Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee war, sie alleine in meinem Zimmer zu lassen. Immer wieder horchte ich, ob irgendwas passierte, während ich das Wasser für den Tee aufsetzte und ihr ein Sandwich machte. Im Schlafzimmer blieb es still. Nachdem das Wasser heiß genug war, suchte ich in den Schränken nach einer Teemischung. Schließlich fand ich eine, nahm einen der Teebeutel heraus und machte ihn in die Tasse. Anschließend goss ich das kochende Wasser darauf. Der nach Kamille duftende Dampf stieg mir in die Nase und beruhigte mich etwas. Ich schnappte mir das kleine Tablett unter der Spüle und stellte Teller und Tasse drauf. Balancierend ging ich in mein Schlafzimmer zurück, wo ich das Mädchen noch immer an der Bettkante saß und auf ihre Füße schaute. Vorsichtig trat ich vor sie und stellte das etwas schwere Tablett auf meinen Nachttisch. Bei dem leisen Klirren des Porzellans zuckte sie zusammen und hob den Blick zu mir. Ich versuchte mich an einem Lächeln, aber ihre Mimik blieb starr. Sie wendete den Blick zu dem Tablett, schaute danach wieder unsicher zu mir, als erwarte sie, dass ich etwas sage.
„Das ist alles für dich", sagte ich leise und ruhig, entfernte mich etwas von ihr, um sie nicht zu bedrängen. Jetzt lächelte sie doch, wenn auch nur leicht. Sie rutschte langsam ans Kopfende meines Bettes und nahm zaghaft die dampfende Tasse in ihre dünnen Hände. Sie pustete kurz gegen den Dampf, setzte dann ihre Lippen an die Tasse und trank einen vorsichtigen Schluck. Als die heiße Flüssigkeit sie von innen heraus wärmt, schloss sie kurz die Augen.
Ich ließ ihr einen Moment Ruhe und wandte mich ab, ging zu meinem Kleiderschrank, den ich öffnete und nach geeigneter Schlafkleidung für sie durchsuchte. Schließlich zog ich ein einfaches Shirt und eine alte Jogginghose hervor, schloss den Schrank wieder und drehte mich zu meinem Mädchen um. Sie knabberte grade an der Rinde des Sandwiches herum, bis sie meinen Blick zu spüren schien und mich ansieht. Langsam ging ich auf sie zu und legte die Schlafsachen neben sie.
„Hier. Das kannst du gleich zum schlafen anziehen. Die Sachen sind viel bequemer als die Jeans", sagte ich leise. Sie nickte dankend und widmete sich wieder ihrem Sandwich zu.
Ich konnte nicht stillstehen, weiß nicht, wie ich mich verhalten sollte. Was ich sagen sollte. Das Mädchen hatte mittlerweile aufgegessen und sich meine Sachen geschnappt, welche sie eingehend musterte. Als sie mir einen Blick zuwarf, verstehe ich, nickte, schnappte mir das leere Porzellan samt Tablett und brachte es in die Küche. Beim Aufräumen ließ ich mir extra viel Zeit, weil ich nicht weiß, wie lange sie zum Umziehen braucht.
Ich trat klopfend in mein Zimmer, auch wenn ich wusste, dass sie niemals ein „Herein" sagen würde. Deshalb spingste ich vorher durch einen Türschlitz um mich zu vergewissern, dass sie fertig war.
Meine Klamotten waren ihr ein bisschen zu groß, was ziemlich süß ist. Als sie mich hörte, drehte sie sich zu mir, lächelte leicht. Natürlich erwiderte ich es sogleich. Leise schloss ich die Tür und ging durch den kleinen Raum, bis ich bei ihr war und mich sachte aufs Bett plumpsen ließ. Ich musste einfach mehr erfahren. Ich war bereits einmal soweit, dass sie sich mir anvertrauen wollte und dieses Mal musste es einfach klappen.
„Wer war dieser Mann?", fragte ich vorsichtig in die Stille hinein, woraufhin sie zusammenzuckte. Sie ballte mit ihren zierlichen Händen Fäuste und blickte düster drein. Aber ich brauchte diese Informationen. Um ihr zu helfen. „Kennst du ihn?" Ich schaute sie forschend an, musterte sie aufmerksam im gesamten Gesicht, worauf sich ein Schatten gelegt hatte. Nach einigen reglosen Sekunden nickte sie. Bitte rede mit mir. „Wer war er?" Diesmal klang die Frage eindringlicher, auffordernd. Aber sie schwieg. Wie immer. Ich atmete tief durch, dann hob ich langsam meine Hände an ihr Gesicht, legte sie behutsam an ihre Wangen und zwang sie so, mich anzusehen. Ihre braunen Augen waren Kugelrund. Ich merkte, wie sie den Atem anhielt.
„Du weißt, dass ich dir nichts tue. Ich möchte dir helfen. Möchte verstehen, warum du nichts sagst, was damals passiert sein musste." Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Während ich auf sie einredete, strich ich behutsam mit den Daumen über ihre Wangen. Ich blickte ihr inständig in die Augen, suchte nach irgendeinem Hinweis, doch ich fand keinen. Ihr Atem hatte sich etwas beschleunigt. Unsere Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt. Ich spürte ihren zitternden Atem auf meiner Haut. Es bereitete mir eine Gänsehaut. Die Situation fühlte sich so vertraut an, aber ich wollte nicht zu weit gehen. Unsere Blicke verfingen sich ineinander, tauschten Vertrauen aus, doch sie schwieg.
„Bitte rede mit mir", flüsterte ich, gab die Hoffnung langsam auf. Sie brach zuerst den Blickkontakt, indem sie nach unten blickte. Sie würde es mir nicht erzählen. Trotz ihres stillen Vertrauens würde sie mich nicht einweihen. Ich legte meine Stirn vorsichtig an ihre. Sie ließ es zu, drückte ihre Stirn sogar näher an meine. Sie kann einfach nicht, so sehr sie sich auch bemüht. Es muss schlimm gewesen sein, was ihr widerfahren war.
Die Zeit flog dahin. Ich weiß nicht, wie lange wir dort so saßen, Stirn an Stirn, doch irgendwann löste ich mich von ihr, drückte meine Lippen sanft an die Stelle, wo meine Stirn lag und ließ sie los. Sie hatte die Augen geschlossen, öffnete sie jedoch, als ich sie küsste. Ihre großen Augen musterten mich und ich sah, wie sich ihre Mundwinkel hoben.
„Du solltest jetzt etwas schlafen. Es war ein harter Tag für dich." Damit erhob ich mich und schnappte mir meine Schlafsachen. Ich verließ damit das Zimmer, zog mich um und tapste dann zum Telefon. Ich nahm es aus der Station und wählte die Nummer von Dr. Williams. Ich musste nicht lange warten, bis sie abhob.
„Liam?", sagte sie etwas atemlos, so als sei sie einige Meter gerannt, um ans Telefon zu gelangen.
„Hallo, Dr. Williams. Sie ist bei mir."
„Gott sei Dank." Ich hörte die Erleichterung in ihrer Stimme. Nachdem ich versicherte, dass es ihr gut ginge, sagte ich ihr, dass ich sie morgen zurückbringen würde. Sie brauchte jetzt diese Ruhe. Nach einigem hin und her gab Dr. Williams auf, bestand aber darauf, dass das Mädchen so früh wie möglich wieder in der Klink sein müsse. Ich legte auf und ging noch ein letztes Mal für heute in mein Zimmer, um mir Kissen und Decke fürs Sofa mitzunehmen. Das Mädchen hatte es sich bereits bequem gemacht und sich leicht eingerollt. Ich kniete mich vor sie und strich ihr sanft eine Strähne aus dem Gesicht. Sie schien schon zu schlafen.
„Gute Nacht, mein Engel", flüsterte ich. Grade, als ich aufstehen wollte, schloss sich ihre Hand um mein Handgelenk, animierten mich, bei ihr zu bleiben. Sie zog sanft an mir, sodass ich mich aufs Bett setzen musste. Sie rückte etwas zur anderen Seite und zog mich neben sich. Diese Geste rührte mich. Lächelnd schlüpfte ich zu ihr unter die Decke und nahm sie schützend in meine Arme, versicherte ihr, bei mir sicher zu sein.
***
Jetzt kommen die Kapitel mal ein bisschen Zeitnaher :D
Ich hoffe, es hat euch gefallen :) Freue mich über jegliche Art der Bewertung ♥
Neverland3r xoxo
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Mute [*Abgeschlossen*]
Teen Fiction»Und man weiß nicht, was mit ihr ist?« »Sie spricht nicht.« © Neverland3r 2014
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