21. wie man eine Nuss mit dem Kopf knackt

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„Wieso willst du unbedingt, dass ich ihm vergebe?"

Es geht nicht darum, was ich will.

„Und wenn ich das nicht kann? Was, wenn das eben mein Stand der Entwicklung ist? Ich meine, du warst es, die sagte, man muss das respektieren." Ok, das klingt jetzt irgendwie bockig, höre ich selber. Das ist dann wohl der Teil von mir, der sich noch an das Leben klammert. Verzeihung, an dieses letzte Leben; scheinbar gab es da ja mehrere.

Irgendwie ist es müßig, wenn ich mir überlege, dass ich diese Wiederkäu-Nummer nach jedem Leben durchmache.

Was kannst du deinem Vater nicht vergeben?

„Dass er nicht da war, natürlich. Dass er uns allein gelassen hat und wir es so oft so schwer hatten ohne ihn..." Für mich klingt das nach einem guten Grund. Immer noch bockig rufe ich die Szenen erneut herbei. Ich zeige Irma den kleinen Jungen, der wochenlang am Fenster stand; in der Hoffnung, sein Papa würde zurückkommen, weil er ihn genauso vermisste.

Ich zeige dieser oberklugen Seele wie es sich angefühlt hat, wenn zum Vatertag stattdessen mein Großvater in den Kindergarten kam, um meine selbst gebastelten Geschenke in Empfang zu nehmen. Und ich halte ihr stumm die unzähligen Nächte vor, in denen ich mich in den Schlaf geweint habe...

„Versteh mich nicht falsch, es tut nicht weh. Jetzt nicht mehr. Aber um des kleinen Jungens Willen habe ich ihm das nie verziehen."

Hat er je um Verzeihung gebeten?

Nun... nein. Natürlich nicht. „Er war ja nie da."

Glaubst du, er ist auf deine Vergebung angewiesen?

Sie stellt mir Fangfragen. Böse Irma!

Sieh noch einmal genauer hin.

Wenn ich dazu noch in der Lage wäre, würde ich jetzt furchtbar tief und geräuschvoll seufzen. Doch da ich schlecht zurück kann... „Also schön, versuchen wir's." Immer wenn ich glaube, ich sei zu doof oder zu müde, um noch irgendwas zu kapieren, dann... wie sag' ich's? Dann... durchwandert ein Kribbeln meine Gedanken. Das ist wie ein plötzlicher Wind, der den Morgennebel beiseite weht. Und danach sehe ich klarer. Ok, ich sehe dann auch nur den kahlen Morgen, der sich unter dem Nebel versteckt hielt; aber besser der als... - besser als Stillstand.

Wir kehren zurück zu dem Jungen am Fenster und ich beobachte seinen starren Blick. Was ich darin sehe, ist ersterbende Hoffnung.

Du bist überrascht, dass es doch noch schmerzt.

„Tja, da muss ich mich wohl bei ihm bedanken."

Tatsächlich wirst du das wahrscheinlich.

„Bitte?!"

Erkläre mir, was du siehst.

„Ich erinnere mich an diese Zeit. Schätze, ich habe einfach nicht kapiert, wie er mich zurücklassen konnte. Ich meine, ich habe ihn geliebt. Bedingungslos. Ich hätte ihn niemals verlassen. Also...

...also kann er mich wohl nicht geliebt haben..." Wow. Komisch, was dabei herauskommt, wenn man mal einen Gedanken bis zu Ende denkt.

Glaubst du das wirklich? Dass er dich nicht geliebt hat?

„Ich – nein. Eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass er es getan hat." Natürlich hat er das. Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, mir meine Kindheit auszumalen, in der er weiterhin bei uns geblieben wäre.

Aber nach allem, was meine Mutter mir erzählt hat, wären beide miteinander wohl nicht glücklich geworden. Meine Mutter war allein mit uns Kindern, aber sie war zufrieden. Sie war... sie selbst. Ungebrochen. Sie hätten stattdessen auch entscheiden können, für uns Kinder zusammen zu bleiben. Doch wie wäre uns geholfen, wenn beide Eltern unglücklich sind? Was hätten sie einander oder uns zu geben gehabt? Was wären das für Vorbilder gewesen?

Und bevor Irmchen fragen kann: was bedeutet dieser neue Gedanke für mich?

Mir wird langsam klar, welches Glück sich hinter alldem versteckt hat. Und ich muss zugeben, es hat sich verdammt gut getarnt! Was ich erlebt habe, waren Eltern die sich das Recht darauf eingeräumt haben, glücklich zu werden. Und da es miteinander nicht möglich war, dann eben ohne einander.

Dank ihnen bin ich in einem glückliches Elternhaus aufgewachsen, statt in einem emotionalen Durcheinander; oder gar Trümmerhaufen. Und ich ging hinaus in die Welt in dem Wissen, auch ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein... Daran bestand nie auch nur ein kleiner Zweifel, auch wenn mir manchmal nicht ganz klar war, wie genau ich das anstellen soll.

„Das alles erklärt immer noch nicht, weshalb er sich nie hat blicken lassen; weshalb er sich nie gemeldet hat..."

Wenn wir vergeben, dann nicht, um jemandem die Last der Schuld von den Schultern zu nehmen. Wir vergeben, damit wir den Schmerz loslassen können. Denn Festhalten am Schmerz bedeutet Stillstand. Wir aber wollen uns entwickeln.

„Hä?"

Was auch immer sein Grund gewesen sein mag, bedenke, dass auch er seinem Seelenweg folgt.

„Ach, und ich war kein Teil davon?"

Sogar ein sehr wichtiger. Du bist Liebe. Du möchtest helfen. Also hast du eingewilligt, den Verlust zu erfahren, damit er – der ebenfalls Liebe ist – daraus eine völlig andere Erfahrung ziehen kann.

„...sich gegen eine unglückliche Beziehung zu entscheiden."

...sich FÜR ein glückliches Leben zu entscheiden. Und er hat wiederum eingewilligt, dir weh zu tun, damit du erfahren kannst, was Vergebung bedeutet.

Scheiße, auf eine schräge, zen-mäßige Weise macht das sogar irgendwie Sinn. Ich wollte lernen zu vergeben? Einfach so vergeben. Weil es gut für mich ist und für sonst niemanden...?

 Boah bin ich müde!

SeelenwegeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt