Ich saß bei mir Zuhause am Fenster und starrte hinaus. Der ganze Terror war erst einen einzigen Tag her, und wir waren alle mitgenommen von diesem Drama. Jeder trug seine eigenen Verletzungen, ob sie körperlicher oder seelischer Natur waren mit sich. Wir hatten bei uns im Garten eine Art Erstauffanglager eingerichtet, für Noahs komplettes Rudel. Oder zumindest dem, was davon übrig war. Mindestens fünf Wölfe aus ihrem Rudel hatten gestern dort ihr Ende gefunden, und was ich mit den drei übrigen Monsterwölfen machen würde, hatte ich noch nicht entschieden. Inzwischen war dennoch ein wenig Ruhe eingekehrt. Kathrina war schon lange fort. Wir hatten den ganzen Wald nach ihr durchkämmt, nur zur Sicherheit. Nachdenklich berührte ich den roten Stein, der von einer Kette baumelte und seinen Platz in meiner Halskuhle gefunden hatte. Ich wagte es nicht, ihn aus der Hand zu geben. Seufzend stand ich auf und blickte auf meine Uhr. Halb drei. Die Toten waren verbrannt, jetzt wurde es Zeit sich wieder um die Lebenden zu kümmern. Und ich wusste auch schon genau, mit wem ich anfangen würde. Ich lief an dem Zimmer vorbei, das ich bisher noch nicht betreten hatte, aus Angst dort zusammen zu brechen, die Treppe hinunter und hinaus. Ich stellte mich neben die Eingangstür und wartete. Checkte meine Uhr. Wartete. Wartete, bis ein weißer Wagen, der einem Krankenwagen ähnelte, vor fuhr. Ich lächelte den Leuten freundlich zu, die ausstiegen. "Hallo. Schön, dass Sie es so schnell geschafft haben, hierher zu kommen." Ich schüttelte den zwei Herren in sterilem Weiß die Hände und stieß einmal einen lauten Pfiff aus. Das Zeichen für Ray und Leroy, die die Tür öffneten und einen über alle Maße zeternden Lucien aus dem Haus zerrten. "Mein Cousin war schon immer etwas...verrückt, wenn ich das so sagen darf. Aber wir hätten nie gedacht dass es so schlimm wird, dass er mich angreift." Ich gab ein trauriges Seufzen von mir. "Er denkt, er ist ein Werwolf und hat versucht mich zu beißen, zu zerfleischen. Ich hoffe, Sie können ihm helfen." Ich zeigte auf den Verband an meiner Hüfte. Luciens Kopf fuhr herum und er knurrte. "Ich bin doch ein Werwolf, du dumme Schlampe!" Wieder seufzte ich. "Da sehen Sie es. Er hat nicht mehr alle Latten am Zaun, kann Fantasie und Realität nicht mehr unterscheiden und wir sind mit der Situation einfach überfordert. Vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, ihn in Ihrer Klinik aufzunehmen." Luciens Lachen wurde leicht hysterisch. "Und was, wenn ich mich vor ihnen verwandle und sie töte? Das sind nur Menschen, Dess!" Die zwei Männer lösten seine Fesseln und verdrehten ihm die Arme auf den Rücken. Er fluchte. Dann legten sie ihm eine Zwangsjacke an, weiß wie Schnee. "Du kannst dich aber nicht verwandeln, Lucien", erwiderte ich kopfschüttelnd. Als sie ihn an mir vorbei führten, flüsterte ich ihm zu: "Bedank dich bei Kathrina dafür."
Ich sah ihm in die Augen, bis sich die Türen des Wagens schlossen und sie ihn mitnahmen. Wegsperrten, dorthin, wo er keine Gefahr mehr für mich und mein Rudel darstellte.
Mein nächster Wegpunkt war eigentlich klar. Ich lief zurück ins Haus und die Treppen nach oben. Meine Hände schwitzten vor Nervosität und ich zwang mich dazu, tief Luft zu holen. Zögernd klopfte ich an der Tür und trat daraufhin leise ein. Randall schlief. Immer noch, noch kein einzes Mal hatte er die Augen geöffnet. Ihm ging es etwas besser, sein Körper heilte, aber aufgewacht war er immer noch nicht. Langsam machte mir das extreme Sorgen. Dennoch hatte Emma wirklich ein Wunder vollbracht. Vorsichtig setzte ich mich aufs Bett und legte mich dann neben ihn, darauf achtend, das Bett nicht zu sehr zu bewegen und keine seiner Verletzungen zu berühren. Das Blut war verschwunden, seine Verbände und Laken sauber. Ich legte meine Hand zart auf seine und sah ihn an. Sogar die Schatten unter seinen Augen waren verblasst. Ich hatte seit dem Kampf und eigentlich auch schon davor kein Auge mehr zu getan, deswegen fielen sie mir jetzt unfreiwillig zu, während ich in Gedanken schwelgte und mir seine Konturen einprägte, jene, die ich gesehen hatte, als ich bereit dazu gewesen war, zu sterben. Der Schlaf riss mich unerbittlich mit sich hinab und ich träumte wirr, von Nicks Tod, Blut, das Kehlen hinab rann, von Claire, die Justin Bieber hörte und von Ray, der mich mit kalten Augen ansah und mir ein Messer in die Seite rammte. Doch dann zerschnitt eine Stimme das Dunkel, sanft, und zog mich wieder hinauf ins Licht. Ich hätte diesem Geräusch, das direkt in mein Herz drang, ewig lauschen können, dennoch erwachte ich. Desorientiert blinzelte ich in das schwache Sonnenlicht und blickte in klare, blaue Augen. Ich hatte noch nie etwas Schöneres gesehen. "Hey", flüsterte Randall und verschränkte seine Hand mit meiner, hielt sie fest, als wäre ich nur ein Traum der drohte, ihm wieder zu entgleiten. "Hey", flüsterte ich zurück und lächelte ihn an, schluckte, unterdrückte die Tränen, die in meine Augen stiegen. Nach dem ganzen Chaos der letzten Tage, spürte ich in diesem Moment zum ersten Mal wieder, wie mein Herz schlug.
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Wolf Pack - Completely Insane
LobisomemEin Rudel Werwölfe zu beaufsichtigen ist in etwa so, als wäre man Kindergärtnerin, nur mit mehr Zähnen und Fell, versteht sich. Und als weibliche Alpha ist die ganze Sache noch schlimmer, vor allem wenn der Kerl, mit dem du dieses Chaos eigentlich f...
