[26 - Motive]

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"Sobald Nori geboren war, wurde sie mir von ihm entrissen. Er hatte endlich das Kind, das er für seine Nachfolge brauchte. Ich war nicht mehr zu Gebrauchen. Überflüssig."

Die Atmosphäre im Raum ist merklich angespannt. Nira lässt es sich jedoch nicht nehmen, ihre dramatische Geschichte unbeirrt weiterzuerzählen. Dabei kommt Kubo gar nicht mehr hinterher, all die Informationen zu verarbeiten, während Tobirama nur schweigend lauscht.

"Der Mann, den ich für die Liebe meines Lebens hielt, wandte sich von mir ab. Mein eigenes Kind durfte ich nicht mehr sehen, und meine Freiheit wurde mir ebenfalls genommen. Schon bald lag ich krank ans Bett gefesselt. Es gab keinerlei Medizin, die diese psychischen Narben hätte heilen können. Und schon bald sah ich nur noch ein Ziel vor meinen Augen."

"Rache", wirft Tobirama ein, der ungefähr nach dem ersten Drittel der Geschichte schon wusste, worauf es hinauslaufen würde. "Ja... und so unternahm ich das Letzte, was ich mit meiner verbleibenden Kraft noch tun konnte. Ich löste mein Siegel und übertrug Nori das Chakra unserer Ahnen. Wenn das Einzige, was er wollte, dieses Kind war, dann würde ich es ihm einfach nehmen. Eigentlich ging ich davon aus, dass diese Kraft Nori von innen zerreißen würde und wir gemeinsam enden würden."

Kubos Blick verfinstert sich schlagartig. Sie wollte Nori mit sich in den Tod reißen, um ihr eigenes Leid zu mindern? Weil sie es dem Feudalherren nicht gegönnt hat, ein Kind zu haben, entscheidet sie, es zu töten? Ihr eigenes Fleisch und Blut? Er wird rasend, als er das hört.

"Dementsprechend wurde sie aus der Nachfolge gestrichen, denn ein Kind, das das eigene mörderische Chakra nicht kontrollieren kann, eignet sich nicht, um irgendwann an der Spitze des Feuerreichs zu stehen", analysiert Tobirama, den das Ganze kalt zu lassen scheint. "Du hast nach deinem eigentlichen Tod durch dein Chakra noch einen Teil deines Verstandes in Noris Körper behalten. Als du das realisiert hast, wolltest du vermutlich ihren Körper nutzen, um den Feudalherren zu töten. Aber da man Nori für eine Gefahr hielt und bereits weggesperrt hatte, hast du das Chakra eurer Ahnen genutzt, um zu wüten. Dem Feudalherren kamst du auf diese Weise jedoch nicht näher. Du konntest dies also nur noch nutzen, um zu verhindern, dass Nori hingerichtet wird. Du hast also nur die Kontrolle übernommen, wenn es für sie lebensgefährlich wurde und notwendig war. Du hattest vor, dass Nori sich durch ihre Taten dem Feudalherren wieder annähert und so die Chance bekommt, ihm so nahe zu kommen, dass sie ihn töten kann. Und dass du dich jetzt offenbarst, bedeutet, dass du durch Shous Tod ahnst, dass du deine Pläne nicht mehr wie geplant ausführen kannst."

"Ich wusste, dass du ein schlauer Mann bist, Tobirama Senju", lächelt sie und setzt sich wieder aufs Bett. "So ist es wohl."

"Das erklärt auch Masakos Hass Nori gegenüber", murmelt Kubo vor sich hin. "Sie und Nori sind Halbschwestern. Nach mir hat er ja mit dieser Schlampe, an der er bis dahin kein Interesse hatte, ein Kind zeugen müssen, damit statt Nori nun schnellstmöglich jemand anderes den Platz in der Nachfolge bekommt. Selbstredend ist Masako eifersüchtig darauf, dass ihre große Schwester so viel erfolgreicher ist und mehr Anerkennung erhält, obwohl sie eigentlich schon längst tot sein sollte. Masako hat schlicht und ergreifend Angst vor Nori, weil sie sie jederzeit von ihrer Position verdrängen und rechtmäßig das Feuerreich übernehmen könnte. Dass Nori daran absolut kein Interesse hegt, ahnt sie überhaupt nicht."

"Aber das alles ist dennoch kein Grund dafür, Nori so leiden zu lassen", meint Kubo. Seine Hände sind mittlerweile zu Fäusten geballt. Durch Masakos Verhalten hat sich bereits einiges angebahnt, aber jetzt reicht es ihm komplett. Ihre Entscheidungen durch ihr Leiden zu rechtfertigen, geht gar nicht. Selbst wenn man sie gefoltert hätte, ist das doch kein Grund, das eigene Kind zu töten.

