Chapter 23

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Dann atmete ich einmal tief durch, klopfte leise und betrat das Zimmer. Zuerst sah ich nur weiße Laken und Blut. Überall. Mein Herz raste bis zum Überschlag. Randall lag im Bett, bleich wie die Laken auf denen er lag und ich war mir im ersten Moment nicht einmal sicher, ob er überhaupt atmete. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte man, wie sich seine Brust gemächlich hob und wieder senkte. Ich schloss die Tür, eine sichere Aktion, die mich vom Ausrasten abhielt und lief dann zu ihm. Ließ mich vor seinem Bett auf die Knie fallen. Scheiße. So ein Gefühl kann man nicht beschreiben. Ich war gleichzeitig den Tränen nahe, andererseits war alles in mir, alle Gedanken die sich zuvor in meinem Kopf befunden hatten, wie leer gefegt. Ich hatte Angst. Angst um ihn. Aber gleichzeitig versuchte ich die Fassung zu bewahren, versuchte, meine Fassade um mich herum, die mich schützte, aufrecht zu erhalten. Und ich fühlte mich selbst zerbrechen. Stück für Stück. Schon wieder. Ich ergriff so vorsichtig wie möglich seine Hand. Sie war ganz kalt, und ich spürte seinen Puls nur ganz schwach. Seine Wimpern warfen lange schwarze Schatten auf sein Gesicht, und ich legte mein Kinn auf die Bettdecke, sah ihn nur an. Es tat mir so unendlich weh, ihn so zu sehen. Wo war der starke Randall, immer zu einem dummen Spruch bereit oder dazu, sich beschützend vor mich zu stellen? Randall war damals einer der Ersten gewesen, die mich so akzeptiert hatten, wie ich war. Als ich mich zum ersten Mal verwandelt hatte, war ich allein gewesen. Lange Zeit. Er war der Erste, der mir wieder Hoffnung gegeben hatte. Ich hatte damals schon angefangen, mein Rudel um mich zu scharen. Aber ich selbst, das war ein anderes Thema. Trotz Nathan und Riley hatte ich jemanden gebraucht, der mich stützte. Bei dem ich einmal nicht die Nerven behalten musste. Dieser jemand war Randall immer für mich gewesen, immer wenn ich ihn gebraucht hatte. Ich war so dumm gewesen. Wenn ich jemanden brauchte, dann war es Randall. Wenn er nicht da war vermisste ich ihn. Ich lachte so viel wie nie, wenn er bei mir war. Ich genoss seine Gesellschaft mehr als jede andere. Das war einfach Fakt. Und ich fragte mich, wie ich es nur hatte ausblenden können, wie sehr ich ihn eigentlich liebte. Es war verrückt. Es kam so der Augenblick, wo man sich über total offensichtliche Dinge klar wurde...Und ich fragte mich warum ich das zuvor nie bemerkt hatte. Erst unser Ausflug in den Wald hatte bei mir irgendeinen Nerv getroffen, und davor...jahrelang...ich schloss die Augen. Manchmal sind Dinge so offensichtlich, dass man sie erst viel zu spät versteht. Und ich hoffte, dass es diesmal nicht zu spät war. Vorsichtig hob ich die Decke und begutachtete seinen Verband. Dieser hatte teilweise die Decke rot gefärbt und ich konnte mir nur vorstellen, wie die Klauen dieses Wesens seine Brust aufgeschlitzt haben mussten. Zitternd atmete ich aus. Das alles musste ein Ende haben. Jetzt. Ich hielt das nicht mehr aus. Ständig wurden Leute verletzt, die ich liebte. Für mich war das Maß jetzt voll. Ich würde Kathrina jagen und töten. Das hier - das würde ich ihr nie verzeihen. Selbst für einen Werwolf war so eine Verletzung schwer zu heilen. Wenn überhaupt. Ich hoffte so, dass Randall es schaffen würde. "Du bist doch ein Kämpfer", flüsterte ich leise. "Gib jetzt nicht auf. Wir brauchen dich...Ich brauche dich." Ich sah ihn an und er regte sich nicht, atmete ruhig aber rasselnd ein und aus. In diesem Moment betete ich. Egal ob zu Gott, Allah, Fenris, dem Wolfsgott oder zu wem auch immer - ich wollte nur, dass er es schaffte. Mehr wollte ich nicht. Den Rest würde ich selbst erledigen. Ich beugte mich vor und gab ihm einen Kuss auf die erhitzte Stirn. "Alles wird gut. Ich hab die Situation unter Kontrolle, Kleiner. Werd du nur wieder gesund..." Ich schluckte schwer und stand auf, bevor ich zusammenbrechen konnte. Mein Rudel brauchte mich jetzt. Das war der Tropfen der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Jetzt, jetzt herrschte Krieg.

Im Wohnzimmer rief ich eine Versammlung ein. "Leute!", versuchte ich die wild durcheinander redende Gruppe zu beruhigen. "Ich muss mit euch reden! Wär nett wenn ihr endlich die Klappe halten könntet - ja, danke. Folgendes. Ich habe einen Plan, aber der wird euch nicht gefallen. Für mich ist ein Punkt erreicht, der längst überschritten worden ist. Wir befinden uns im Krieg. Kathrinas Viecher haben versucht, uns zu töten. Sie verwandelt Wölfe in Wesen...ich weiß nicht mal, als was ich diese Dinger bezeichnen soll. Bis jetzt war das für mich ein Kampf, vielleicht auf humaner Ebene, vielleicht auf politischer, aber jetzt ist es persönlich. Randall kämpft dort oben um sein Leben und es reicht einfach. Ich weiß nicht wie es euch geht" - dabei blickte ich Nathan und Amber nacheinander fest in die Augen - "aber genug ist genug. Ich will keinen von euch verlieren, aber wenn das so weiter geht wird sie uns angreifen und alle töten. Wir müssen endlich anfangen, uns zu wehren. Wir brauchen einen strategischen Plan, und wir müssen angreifen bevor sie es tut. Für mich ist das Ganze jetzt todernst. Ich werde das nicht über euren Kopf hinweg entscheiden, vor allem da ich nicht der Alpha von Randalls Rudel bin, aber ich möchte euch darum bitten: Kämpft an meiner Seite!" Ich verschränkte die Arme und blickte in die Rude. Aus Randalls Reihen kam lautes Gemurmel und schließlich trat Ray vor. "Ich bin der Beta dieses Rudels." Er warf einen Blick in die Runde. "Und meiner Ansicht nach können wir keinen Angriff auf unsere Alphas oder unsere Rudelmitglieder im Allgemeinen durchgehen lassen." Zustimmendes Gejaule ertönte aus der Gruppe und auch mein Rudel wurde langsam unruhig. Sie warteten alle auf eine Äußerung von Nathan. Dieser schwieg zuerst, dann sprach auch er. "Ich denke, diese Entscheidung ist übereilt..." Ich unterbrach ihn und zischte: "Muss denn erst jemand sterben, bevor du einsiehst, was hier los ist?!" Er knurrte zurück: "Jetzt lass mich erstmal ausreden, Weib, verdammt! Ich wollte nur sagen, dass wir nichts über sie wissen. Wer ist das, der Wölfe verwandelt? Mit was haben wir es überhaupt zu tun? Wir können doch nicht blindlings in einen Kampf rennen!" Ich schnaubte. "Natürlich nicht. Aber indem wir hier herumsitzen und nichts tun werden wir es garantiert nicht herausfinden!" In diesem Moment griff überraschenderweise Amber ein, womit ich gar nicht gerechnet hätte. "Sie hat Recht, Nate. Wir müssen endlich handeln. So geht das ganze nicht mehr weiter. Wir haben hier Kinder bei uns. Ich will ihr Leben bei einem Angriff nicht auf meinem Gewissen haben, du etwa?" Nate blickte sie entgeistert und auch etwas verstört an. Dann schüttelte er den Kopf. "Natürlich nicht." Sie nickte mir zu, und damit war es eigentlich beschlossene Sache. Ich sah zu Ray. "Gut. Seid ihr bereit, an unserer Seite zu kämpfen?" Er lächelte, und ich sah seine spitzen Zähne hervor blitzen. Der Wolf in ihm bleckte seine Zähne. "Immer und überall."

Wolf Pack - Completely InsaneWo Geschichten leben. Entdecke jetzt