Es ist ein Nachmittag im Herbst, so richtiges Schietwetter, als Olliver den Schulhof verlässt und den Weg in Richtung Jugendclub einschlägt. Dorthin geht er immer dann, wenn seine Eltern länger arbeiten müssen und er viele Hausaufgaben zu erledigen hat. Die anderen Kinder schätzen den Club wegen des Kickertisches. Er schätzt ihn, weil Pletti dort ist. Andrea Pletter arbeitet im Jugendclub. Mit ihr kann Olliver wunderbar reden.
Kaum fünfhundert Meter von der Schule entfernt, ist er bereits vollkommen durchnässt, trotz der Mütze und der Regenjacke. Der Wind dreht ständig und lässt den Regen von allen Seiten heranstürmen. Olliver beeilt sich zwar, aber er ist in Gedanken; er hört nicht, dass sich von hinten Schritte nähern; zumal der Regen auf seiner Wetterjacke laut herniederprasselt.
Als ihn Hände von hinten packen und ihm ein Bein gestellt wird, durchfährt ihn ein nie gekannter Schrecken. Er schreit auf, wird jedoch zu Fall gebracht und landet in einer großen, relativ tiefen Pfütze. Jemand springt auf ihn und drückt sein Gesicht ins schlammige Wasser, sodass er für einen Augenblick keine Luft bekommt. Dann, einen Moment später, ist sein Kopf wieder frei und er kann ihn zumindest so weit anheben, um atmen zu können.
„Das ist für dein vorlautes Maul, du Penner! Wenn du dich nochmal einmischst, dann kannst was erleben!" Die Erleichterung ist groß, als der Junge Karsten Gaubers Stimme erkennt. Gott sei Dank, ist es kein Fremder. Er wird nicht entführt oder Schlimmeres! Doch die Erleichterung ist nur von kurzer Dauer, denn Karsten ist ein brutales Kind. Er rammt dem Jungen sein Knie in den Rücken, erst dann lässt er von ihm ab.
Olliver bleibt allein und unter Schmerzen zurück. Doch am schlimmsten sind die Demütigung und der Undank. Nur weil er dazwischen gegangen ist, als Karsten jüngere Schüler schikanierte, ist er das neue Ziel der Schikane. Und diesmal war natürlich niemand hier, um ihm beizustehen. Das hatte er nun davon...
Die Szene des in der Pfütze kauernden Jungen entfernt sich plötzlich und verblasst zu einem willkommenen, pulsierenden Weiß. Hätte ich noch Augen, würde ich vermutlich meine Verwirrung wegblinzeln. Ich habe ja mit vielen gerechnet – unzählige Erlebnisse, die mir da zuerst einfallen würden – aber nicht das.
„Irgendwie habe ich geglaubt, du würdest mit meinem Vater beginnen."
War er denn eine prägende Person in diesem Leben?
„Naja, nein. Er glänzte durch Abwesenheit. Meine Eltern haben sich früh getrennt."
Wir sehen uns an, was dir wichtig ist. Dieser Junge hat dir geholfen, deinen Seelenweg zu gehen.
Das soll wohl ein Witz sein? Dieser fiese Junge, den niemand leiden konnte? Der andere immer nur gequält und mir zwei Jahre lang Angst eingeflößt hat? Wie soll der mir geholfen haben? Ich bin plötzlich traurig und wünschte mir, ich wäre damals mutig gewesen.
Du warst mutig, als du deinen jüngeren Mitschülern geholfen hast. Mut war jedoch nicht die Erfahrung, die du machen wolltest.
„Ach, aber Dreck schlucken, das wollte ich unbedingt, ja?" Ich hatte schon geglaubt, alle Wut hätte mich verlassen, doch da ist sie plötzlich wieder. Jahrelang habe ich an diesen Tag nicht gedacht; und nun fühle ich mich, als sei es erst gestern gewesen. „Ich war wirklich verängstigt. Das war nicht das einzige Mal, dass er mich damals schikaniert hat."
Versuche, es zu sehen. Nichts ist verborgen. Es sind nicht zwei grenzenlose Seelen, die dort aufeinander getroffen sind, sondern nur ihr menschlicher Teil. Ihr habt vereinbart, euch zu begegnen.
Es klingt unglaublich abwegig. Ich merke, wie etwas in mir sich dagegen sträubt zu glauben, es könne ein Sinn in dieser langen Schikane gelegen haben. Am liebsten möchte ich zur nächsten Erinnerung übergehen. Aber mir ist schon klar, dass das hier wie ein Ratespiel funktioniert. Erst wenn die eine Nuss geknackt ist, bekomme ich die nächste serviert.
Spontan fällt mir dazu nur ein, dass ich Nüsse noch nie mochte!
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Seelenwege
SpiritualWenn man bedenkt, wie jung er verstorben ist, nimmt Olli es erstaunlich gelassen, plötzlich im Jenseits zu stehen und sich darüber nicht einmal mehr am Kopf kratzen zu können. Zum Glück ist dort diese altkluge Seele, die irgend etwas zu wissen schei...