Außerdem kann Kubo nicht glauben, dass er diesem Mann all die Jahre widerstandslos gehorcht hat. Er ist sauer. Auf Nira, auf den Feudalherren, aber am meisten auf sich selbst. Er wusste, dass Nori Dinge hat durchmachen müssen wegen ihrer Fähigkeiten, aber wie konnte er in über zehn Jahren an ihrer Seite nicht bemerken, dass sie die ganze Zeit danach dürstet, den Feudalherren zu töten? Dass sie seine Herrschaft beenden will, weil sie so unter ihm gelitten hat? Wie war er nur so blind, obwohl es sich gleich neben ihm abgespielt hat?

Nira lächelt schmal, ihre Augen glitzern vor schadenfroher Zufriedenheit. "Jetzt verstehst du, warum ich tue, was ich tue. Das Kind hat es nie zu schätzen gewusst, was ich für sie geopfert habe. Genauso wenig hat er sich für mein Leiden interessiert. Aber das ist inzwischen unwichtig. Was zählt, ist, dass sie meinen Willen erfüllen wird. Ob sie will oder nicht."

Kubo schüttelt den Kopf, seine Fäuste zittern vor unterdrückter Wut. "Ihr seid krank. Ihr nutzt Nori nur als Werkzeug für eure Rache. Das ist keine Liebe, das ist egoistischer Wahnsinn."

"Das mag sein", gibt Nira zu, "aber es ist der Wahnsinn, der uns am Leben erhält. Der uns stark macht. Und wenn Nori das nicht einsieht, dann wird sie untergehen. Ohne mich wäre sie schon längst tot. Hingerichtet worden. Ich war es, die ihr diese Kräfte gegeben hat. Die Möglichkeit, sich aufzulehnen. Ich werde nicht zulassen, dass sie auf dieselbe Weise auf hinterhältige Leute hereinfällt. Ich werde bei ihr sein und dafür sorgen, dass keiner sie für seine Zwecke benutzen kann. Sie wird sich auflehnen und das Feuerreich zu dem machen, was es sein sollte. Es ist immerhin ihr rechtmäßiger Platz an der Spitze. Das, wofür ich so viel aufs Spiel gesetzt habe!"

"Auf keinen Fall wird Nori so weit gehen. Sie versucht gerade, einen Waffenstillstand zwischen zwei Clans zu schaffen und keinen Aufstand zu starten!"

"Wenn du wüsstest, was sie hinter deinem Rücken mit den Uchiha gemunkelt hat", lacht sie trocken auf. "Du bist schon so lange mit ihr unterwegs und hast doch keine Ahnung, was Nori nicht alles so vor dir verbirgt."

Mit den Uchiha? Schnell erinnert sich Kubo daran, dass ihm da schon etwas merkwürdig vorkam. Nori hat fast schon darauf bestanden, die Einladung des Oberhauptes der Uchiha zum Abendessen anzunehmen. Und wenn sie es sogar geschafft hat, sich unbemerkt mit Tobirama Senju zu unterhalten, während er an ihrer Seite war, dann wird es ein Leichtes bei den Uchiha gewesen sein, wo er sie zwischendrin aus den Augen verloren hat.

"Und was hat sie mit den Uchiha besprochen?", will Kubo wissen. "Das verrate ich dir nicht. Frauen müssen eben immer ein paar Geheimnisse wahren und was wäre ich für eine Mutter, wenn ich ihrem Anbeter alles über ihren Kontakt mit anderen Männern erzähle", lacht sie bitter. Tobirama hat fast das Gefühl, durch die schlechten Witze verarbeite die Frau ihr eigenes Versagen mit Männern.

Sie legt sich wieder hin. Bevor Kubo, der durch ihre letzte Aussage völlig aus dem Konzept gebracht wurde, ein Wort herausbringt, liegt Noris Körper wieder bewusstlos auf dem Bett, als wäre all das gerade nur Einbildung gewesen.

"Hexe", murrt er verstimmt und holt dann tief Luft. Er sollte nicht zu vorlaut sein, offenbar hört sie durch Noris Körper ja mit.

Kubo dreht sich zu Tobirama. Er hat gerade eine ganze Menge zu sagen, aber eines steht an oberster Priorität. "Mit all dem habe ich nicht gerechnet. Kann ich trotzdem auf Eure Verschwiegenheit trauen?"

Tobirama nickt knapp. "Ich werde nicht alles davon für mich behalten können. Diese Informationen sind von politischer Bedeutung für den Senju-Clan und könnten unsere Entscheidungen in kommender Zeit beeinflussen, aber ich verstehe, dass diese Informationen großen Schaden anrichten können. Ich weiß mit sensiblen Themen umzugehen."

"Das ist gut", meint Kubo erleichtert.

Da hatte er bereits eine ewige Liste an Problemen und jetzt ist noch ein riesiges dazugekommen.

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