Ich wurde davon wach, dass ich ein seltsames Geräusch wahrnahm. Ein Rascheln. War das ein Vogel? Seltsam. Im Halbschlaf kuschelte ich mich in die angenehme Wärme, die ich verspürte. Ein Arm legte sich um mich und ich schmiegte mich in die Berührung. So früh, und schon Vögel unterwegs? Ich versuchte den Sonnenstrahlen zu entgehen, die mich kitzelten.
Es dauerte circa zwei geschlagene Minuten, bis ich meine Eindrücke verarbeitet hatte. Dann stand ich beinahe senkrecht im Bett, mit einem Kater, der mich gerade bösartig wie ein Tiger zerfetzte. "Oh scheiße", murmelte ich und betrachtete den leicht bekleideten Lucien in meinem Bett.
Was zur Hölle war letzte Nacht passiert?!
Tief durchatmend zählte ich bis zehn, aber meine Kopfschmerzen schienen das dezent vereiteln zu wollen. Dann öffnete ich vorsichtig ein Auge. Scheiße. Lucien war immer noch da, und schlief seelenruhig wie ein Welpe. Die schwarzen Haare hingen ihm in die Stirn und ließen ihn irgendwie so friedlich und harmlos wirken. Dass an dieser Situation nichts friedlich noch harmlos war verriet mir die Tatsache, dass wir anscheinend einen Mangel an Klamotten hatten. Ich zog mir die Bettdecke bis zum Hals und überlegte angestrengt, an was ich mich noch erinnern konnte, wurde aber von Luciens bloßem Rücken abgelenkt, an dem sich die Muskeln bewegten, während er im Schlaf atmete. "Reiß dich zusammen, Dess!", fing ich an, Selbstgespräche zu führen und dachte nach. Also, da waren die Shots gewesen. Und meine ziemlich miese Laune. Ich wusste auch, dass Lucien mich wieder geküsst hatte, und dass die anderen alle ins Bett gegangen waren oder im Wohnzimmer geschlafen hatten. Und dann...nichts mehr.
"Verdammt." Ich schielte vorsichtig zu dem nackten Kerl in meinem Bett hinüber. Dafür gab es sicher eine plausible Erklärung. Bestimmt. Das war alles ein Irrtum. Ich machte mir doch etwas vor! Warum landete immer ich betrunken im größten Chaos? Leise schob ich die Decke beiseite und schlich auf Zehenspitzen zur Tür, zog mir schnell meinen schwarzen, flauschigen Bademantel über und flüchtete ins Bad. Als ich endlich aus dem Zimmer war, atmete ich erleichtert aus. Fuck. Das war ein ganz neuer Tiefpunkt. Und zudem erinnerte ich mich nicht einmal mehr an irgendetwas...
Trotz meines hämmernden Schädels zog ich mich halbwegs an und betrat barfuß die knarzende Treppe. Irgendwie verwunderte es mich, dass ich da überhaupt noch hoch gekommen war, so betrunken wie ich gestern gewesen sein musste. Als ich unten angekommen war, blickte ich mich suchend um, konnte aber niemanden entdecken. Puh. Noch einmal Glück gehabt. War anscheinend doch noch relativ früh am Morgen. Ich glaube, ich melde mich krank, schoss es mir voller Selbstmitleid durch den Kopf. Aber nein, das war auch eine bescheuerte Idee, dann musste ich mich ja noch viel früher mit Lucien auseinander setzen. Verdammt. Ich schnupperte und sah, dass im unteren Bad eine Lampe brannte, also schlich ich mal zögerlich dort hin. In all meinem Elend und mit dem ganzen Restalkohol im Blut, der mich nur vorsichtig wie ein neugeborenes Rehkitz laufen ließ, musste ich dennoch grinsen. Emma schlief offenbar tief und fest auf dem Boden im Badezimmer. Irgendwer hatte wohl die Güte gehabt, ihr ein Kissen zu geben, das sie fest umklammert hielt. Okay, sie hatte es definitiv nicht mehr ins Bett geschafft. War das besser oder schlechter als mit einem nackten Kerl im Bett aufzuwachen, den man kaum kannte? Seufzend drehte ich mich um und ließ sie ihren Rausch ausschlafen. Nicht, dass ich sie in dem Zustand wach gekriegt hätte. Auch normalerweise hätte sie schon ein Erdbeben verschlafen. Oder eine Atombombe. Als Erstes warf ich mir eine Aspirin in ein Glas Wasser und lehnte mich in meiner Jogginghose an den Küchentresen. Ich zuckte zusammen und fuhr beinahe senkrecht in die Höhe, als mich jemand ansprach. "Guten Morgen", meinte Kyle gut gelaunt und ich wäre ihm beinahe ins Gesicht gesprungen. Diese verdammten Morgenmenschen. "Nicht so laut!", zischte ich und er bewegte sich schnell aus meiner Reichweite. "Warum bist du schon so fit?" Er zuckte die Schultern. "Ich glaube, du hast einfach nur mieses Karma." Ich knurrte missmutig. "Sind die anderen schon wach?", wechselte ich das Thema, bevor er mich wirklich reizen konnte. "Nur Nick, Riley und ich." Er betrachtete mich genauer und schnupperte leicht an mir. "Hattest du Sex?"
"Hör auf an mir zu schnuppern wie ein verdammter Drogenspürhund!" Er grinste mehrdeutig und reichte mir versöhnlich einen Orangensaft. Leise vor mich hin brummend nahm ich das Ding entgegen und leerte den Karton fast auf einen Zug. Dann kippte ich die mittlerweile aufgelöste Aspirin hinterher und verzog das Gesicht. "Ich trinke nie wieder Alkohol." Kyle schüttelte schmunzelnd den Kopf. "Das habe ich von dir schon viel zu oft gehört als dass ich es noch ernst nehmen könnte." Leise seufzend lief ich in Richtung Terrasse. Man. Ich glaubte langsam, dass mich das Leben hasste. "Ich gehe laufen", murmelte ich und verwandelte mich noch im Wohnzimmer in einen Wolf. Mit der Schnauze schob ich die Tür auf und atmete erleichtert aus, als mich die frische Luft umgab. Ich hatte gerade das Bedürfnis, einfach abzuhauen, weit weg. Also rannte ich los und war wie ein weißer Blitz im Wald verschwunden. Als Wolf ließ sich so ein frühmorgendlicher Kater viel leichter verschmerzen als als Mensch. Die ganze Geschichte mit der Superheilung war zwar etwas übertrieben, aber wir heilten dennoch beträchtlich schneller, was man an meiner Schulter sah. Die Verletzung von diesem verdammten Feuerball war längst wieder verschwunden, höllisch weh getan hatte sie aber trotzdem. Ich genoss das Gefühl, wie sich meine Muskeln dehnten und das feuchte Gras unter meinen Pfoten. Langsam entspannte ich mich etwas und hielt unter einer großen, bestimmt hundert Jahre alten Eiche an, deren Äste weit ausladend gen Himmel gestreckt waren. Eine der klobigen, verknoteten Wurzeln reichte mir fast bis zur Hüfte, und ich legte mich dort in das schattige Fleckchen Wiese, den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet. Jeder andere wäre glücklich gewesen. Als Alpha eines Rudels, mit einem Rudel, das man liebte wie eine Familie. Und noch dazu mit einem Kerl, den man gar nicht so schlecht fand, und der zudem auch ein Werwolf war. Das Glück hatte nicht jeder. Schon einige aus dem Rudel hatten Fehlschläge mit Menschen erleben müssen, da sie ihnen nicht sagen konnten, wer - oder was - sie wirklich waren. Aber sowohl die Sache mit Noahs Rudel als auch Lucien belasteten mich. Ich mochte Lucien, ja, aber ich wollte ihn nicht als meinen Gefährten. Nicht wirklich. Ich wollte etwas - aber was das war? Ein bisschen Glück, für mich allein? Möglicherweise. Manchmal fragte ich mich, ob ich überhaupt Alpha sein sollte. Was war die Alternative, Nate und Amber das Rudel übernehmen zu lassen? Nein. Das konnte ich den Anderen nicht antun. Sie verließen sich schließlich auf mich. Ich legte die Ohren an. Das machte alles aber nicht besser. Ich rollte mich auf den Rücken und beobachtete die Wolken vorbei ziehen. Klein, flauschig und weiß. Blauer Himmel. In der Natur schien alles in Ordnung zu sein, im Gegensatz zu dem Sturm, der in meinem Inneren tobte. Mir schwante schon übles, wenn ich später Nachhause kommen sollte.
Wie viel zu oft in unvorteilhaften Situationen sollte ich Recht behalten. Aber nicht so wie ich gedacht hatte...
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Wolf Pack - Completely Insane
WerewolfEin Rudel Werwölfe zu beaufsichtigen ist in etwa so, als wäre man Kindergärtnerin, nur mit mehr Zähnen und Fell, versteht sich. Und als weibliche Alpha ist die ganze Sache noch schlimmer, vor allem wenn der Kerl, mit dem du dieses Chaos eigentlich f...
