiter meinen Dolch bearbeitete. Meine Mundwinkel zuckten. Leroy blinzelte immer noch perplex in sein Spiegelbild. "Komm damit klar, Junge." Riley kam in dieser Sekunde ins Wohnzimmer, blieb wie angewurzelt stehen und starrte die abstehenden grünen Haare seines älteren Bruders an, dann fing er lauthals an zu lachen und kriegte sich nicht mehr ein. Leroy warf ihm einen bitterbösen Blick zu, aber das half auch nichts. Nachdem er sich die Lachtränen aus den Augen gewischt hatte, meinte er nur amüsiert: "Und was lernen wir daraus, Brüderchen? Mach niemals eine Frau wütend." "Besonders nicht deine Alpha", warf ich fröhlich ein und genoss Leroys schlechte Laune in vollen Zügen.
"Gassi", brüllte ich hoch in den ersten Stock, wo sich Nate und Amber hin verkrochen hatten. "Kein Interesse!", fauchte er zurück. "Ganz ruhig, Miezekätzchen. Dann habt ihr ja Zeit meine Wand zuzumauern. Das kannst du doch so gut!" Als Antwort kam nur noch ein verstimmtes Brummen, und zufrieden sammelte ich meine Meute ein. Die Sonne stand schon recht tief, und das hieß: Raus aus den Klamotten, rein in das Fell. Riley grinste schon hyperaktiv wie immer, Emma hätte auch als Mensch mit dem Schwanz gewedelt wenn sie gekonnt hätte, Nick winselte leise den Mond an und Leroy schmollte immer noch. Ein bisschen zumindest. Auch den anderen ging es ähnlich und auch mein Herzschlag beschleunigte sich. Immer, wenn der Mond nicht mehr fern war wollten wir laufen, jagen. Man konnte den Drang zwar bezwingen, aber wozu sollten wir? Nate und Amber waren da Sonderfälle. Sie gingen selten mit uns als Rudel raus. Das hatte das Rudel jetzt schon des öfteren verstimmt. Aber egal, darum ging es jetzt nicht. Jetzt kam die Nacht. Ich lief voran, in den Wald hinein, die anderen mir dicht auf den Fersen. Unsere Schritte schluckte das Gras, Blätter knirschten und Äste knackten. Der kühle Wind fuhr durch mein blondes Haar und ich sprang. Fließend verschoben sich Knochen im Flug, aus Haut wurde blütenweißes Fell, innerhalb weniger Sekunden. Ohne Mühe kam ich als Wolf auf und rannte weiter. Hinter mir hörte ich es reißen und rascheln und aus zwei Beinen wurden vier, bis mein ganzes Rudel ganz Wolf war. Ich hielt inne, drehte den Kopf zum Sternenhimmel und stimmte ein lautes, schönes und zugleich wohl ein wenig unheimliches Geheul an, und die Meute stimmte mit ein.
So streiften wir durch den Wald, schnuppernd, miteinander rangelnd. Nick, als Wolf mit schönem sandfarbenen Fell, sprang mich an und wedelte verspielt mitdem Schwanz, bellte einmal und rannte dann los. Grinsend nahm ich die Verfolgung auf, holte ihn ein und warf ihn um. Emma, eine niedliche graue Wölfin, stürzte sich mit hinein und zum Schluss befanden wir uns alle in einem knurrenden, bellenden Knäuel. Der gerade seine gute Laune wiederfindende Leroy sah einfach zu putzig aus. Kein Fell mehr bis auf den grünen Streifen, der von seinem Kopf bis zu seinem Schwanz verlief. Könnten Wölfe lachen, wir hätten es getan. So zog ich mich irgendwann aus dem Chaos zurück und überblickte gutmütig mein Rudel. Meine Ohren zuckten herum, als ich ein Geräusch vernahm. Zuerst dachte ich, es wäre vielleicht ein Reh, aber es hörte sich größer an. Also ließ ich die anderen in Ruhe herumtoben, schnupperte und schlich mich an, neugierig geworden was noch in unserem Wald herumschlich. Ich witterte eine Fährte, die mich stutzig werden ließ. Wolf. Eindeutig Wolf. Niemand von meinem Rudel, und auf echte Wölfe traf man hier selten. Ich schnaubte. Okay, jetzt wollte ich es wirklich wissen. Wer trieb sich auf meinem Revier herum? Es war definitiv ein einzelner Wolf, ein Rudel wäre weniger unauffällig gewesen. Außerdem kannte ich die Nachbarsrudel und jeder von uns achtete die Territorien. Also machte ich mich auf die Suche. Seine Spuren waren noch frisch, aber geschickt wusste er sie anscheinend zu verbergen. Mein einziges Glück war dass ich ganz in der Nähe war. Meine Augen suchten die Finsternis ab, und der Mond leuchtete mir den Weg. Ich erstarrte, als ich ein Rascheln hörte, höchstens fünfzig Meter von mir entfernt, und wie aus dem nichts stand dort auf einmal ein Wolf. Er war pechschwarz und hatte gelbe Augen, die mir aus der Dunkelheit entgegen glommen. Es war ein Männchen, kräftig und größer als ich. Er sah mich direkt an. Ich war in Alarmbereitschaft und knurrte leise, als er auf mich zu kam. Er hielt nicht einmal inne, erwiderte nur das leise Grollen aus tiefer Kehle. Dieses Geräusch ließ mich erbeben. Er kam immer näher und ich war unschlüssig. Wer war dieser Kerl? Irgendwann standen wir fast Schnauze an Schnauze, und ich wich keinen Millimeter zurück. Starrten uns an. Ich knurrte wieder. "Verschwinde aus meinem Revier", teilte ich ihm mithilfe der Telepathie, die zwischen Werwölfen in ihrer Wolfsgestalt herrschte, leicht gereizt mit. Er legte den Kopf schief. "Und was wenn nicht?", kam die Antwort zurück, mit seidiger, tiefer Stimme. Das war zu viel für meine Nerven. Ich stürzte mich auf ihn. Er schien überrascht, von einem Weibchen angegriffen zu werden, und ich nutzte das schamlos aus. Fast hätte ich ihn zu Boden gedrückt, die Zähne an seinem Hals, da entwand er sich mir blitzschnell und warf sich mit vollem Gewicht auf mich. Ich schnappte um mich, trat ihn und er zuckte zusammen, bewegte sich aber nicht und biss leicht in meine Kehle, nur um mir seine Dominanz zu zeigen. Ich grollte, wütend darüber wie schnell er mich hatte überwältigen können. "Netter Versuch, Süße. Gibst du auf?" Ich biss ihm ins Ohr und er jaulte auf, vergaß für einen Moment lang meine Kehle. Also nutzte ich den Moment und warf ihn von mir ab. "Fick dich", meinte ich spöttisch und wir umkreisten uns, beide wieder auf den Beinen. Er grinste. "Eine kleine Kämpferin, was?" Ich ignorierte das. "Wer bist du und was suchst du hier?" Er schnaubte amüsiert. "Lucien. Nenn mich einfach Lucien. Ich bin...auf der Durchreise." Ich ließ ihn nicht aus den Augen, beruhigte mich aber etwas. "Warum hast du dich dann nicht bei mir angemeldet?" Er blieb stehen und schenkte mir einen spöttischen Blick. "Bei dir? Ich weiß nicht mal, wer du bist." Mein Knurren wurde lauter und ich widerstand dem Drang, ihm jetzt sofort die Kehle herauszureißen. "Ich bin Dess, die Alpha des Gebiets hier. Also steck dir deinen Sarkasmus dahin, wo die Sonne niemals hin scheint." Er lachte, ich konnte es in meinem Kopf hören. "Oh, eine Alpha. Dann ist es mir natürlich eine ganz besondere Freude. Wo hast du deinen Gefährten gelassen?" Meine Augen verengten sich. "Der Alpha ist nicht hier, wenn du Angst hattest er springt gleich aus dem Gebüsch und reißt dich in Fetzen. Und er ist nicht mein Gefährte! Sag das nochmal und ich mach dich fertig." Der Wolf - Lucien - setzte sich hin. "Interessant. Und du bist dennoch Alpha?"
"Ich bin eben stur. Vielleicht sind wir auch ein wenig unkonventionell." Er kam wieder auf mich zu und ich schnappte nach ihm. "Hm. Du hast gerade meine Meinung geändert, Süße. Ich denke, ich werde noch eine Weile bleiben", provozierte er mich, mit einem beunruhigenden Glitzern in den Augen. Dann war er auch schon im Wald verschwunden. Die Idee ihm nachzujagen verwarf ich wieder, sollte ich ihn nochmal hier erwischen, dann zusammen mit den anderen. Mit einem leicht mulmigem Gefühl trabte ich wieder zurück, aber nicht ohne noch einmal zurück zu sehen. Ich konnte ihn nicht entdecken, aber mein Instinkt sagte mir, irgendwoher beobachteten mich zwei gelbe Augen aus der Dunkelheit heraus.
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Wolf Pack - Completely Insane
WerewolfEin Rudel Werwölfe zu beaufsichtigen ist in etwa so, als wäre man Kindergärtnerin, nur mit mehr Zähnen und Fell, versteht sich. Und als weibliche Alpha ist die ganze Sache noch schlimmer, vor allem wenn der Kerl, mit dem du dieses Chaos eigentlich f...
