45. im letzten Moment

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Wann immer wir unseren Kopf auf unser Kissen betten und froh sind, uns ins Bett kuscheln zu können, gibt es da draußen Menschen, für die eine vollkommen andere Nacht angebrochen ist. Eine Nacht der Entscheidung. Eine Nacht der Flucht oder des Angriffs. Aufgabe oder Hingabe. Abwenden oder Vertrauen schenken.

Der volle Mond über uns lässt die Brücke und den Park drum herum in gestochen scharfen Konturen leuchten. Ein Nacht voller Klarheit, vielleicht.

Ich starte einen Ruf nach dem anderen, wie Raketen, hinaus zu den ganzen Seelen da draußen mit denen ich angeblich so sehr verbunden bin. Ich rufe nach Hilfe, nach Einsicht... und sehe doch zu, wie kleine tödliche Pillen in die Hand meiner Biene kullern. Und ich weiß genau, was sie vorhat.

Von hier aus ist es nicht mehr weit, bis zu ihren Eltern. Es ist ihr sogar egal, ob sie auf deren Couch einschläft, oder auf die Steine vor ihrer Haustür sinkt. In ihren Gedanken sieht sie sich neben mir liegen. Aber ich will, dass sie lebt!

Ich will, dass sie sich vergibt.

Ich will, dass sie ihrer Zukunft vertrauensvoll entgegen sieht... oder wenigstens dem nächsten Morgen, Herrgott! Biene! Schmeiß diesen Dreck in den Fluss!

Sie sieht das ganz anders. Seelenruhig holt sie noch mehr Tabletten aus der Flasche, denn sie meint es ernst. Mehr und mehr verzieht sich ihr Gesicht zu einer Grimasse der Schmerzen und des Bedauerns. Feige fühlt sie sich; und schuldig wegen ihrer Eltern. Aber vor allem verzweifelt. Atemlos. Sie erstickt beinahe an ihrem vor lauter Weinen geschwollenen Hals.

Dann der finale Akt.

Ich weine.

Ich gebe auf.

Ich lasse los. Und akzeptiere, dass ihr Weg zurück nach Hause führt – als unerwartet etwas klingelt.

Vor lauter Schreck fällt Biene der Inhalt ihrer Hände auf den Boden und viele Pillen rollen über den Rand der Brücke und verschwinden im Wasser. „Scheiße...!"

Fahrig, wie sie ist – vor lauter Müdigkeit und Trauer – fällt ihr auch noch die Flasche auf den Boden und zerbricht. Halleluja! Und tatsächlich fummelt sie in ihrer Jacke nach dem Handy, auf dessen Display eine Nummer leuchtet, die sie nicht kennt. Ich aber schon...

Biene räuspert sich. „Ja?" Sie klingt ganz rau.

„Oh nein, du hast bestimmt geschlafen! Ich bin so ein Idiot, entschuldige! Ich ruf morgen früh noch mal an..."

„Wer ist denn da...?"

„Hallo. Du... äh... kennst mich nicht. Ich meine - wir kennen uns noch nicht. Ich bin Steffi, Ollis Schwester..."

Stille.

Bienes Augen werden plötzlich ganz groß. Ein Beben huscht über ihre Unterlippe und sofort fließen wieder die Tränen.

„...hallo? Bitte sag, dass du noch dran bist..."

„...ja..." Bienes Stimme bricht.

Die Person am anderen Ende der Leitung bemerkt es und bricht ebenfalls in Tränen aus.

„Ich hatte einfach das Gefühl, ich muss mich unbedingt bei dir melden. Und dir was ganz wichtiges erzählen."

Biene schluckt krampfhaft, um überhaupt Worte durch ihre Kehle zu quetschen. „Mir geht's gerade nicht besonders..."

„Da bist du nicht alleine. Darf ich zu dir kommen? Ich... habe eine Nachricht für dich. Von Olli..."

Daraufhin fängt Biene an zu schluchzen und nickt einfach, obwohl Steffi sie nicht sehen kann.

„Heißt das ja?"

Heftiges Nicken. „...ja!"

„Ich komme sofort! Wo bist du?"

Sie erzählt es meiner Schwester und legt auf. Danach bricht sie weinend auf der Brücke zusammen. Und alles, was ich zwischen ihren Tränen und dem Schluckauf ausmachen kann, sind die Worte –

„Oh danke! Olli... danke!"

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