Ich hatte keine Angst davor, zu sterben. Aber ich wollte nicht, so einfach war das. Wollte nicht, dass diese Geschichte heute endete, für mich und alle anderen. Also tat ich das einzig Vernünftige, was ich in dieser Situation tun konnte: Ich schaltete meine Gefühle aus. Ich führte meine Gruppe an, bestehend aus Nate, Ray, Mina und Mike. Während wir lautlos und geduckt durchs Gebüsch schlichen, hatte ich Zeit, um Nachzudenken. Über Randall und Lucien und dieses ganze Chaos. Und ich entschied, dass mich meine Gefühle in diesem Moment behindern würden, also sperrte ich sie ganz weit hinten in meinem Verstand in eine Schublade. Ich würde alle meine Konzentration brauchen und eiskalt sein müssen, wenn ich diese beiden Rudel, die wie meine Familie waren, am Leben erhalten wollte.
Wir bewegten uns so leise wie möglich durchs Unterholz, unsere Waffen hatten wir an Gürteln befestigt oder trugen sie in der Hand, angespannt. Ich behielt meine nervös zuckenden Finger direkt über den Holstern meiner Pistolen, auch wenn ich diese im Notfall nicht zuerst ziehen würde, da ein Schuss in diesem Wald weit nachhallen würde. Aber es beruhigte mich irgendwie. Die Umgebung war zu still für meinen Geschmack, ich hörte keine Tiere rascheln, keine Vögel zwitschern. Vage konnte ich die Position einer anderen Gruppe ausmachen, ich denke es war die, die Leroy unterstand. "Sie machen sich gut", flüsterte mir Mina zu, die inzwischen zu mir aufgeschlossen hatte. "Ja", erwiderte ich leise. "Wir müssten bald die Grenze zu Noahs Revier erreichen. Ich frage mich, warum wir noch niemandem begegnet sind. Weder einer Patrouille noch einem dieser Killerwölfe." Mina ließ den Blick nachdenklich durchs Unterholz schweifen. "Sei doch froh darüber." Ich blieb stehen und wartete, bis Ray, Mike und Nate zu uns gestoßen waren. "Irgendetwas stimmt hier nicht", meinte ich wispernd zu ihnen. "Seid wachsam." Mein Instinkt betrog mich selten. Ich ärgerte mich darüber, keine Möglichkeit des Kontakts zu den anderen zu haben. Wir mussten weiter und hinnehmen, was auch immer uns dort erwartete, solange es noch dunkel war. Ray nickte, ohne weiteres Kommentar und Nate verzog das Gesicht. "Warum habe ich das nagende Gefühl, dass das eine Falle ist?" Ich schwieg einen Moment und wechselte einen Blick mit Mike, der einen unwohlen Blick in die vor uns liegende Richtung geworfen hatte. "Weil es eine Falle ist."
Als hätten meine Worte einen Nachklang gefunden, ertönte plötzlich ein tiefes, lautes Heulen, das meinen Rücken mit einer Gänsehaut überzog. Wir fuhren herum, doch eine Sekunde später gab ein Monsterwolf irgendwo hinter uns dasselbe Geräusch von sich. Sie wussten, dass wir hier waren. Meine Gedanken rasten. Vor oder zurück, oder die anderen einsammeln? Wenn wir auf die Bäume kletterten, bestünde die Chance, dass sie uns übersehen würden. Aber ich zweifelte daran. Im Notfall würden wir dort oben nur in der Falle sitzen. "Fuck!", fluchte ich und ging meine Möglichkeiten durch. Jemanden einzeln hin zu schicken wäre zu gefährlich, aber alle auf einem Haufen wären wir viel zu angreifbar. Uns blieb nichts anderes übrig als uns an den vorherigen Plan zu halten. Wir huschten von Baum zu Baum und irgendwann stoppte ich die Gruppe mit einem abrupten Handzeichen, legte einen Finger an die Lippen. Direkt vor uns krachte ein Monsterwolf aus dem Gebüsch. Ich hatte ein minimalstes Dejavu, ich, hinter einem Baum, ein riesiges Vieh direkt hinter mir, das versuchte, meine Spur aufzunehmen - ich verdrehte die Augen gen Himmel. Diesmal würde ich nicht die Zeit haben ihn im Sumpf zu versenken. Dafür hatte ich diesmal Waffen. Es konnten höchstens noch hundert, zweihundert Meter sein, bis der Wald endete und wir auf freies Feld trafen, gefolgt von dem Hauptquartier des Rudels. Mike erhob sich langsam, seinen Morgenstern fest in der Hand, sodass dieser kein Geräusch von sich gab. Ray und Nate griffen jeweils zu einer Axt, und Mina zückte eine nicht zu unterschätzende Machete. Ich wartete einfach nur, eine Hand am Katana. Das Ding schnupperte, eingehend, und schob langsam seinen wulstigen Kopf um die Ecke. Ich konnte seinen Mundgeruch jetzt schon riechen, und ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu würgen und still zu stehen. Dann ging alles ganz schnell. Es streifte mit seinem Fell meinen Arm und ich fuhr herum. Zog blitzschnell mein eines Katana und fuhr ihm damit in einem sauberen Schnitt über die Kehle. Es gurgelte und Blut spritzte, während ich mich bereits weg duckte. Es taumelte, setzte zu einem Knurren an und versagte, dann gab Mike ihm den Todesstoß, indem er den Morgenstern auf seinen Kopf niedersausen ließ. Keine Zeit zum Zögern. Mit einem Krachen zersprang sein Schädel und das Tier ging zu Boden. Blut sickerte in das Moos und ich strich dem Ding langsam übers Fell. Ich spürte, wie es starb. Sein Atem ging nur noch leicht wie das Wispern des Windes durch die Blätter, und es öffnete noch einmal die Augen. Seine strahlend gelben Augen verblassten, und plötzlich veränderten sie sich. Wurden heller, braun, zu den Augen eines Menschen. Ich schluckte. Ich sah darin Vergebung, bevor der letzte Atemzug seinen gigantischen Laib verließ. Ich erhob mich wieder, wischte mein blutiges Katana mit ein wenig Moos ab, behielt es aber in der Hand. Nummer zwei würde nicht lange auf sich warten lassen. Die anderen schwiegen, sie wussten genauso gut wie ich, dass diese verfluchten Wesen in diesem Kampf der Kollateralschaden waren. "Gehen wir", sagte ich leise. Mir kam es vor, als würde der Wald mit uns trauern.
Wir traten aus dem Wald und legten uns an die Felsen, die den Rand säumten, geschützt vom Dunkel der Nacht. Der Anblick, der uns dort erwartete, ließ mein Innerstes kalt werden. Das, was wir dort sahen, war eine kleine Armee, die nur auf den Befehl wartete, loszupreschen und zu zerfleischen. Ich zählte mindestens fünf Monsterwölfe, aber wer wusste schon, wie viele sich noch im Wald hinter uns verbargen. Dann das ganze Rudel von Noah und Kathrina. Alle in ihrer Wolfsform, knurrend, die Zähne fletschend wie wild geworden. Noah konnte ich von hier aus ausmachen, er befand sich im Epizentrum des ganzen Irrsinns. Er war der einzige, der dort als Mensch stand. Kathrina konnte ich nirgends ausmachen. Verdammt. Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Zwar war das ganze Rudel versammelt, aber sie schienen auf etwas zu warten. Auf uns, vermutlich. Das Haus an sich erschien leer und verlassen, die Tür stand offen. Ich warf einen Blick zur Seite und sah, dass sich Leroys Truppe ein paar Meter entfernt zu uns gesellt hatte. Auch die anderen trafen nach und nach ein, wie Schatten huschten sie an ihre Plätze. Nur eine weitere Gruppe war mit Blut besudelt. Der Rest war wahrscheinlich keinem Monsterwolf begegnet. Ich atmete einmal die kühle Luft der Nacht tief ein, und dann duckte ich mich und sprintete los, die eine Hälfte meiner Leute hinter mir. Wir waren lautlos und wir waren schnell, schlitterten in der Dunkelheit über die leicht feuchte Wiese. Schwer atmend suchten wir an den Hauswänden Deckung. Wir würden von der einen Seite angreifen, während die Anderen auf den passenden Augenblick warteten und unter Leroys Kommando einen Überraschungsangriff von hinten starteten. Dann würden wir Kathrina aufspüren, und dieser ganzen Sache ein Ende setzen.
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Wolf Pack - Completely Insane
WerewolfEin Rudel Werwölfe zu beaufsichtigen ist in etwa so, als wäre man Kindergärtnerin, nur mit mehr Zähnen und Fell, versteht sich. Und als weibliche Alpha ist die ganze Sache noch schlimmer, vor allem wenn der Kerl, mit dem du dieses Chaos eigentlich f...
