Unser Haus sah aus wie ein verdammter Kriegsschauplatz. Überall Waffen und Wölfe, die durcheinander liefen. Emma hatte alles was wir an Verbandszeug und co hatten im Wohnzimmer ausgebreitet, um auf jede Eventualität vorbereitet zu sein. Joey erklärte gerade ein paar anderen Wölfen, wie man eine Waffe abfeuerte. Der Kleine. Ich schüttelte den Kopf, um den Wahnsinn der Situation auszublenden. Es war noch hell am Tag, uns blieben noch mehrere Stunden bis zum Auftakt unseres Angriffs. Und davor musste ich noch etwas erledigen. "Ray, ich bin noch mal kurz weg. Keine Sorge, ich pass auf mich auf und geh nicht in den Wald." Dieser hob zwar eine Augenbraue, nickte aber und reinigte seine Pistole mit einem dieser Flauschdinger, die man da hindurch zog. Ich konnte zwar schon schießen, seitdem ich vielleicht zehn Jahre alt war, aber wenn ihr mich nach den Details von so einer Waffe fragt - Meh. Ich weiß wie man damit schießt, sie säubert, entsichert und lädt, alles andere hatte ich meistens als unnötig erachtet. Ich schlüpfte unauffällig in dem ganzen Chaos aus der Terrassentür nach draußen. Mein nächstes Ziel war jetzt erst einmal eine kleine Hütte am Rande des Waldes. Ich musste Lucien vorwarnen. Meine Stiefel sanken ein wenig in den Boden ein und ich schüttelte seufzend einen Teil des Drecks ab, bevor ich an der Tür des Holzhauses klopfte. Zuerst war es still - dann hörte ich Schritte und Lucien öffnete die Tür. Er lehnte sich in den Rahmen und verschränkte die Arme. Begeistert sah er nicht aus und ich konnte mir auch vorstellen, warum. Ich hatte mich seit der Prügelei nicht mehr blicken lassen, aber die Möglichkeit hatte ich ja auch nicht wirklich gehabt. "Was willst du hier?", fragte er kalt und ich hätte beinahe die Augen verdreht. "Darf ich reinkommen?" Ich biss mir auf die Zunge. Warum bat ich eigentlich um Erlaubnis? Das war meine verdammte Hütte. "Warum kommst du erst jetzt?", meinte er stur und bewegte sich keinen Zentimeter vom Fleck. "Wann hätte ich denn kommen sollen? Vor oder nach dem Monster-Werwolfsangriff, oder vielleicht zwischen den Kriegsvorbereitungen?", gab ich zuckersüß zurück und Wut staute sich in mir an. Ich war nicht daran Schuld gewesen, dass sich diese beiden testosterongesteuerten Affen an die Kehle gegangen waren. Eingeschnappt schnaubte er, trat aber zurück und lief ins Innere des Hauses, ließ aber die Tür offen. Also folgte ich ihm und schloss sie hinter mir, vielleicht mit etwas mehr Schwung als notwendig gewesen wäre. Ich traf in der Küche wieder auf ihn und lehnte mich gegen den Tresen. "Ich bin gekommen um dir zu sagen, dass der Krieg in vollem Gange ist. Bald wird es hier ein ziemliches Gemetzel geben." Er hörte mir aufmerksam zu und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. "Und was habe ich damit zu tun?" Der Ärger flammte in mir wieder auf, aber ich versuchte ihn so gut wie möglich zu ersticken. Ein kleiner Teil in mir hatte gehofft, dass er zumindest anbieten würde, zu helfen. "Das ist genau der Punkt. Gar nichts. Das ist nicht dein Krieg. Und deswegen würde ich dir raten, abzuhauen, bevor du hier mit rein gezogen wirst." Er setzte die Tasse so hart ab, dass sie klirrte. "Du willst mich raus werfen?"
"Das meinte ich damit nicht...", versuchte ich es ihm ruhig zu erklären, aber er hörte gar nicht zu. "Gut genug, um dich flachzulegen bin ich anscheinend, aber für mehr auch wieder nicht", meinte er höhnisch und das war der Moment, in dem ich in die Luft ging. "Was bildest du dir eigentlich ein?!", zischte ich und machte einen Schritt auf ihn zu. "Die ganze Zeit verhältst du dich wie das größte Arschloch überhaupt, und dann erwartest du dass ich dich mit offenen Armen empfange oder was? Schön, du hast vielleicht eine scheiß Zeit hinter dir. Das haben einige aus meinem Rudel auch, und die fangen keine fucking Schlägereien an und labern nicht den ganzen Tag scheiße! Verdammt, du behandelst mich wie eine kleine Hure, wenn du gerade in der Stimmung dazu bist! Meinst du ehrlich ich danke dir dafür auch noch?!" In meiner Kehle machte sich ein tiefes Grollen Luft.
Seine Augen blitzten wütend. "Du hast mir doch gar keine Chance gegeben! Dein Rudel ist dir wichtiger als alles andere. Nichts anderes hat Platz in deinem Leben." Ich schwieg eine Sekunde und dachte tatsächlich über seine Vorwürfe nach. "Vielleicht hast du Recht. Aber mein Rudel ist meine Familie. Und daran wird sich auch nichts ändern." Er bleckte die Zähne. "Gut. Dann sind wir geschiedene Leute. Es ist aus."
Ich schnaubte und lächelte beinahe. "Du hast nie verstanden, dass es nicht einmal begonnen hatte, oder?"
Er knurrte böse und ich hielt meine Stellung. "Es ist dieser Kerl, richtig? Dieser andere Alpha. Er ist besser als ich, mächtiger. Deswegen willst du ihn und nicht mich, habe ich Recht?" Es gab mir schon einen leichten Treff, dass er mich und meine Gefühle so leicht durchschaut hatte, aber ich ließ mir nichts anmerken. "Das hat nichts damit zu tun, dass er ein Alpha ist, Lucien. Er ist mein Freund, er war immer an meiner Seite wenn ich ihn gebraucht habe. Und er hätte mich niemals so behandelt wie du es getan hast", schloss ich, nun wieder ruhiger geworden. "Du hättest das auch alles haben können, Kleiner. Aber es ist Tatsache, dass Randall definitiv einen besseren Charakter hat als du."
Mein Blick bohrte sich in seinen und er schien darunter einzuknicken, ihm nicht Stand halten zu können. Er winselte. "Aber ich liebe dich doch, Dess." Ein kalter Schauer lief meinen Rücken hinab. Ich wandte mich ab, obwohl mein Herz schmerzte. Ich hatte ihn wirklich irgendwie gemocht. Aber manchmal täuschte man sich eben in Menschen, und Wölfen. Das war einfach so. Gefühle liefen manchmal Amok und führten einen komplett in die falsche Richtung. Ich hatte keine Ahnung, ob Randall mich auch so mochte, wie ich ihn oder ob er überhaupt die Nacht überleben würde. Aber wenn ich einfach aufgeben würde, hätte ich sowieso schon verloren. Und er war es wert, zu kämpfen. "Bis Sonnenuntergang bist du weg hier, Lucien. Ich will nicht, dass du in die Schusslinie gerätst."
Und ich vertraute ihm definitiv sowieso nicht genug um ihn in mein Team aufzunehmen, geschweige denn um das Haus und Finn zu beschützen. Mein siebter Sinn sagte mir einfach, dass ich ihn loswerden musste, bevor es zu spät war und er uns alle in den Abgrund reißen würde. "Das wirst du noch bereuen, Desiree!", schrie er mir rasend vor Wut hinterher, und ich schloss langsam die Tür hinter mir, machte die Augen zu und atmete einmal tief durch. Ein Kapitel meines Lebens abgeschlossen. Jetzt wurde es Zeit dafür für ein Neues zu schreiben, und selbst wenn ich noch nicht viel darüber wusste, eines war mir klar: Es würde blutig werden - und vielleicht würden einige meiner Freunde das Ende der Geschichte nicht mehr miterleben.
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Wolf Pack - Completely Insane
LobisomemEin Rudel Werwölfe zu beaufsichtigen ist in etwa so, als wäre man Kindergärtnerin, nur mit mehr Zähnen und Fell, versteht sich. Und als weibliche Alpha ist die ganze Sache noch schlimmer, vor allem wenn der Kerl, mit dem du dieses Chaos eigentlich f...
