28. Rückschau (ne Walnuss)

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„Wie lange liebst du mich schon?" So lautete die Frage, die Bianca schon seit Wochen im Kopf herumspukte. Nicht, weil sie ihn ärgern wollte oder verunsichern, sondern weil sich in ihrem Kopf immer mehr Puzzleteilchen einiger seltsamer Bemerkungen oder Situationen zusammensetzten. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war – und das versuchte sie, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben – dann hatte sie schon so eine Ahnung. Sie hatte es nur nicht wahrhaben wollen.

Olliver streichelte ihren Kopf, der an seiner Schulter lag.

„Seit du mir das Buch geschenkt hast."

„Das zerfledderte Ding?"

Das Handbuch des Kriegers des Lichts. Zwei Krieger, die einander erkannt haben, diese Vorstellung gefiel ihm sehr. „Du konntest es nicht wissen aber – ich hatte das Buch schon."

„Oh. Wie peinlich..." Sie versuchte, von ihm abzurücken, doch er zog sie wieder an sich.

„Gar nicht. Denn genau so habe ich dich gesehen. Anders als die anderen. Du warst vom ersten Moment an einfach anders und ich wollte immer genau wissen, was du denkst oder wie deine Meinung zu... was auch immer ist. Nur um dann festzustellen, dass ich dich verstehe. Dass ich dich kenne."

„Oder erkennst."

„Wie ein Krieger des Lichts den anderen..."


Diese Nähe zwischen euch war etwas Besonderes.

„Das war es. Aber so war es nicht immer." Denn nach einigen Monaten, als die ganze Aufregung und Nervosität in mir sich zu legen begann – als ich wirklich anfing, mich in diese Beziehung fallen zu lassen- bekam ich plötzlich das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung ist.

Biene fing an, mir zu entgleiten.

„Anfangs guckte sie nur komisch; oder sagte etwas, das keinen Sinn ergab und ich dachte, ich habe mich bestimmt verhört. Oder sie antwortete einfach ganz normal auf meine Fragen- aber dahinter konnte ich etwas heraushören, dass ich nicht zu fassen bekam." Wie ein einziger falscher Ton in einer ansonsten wundervollen Komposition.

Irma muss mich gar nicht erst darum bitten, denn inzwischen weiß ich, dass ich mich nun von außen mittenrein begeben kann. In vergangene Gedanken und Gefühle; und nicht nur in meine eigenen. Also schließe ich – gedanklich – die Augen und atme – gedanklich – tief durch... Es ist schwer, den körperlosen Vorgang korrekt zu beschreiben. Vielleicht sollte ich einfach sagen, ich konzentriere mich...

An meinen eigenen Gefühlen schaue ich einfach vorbei und umgebe mich mit ihren. Um mich herum besteht nur Biene und fast kann ich den Duft ihres Haares wahrnehmen.

Doch vor allem finde ich dort... Angst. Angst und offene Fragen.

Welche Fragen?

Fragen, die sie nie ausgesprochen hat. Woher kommen die denn alle?

Wieso liebt jemand so Gutes jemanden so Kaputtes?

Wie lange wird es dauern, bis er mich nicht mehr für perfekt hält?

Wieso stellt er mich auf dieses Podest – ich kann dem nicht gerecht werden...

Wie hält er das aus, Tag und Nacht mit mir zusammen zu sein?

Wie soll ich ihm verklickern, dass ich viel mehr Zeit für mich allein benötige?

Ich brauche mehr Raum zum atmen... ich kann so nicht malen...

Schockiert breche ich ab und wende mich... woanders hin, jedenfalls weg von Bienes Innenleben. Zum ersten Mal seit langen ist mir nach Weinen zumute. Von irgendwo her erreichen mich Irmas liebevolle Energien, aber ich kann das jetzt nicht – ich möchte sie abweisen. Oder etwa doch nicht?

„Ich weiß nicht, ob ich das verstehe. Ehrlich, ich dachte, wenn ich sie nur genug liebe und ihr das immer wieder klarmache, dann ist alles gut – dann bekommt sie all das, was sie verdient; all das, was ihr bisher in ihrem Leben gefehlt hat?" Ein weiterer Gedanke schießt ungebeten in mein Bewusstsein.

Hör auf, mir zehnmal am Tag zu sagen, dass du mich liebst! Ich will auch mal die Chance haben, es dir zuerst zu sagen...

Fast zerbricht es mir das Herz. Doch nicht, weil ich Angst hätte, alles falsch gemacht zu haben. Nein, das sind nicht die Gedanken, die einem nach dem Tod noch die Kehle zuschnüren können. Vielmehr erkenne ich zum allerersten Mal, dass Biene nicht die komplizierte Künstlerin, nicht die Starke von uns beiden, nicht die gewesen ist, die der Welt rotzfrech ins Gesicht lacht. Und ich war nicht der langweilige Klotz; oder der spießige Bürohengst, der ich befürchtet hatte, in ihren Augen zu sein – denn dieses Gefühl gab sie mir manchmal durch ihren Rückzug von mir...

Nein.

Biene ist einfach nur das Mädchen, das sich verzweifelt wünscht, die Liebe wert zu sein, die ich für sie empfinde; und ist einfach nicht in der Lage, daran zu glauben.

Nun bricht es doch, mein Herz...

SeelenwegeGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt