Gino
„Hi Mrs Kolbring." Nova winkte im vorbei gehen der Dame im Büro neben den Eingang.
„Wie viele Leute wohnen hier?" fragte ich mit einem Blick in den Wohnbereich des Wohnheims. Es tummelten sich allein in diesem kleinen Ausschnitt den ich sehen konnte einige Studenten.
„Ich weiß nicht genau. 150 bis 200 denke ich. Das Riverfront ist eines der größten Wohnheime hier." Nova lief die Treppen hoch in den dritten Stock. Während sie die Zimmertür aufschloss, dachte ich darüber nach, wie genervt ich sein würde, wenn ich mit 200 Leuten in diesem Haus wohnen müsste. Nie das Bad für sich. Nie die Küche für sich. Nie auf dem Sofa rum gammeln, ohne dass 20 weitere neben mir stehen. Die Tür ging mit einem leisen Quietschen auf und ich folgte Nova in das kleine Zimmer.
„Dafür dass es Riverfront heißt, siehst du nicht gerade viel vom Silverlake oder?" ich sah aus dem Fenster und konnte keinen Fluss sehen.
„Der ist auf der anderen Seite des Gebäudes." erklärte sie und zog die Kamera aus der dazugehörigen Tasche. „Du hast nicht zufällig einen geladenen Wechselakku dabei?" sie drehte den Bildschirm zu mir. Er war schwarz. Und blieb auch schwarz.
„Ich habe nur den Akku. Der andere liegt bei meinem Bruder. Aber das Ladegerät..." ich griff in die Tasche und fischte nach dem Ladegerät. „...ist nicht hier."
„Und jetzt?" sie legte die Kamera zurück in die Tasche und sah mich an.
„Jetzt kannst du mich entweder rausschmeißen oder... trotzdem mit mir die Zeit verbringen." schlug ich vor und lockte damit ein Lächeln aus ihr heraus. Ich zog sie näher an mich, bis sie den Kopf zurück legte um mich ansehen zu können. Ich senkte meinen Mund auf ihren und spürte prompt ihre Finger an meinem Körper. Sie strichen über den Stoff an meiner Brust und lösten ein angenehmes prickeln aus. Ich vertiefte den Kuss, drückte mich sanft an sie und...
„Ich finde einfach nur der Kurs hat... Oh scheiße!" stieß eine weibliche Stimme erschrocken aus. Nova räusperte sich und drehte sich zur Tür, wo ihre Mitbewohnerin Torry und ein mir glaube ich unbekannter Typ standen und uns anstarrten.
„Du hast den Klebezettel vergessen." Torry tippte gegen die Tür. „Soll ich meinen Blog Eintrag über dich umschreiben? Von Single zu vergeben?" sie wackelte anzüglich mit den Augenbrauen.
„Sowas steht da drin?" vielleicht hätte ich mir den Artikel doch mal genauer durch lesen sollen. Ich habe ihn nur grob überflogen, um erstens das Bild zu sehen, für welches sie sich entschieden hat, und zweitens nach zusehen, ob sie irgendwo etwas von Macy geschrieben hat.
„Na klar!"
„Vielleicht lässt du die Information einfach ganz raus." schlug ich vor und sie schaute mich angewidert an.
„Das ist mit das wichtigste im ganzen Artikel."
„Wer den den Sportlern bist du denn?" brummte der Typ hinter Torry und zog dabei die Wörter irgendwie merkwürdig in die Länge. Er musterte mich von oben bis unten. „Für Football bist du zu schmal gebaut oder?"
Ein fassungsloses schnauben kam aus meinem Mund. „Das sagt der richtige." mein Blick ging runter auf seine spindeldürren Beine, die in einer rostroten Jeans steckten.
„Ich habe dafür wenigstens mehr im Köpfchen außer die Sportplatzregeln." blaffte er mich an. Er erwischte mich leider an keinem guten Tag mit so nervigen Sprüchen. Nach der Sache gestern Abend mit Leo war ich immer noch Streitmodus.
„Halt die Klappe Winston." trällerte Torry. „Akzeptier endlich dass du bei Nova keine Chance mehr hast." sie kramte auf ihrem unordentlichen Schreibtisch nach etwas. „Brauchst du die jetzt noch?" sie wedelte mit einem Block bunter Klebezettel in der Luft rum.
„Nein. Wir gehen." Nova drückte mir die Henkel meiner Sporttaschen in die Hand, griff nach der Kamerataschen und lief Richtung Tür. Winston, wie der Kerl scheinbar hieß, stand immer noch in der Tür und schien sich auch nicht weg bewegen zu wollen. Er starrte Nova nur merkwürdig an. Nach wenigen Sekunden packte ich seine Schulter, zog ihn in das Zimmer und schob Nova durch die freie Tür.
„Nervig..." murmelte ich und hörte im nächsten Moment die Zimmertür zu knallen. „Was war das denn für einer?"
„Winston. Torry ist warum auch immer mit ihm befreundet und schleppt ihn ständig zu uns ins Zimmer." Nova rollte mit den Augen und bog zu den Treppen ab.
„Und ihr... ihr hattet mal was miteinander?" fragte ich vorsichtig.
„Oh Gott nein!" sagte sie sofort. „Er hat mich auf einer Party mal geküsst. Ungefragt. Und ich bin bis heute der Meinung, dass ich ihm keine Anzeichen dafür gegeben habe, dass ich das wollen würde. Er ist einfach komisch. Und er spricht... merkwürdig und ist anstrengend. Jedes Mal wenn er zu uns kommt, bleibt er auch den ganzen Abend. Wenn ich Glück habe, hat Bayda Zeit und ich flüchte zu ihr. Ansonsten sitze ich halt den ganzen Abend unten in der Küche und versuche in dem Lärm dort zu Lernen, anstatt die ganze Zeit von ihm angestarrt zu werden."
„Du kannst zu mir kommen, wenn er wieder kommt." schlug ich vor, ohne lange nachzudenken. „Mein Haus ist ruhig. Zumindest manchmal. Wenn die Jungs nicht da sind und Macy schläft."
Sie musste lächeln.
„Aber der Dachboden... der ist immer ziemlich ruhig."
„Darf ich dann neben den eingestaubten Fotoalben lernen?" witzelte sie.
„Eigentlich ist das mein Lieblingsraum im ganzen Haus." gab ich zu. „Es gibt große Fenster mit viel Tageslicht, recht wenig Staub, es riecht vielleicht etwas nach Farbe und Ton, aber sonst..."
„Den musst du mir dann tatsächlich mal zeigen." sie lächelte mich an. „Also... was machen wir? Dein Training fällt aus, meine Kurse Schwänze ich, die Kamera ist leer und... Mittag gegessen haben wir schon."
„Keine Ahnung." ich lenkte sie in die Richtung der Parkplätze. „In der Regel bin ich zu dieser Zeit beim Training, in meinen Kurse oder hole Macy etwas früher ab."
„Und dann?"
„Mit Macy?"
„Ja." sie nickte.
„Wir gehen was Malen, machen Sport oder gehen auf einen Spielplatz. Je nachdem wie sie drauf ist. Wenn sie sehr lange in der Kita sein musste, hat sie meistens nicht mehr viel Energie. Ich bring sie morgens kurz vor acht schließlich schon hin..."
„Du kannst sie abholen, wenn das besser für sie ist." ihre Stimme wurde ernster. Wir kamen an Ajax PickUp an. Ich zog meinen Schlüsselbund aus der Hosentasche, an dem auch der Ersatzschlüssel für Ajax Wagen hing. Ich schloss auf und warf meine Sporttaucher und die Kamera auf die Rückbank.
„Kommst du mit?"
„Macy abholen?"
Ich nickte und schloss das Auto wieder ab.
„Kommt das nicht irgendwie... komisch rüber?"
„Ajax ist fast jeden Tag dabei. Die eine Erzieherin will mir ständig von Büchern erzählen, in der das Kind zwei Papas hat. Ich habe ihr schon so oft erklärt das Ajax und ich kein Paar sind... vielleicht wäre es gut, wenn sie auch mal eine Frau an meiner Seite sieht. Außerdem hatte ich bestimmt schon jeden der Jungs mal mit. Die meisten dort wissen, dass ich gerne meine Freunde um mich habe." ich betonte das Wort Freunde etwas anders, weil man Nova so eigentlich nicht bezeichnen konnte. „Die planen fürs Sommerfest ein, dass die meisten nur ihre Eltern und vielleicht die Großeltern mitbringen. Außer Macy. Da planen sie ein, dass sie ein Basketballteam mitbringt, von denen alle beim Aufbau helfen sollen."
Nova lachte. „Na dann. Zeig mir den Weg zur Kita."
Gemeinsam liefen wir los, ließen den Universitätscampus hinter uns und tauchten ein in die kleinen Straßen von Silverlake. Der Weg zur Kita dauerte zu Fuß höchstens 10 Minuten. Wir konnten einen der Fußwege am Fluss nehmen und die Ruhe genießen. Silverlake war eine Studentenstadt. Nachmittags traf man auf die jungen Leute, die in den Cafés saßen oder in einem der kleinen Geschäfte stöberten. Aber jetzt wo immer noch Kurse stattfanden, war nicht viel los. Sobald die Semesterferien beginnen, ist es hier wie ausgestorben. Alle Studenten fahren zu ihren Familien nachhause und in der Stadt ist nichts mehr los.
„Wie geht es deiner Schwester?" fragte ich Nova nach einer Weile.
„Gut. Sie kommt Donnerstag aus der Rehaklinik zurück. Ich soll hinfahren, um alle etwas zu unterstützen in den ersten Tagen." jeder hätte ihr in diesem Moment ansehen können, wie wenig begeistert sie von diesem Vorhaben war.
„Ist das eine gute Idee? Ich meine mit deiner Mutter und dir..."
„Ist es nicht." antwortete sie ehrlich. „Aber was soll ich tun... meine Mutter hat keinen Führerschein, Brandon und Audrey müssen arbeiten. Ich soll zumindest die ersten zwei drei Tage da sein, um einkaufen zu fahren und Cyana zur Physiotherapie oder den anderen Arztterminen bringen."
„Schläfst du bei deiner Mutter in der Wohnung?"
„Nein. Audrey lässt mich bei meinen Besuchen immer bei ihr im Gästezimmer schlafen. Ich habe es am Anfang ausprobiert, auf der Couch meiner Mum zu schlafen, aber... je mehr Zeit man allein zusammen verbringen muss, desto schlimmer werden die Streitereien." sie lächelte traurig. „Am liebsten würde ich gar nicht hinfahren. Mein Aufenthalt wird meiner Mutter nicht gut tun und mir auch nicht. In den Stunden in denen Audrey bei der Arbeit ist, hoffe ich einfach nicht in der Wohnung sein zu müssen."
„Und wann fährst du?"
„Donnerstag um 12 Uhr fährt mein Bus. Vorher gehe ich noch zu meinen Kursen. Ich kann schließlich nicht noch mehr Schwänzen."
„Kannst du nicht Bayda mit nehmen?"
„Nein." lachte sie. „Ich hatte einmal Bayda mit und habe festgestellt, dass sie viel zu Diskussionsfreudig ist. Statt den Streit zu lindern, hat sie eher ungewollt Feuer rein gegossen... außerdem hat sie am Wochenende ein Seminar, könnte also eh nicht mit."
Am liebsten hätte ich ihr angeboten, dass ich sie hinfahre. Ich könnte ihr damit die stundenlange Busfahrt ersparen und würde vor der Wohnung warten und ihr die Möglichkeit geben runter zukommen, sobald es zu viel werden würde. Nur wollte ich Macy nicht schon wieder bei Sandro abgeben, nachdem sie dieses Wochenende schon bei ihm war.
„Wir sind da." ich deutete auf den gelb gestrichenen Zaun neben uns. Er umzäunte den Garten der Kita, in dem gerade die Kinder herumrannten, Schaukelten, kreischten und lachten. Ich öffnete das Tor und sah Nova auffordernd an. Sie lief lächelnd hindurch, wartete aber auf mich und ließ mich vor laufen. Ich begrüßte einige der Erzieher und sah mich um nach Macy.
„Heute mal früher?" Maja, die Erzieherin aus Macys Gruppe lächelte mich unsicher an.
„Ja..." ich blieb stehen um mir einen Überblick über die Kinder zu verschaffen. Irgendwo musste ich doch Macys dunkel braunen Zöpfe entdecken.
„Gino. Du bist ja früh dran heute!" Susann kam auf mich zu gelaufen. Sie trug wieder ihre Pinke Brille und ein langes Jeanskleid mit einer grünen Jacke darüber.
„Training ist für mich heute ausgefallen und... wir hatten nichts zu tun." erzählte ich ihr mit einem Lächeln.
„Oh! Dich kenne ich ja noch gar nicht." Susann linste auf Nova, die etwas hinter mich gerückt war. „Ich bin Susann."
„Nova." sagte sie lächelnd.
„Bist du auch Sportstudentin? Oder Kunst?"
„Tourismus." erklärte Nova und rückte näher neben mich.
„Oh! Das hatten wir noch nicht. Gino hat ja bald alles schon mit her gebracht. Die ganzen Sportler. Biologie hat der eine studiert. Wirtschaftsstudenten. Das eine Mädchen was Kunst mit der Spezialisierung auf Fotografie studiert hat. Was es nicht alles gibt." plapperte Susann vor sich hin und ich bemerkte den neugierigen Blick von Nova, als das Fotografie Mädchen erwähnt wurde.
„Effie hieß das Mädchen. Die Freundin von Brix." rief ich Susann die Namen in Erinnerung und sie klopfte sich gegen die Stirn.
„Daddy!" kreischte plötzlich eine mir sehr bekannte Kinderstimme. Macy rannte auf mich zu und sprang mir in den Arm. „Nova ist auch da." kicherte sie erfreut.
„Hi Macy." Nova lächelte sie an.
„Wollen wir deine Sachen holen?" ich setzte sie wieder auf dem Boden ab und sie hüpfte zur Tür. Dahinter befand sich gleich die Garderobe mit Macys Fach. Während ich ihren Rucksack, die Malbilder und ihre Jacke zusammen räumte, zog Macy sich ihre Matschhose aus und erzählte Nova von irgendeinem Buch, was sie heute scheinbar gelesen haben.
„Tschau." rief ich, als wir das Kita Gelände verließen.
„Tschüss!" Macy winkte nochmal allen zu und bekam ein:
„Bis morgen Macy." im Chor aufgesagt zurück.
„Wir laufen heute nachhause." erklärte ich, weil Macy etwas verwirrt auf den Parkplatz schaute, wo keines der ihr bekannten Autos stand.
„Und wo ist Ajax?" fragte sie und griff nach meiner Hand.
„Der ist noch beim Training."
„Aha." murmelte sie und hüpfte neben mir den Weg entlang. Bis wir zuhause ankamen, fragte Macy Nova über ihre Lieblings Bücher, Spiele und Film aus, erzählte davon mit wem sie heute was gespielt hat und machte Pläne, was wir denn den ganzen Tag machen sollen. Ganz oben auf der Liste stand der Spielplatz am Silverlake, dicht gefolgt vom Joggen gehen. Wobei ich Joggen soll und sie mit dem Laufrad nebenher fährt.
Als wir an der Haustür ankamen und ich die Tür aufschloss begrüßte uns Nugget und Schlich zwischen unseren Beinen entlang.
„Stellst du bitte deine Brotdose und die Flasche in die Küche." ich reichte Macy ihren Rucksack und sie lief sofort los.
„Zeigst du mir den Dachboden?" Nova grinste mich von der Seite an. Ich führte sie die Treppe hoch in den ersten Stock, wo sie sich unauffällig umsah. Ich deutete auf die deutlich steilere Holztreppe, die hinter einer Wand versteckt lag. Als wir oben ankamen sah sie sich mit großen Augen in meinem kleinen Atelier um, wie es die anderen immer nannten. Wir standen mitten in dem Chaos meiner Gedanken. Skizzen die ich auf dem Boden liegen lassen habe, angefangene Leinwände, Tonfiguren, Steinskulpturen, Farbe überall.
„Das ist..."
„Chaotisch. Ich weiß." murmelte ich.
„Nein! Also Ja... aber... besonders. Im Gegensatz zum Rest des Hauses ist das so voll mit... mit dir." sie sah sich einige der Skizzen und Leinwände näher an. „Warum hast du den ganzen Kram hier zuhause, wenn du doch eigentlich die Räume in der Uni zur Verfügung hast?"
„Weil die Räume meistens nicht vollkommen leer sind. Ich kann besser in Ruhe arbeiten und außerdem könnte Macy die anderen dort stören. Hier kann sie unten spielen oder sich an ihren kleinen Tisch setzen und selbst was machen." ich deutete auf den kleinen Schreibtisch, auf dem einige Gläser, Farben und Blätter lagen. „Außerdem könnte ich mich in der Uni nicht so ausbreiten und den ganzen Kram einfach liegen lassen." ich schob einige geknüllte Skizzen, die es scheinbar nicht ganz in den Papierkorb geschafft haben, mit dem Fuß zur Seite.
„Daddy?"
„Ja Macy?" rief ich die Treppe runter, wo Macy stand und zu uns rauf schaute.
„Gehen wir jetzt auf den Spielplatz?"

DU LIEST GERADE
That goddamn smile
RomanceAls Nova bei einem Basketballspiel ein kleines Mädchen findet, und mit ihm zusammen auf die Suche nachbohren Eltern geht, wusste sie nicht, dass sie die Tochter eines gut aussehenden Basketballspielers gefunden hat. Giuliano Martinelli aka Gino spi...