17. Gespräch › Drogendealer
„Ich habe grad gesehen, wie du dem Jungen, mit dem weißen Hoodie Drogen vertickt hast."
„Ich habe nichts mehr."
„Ich will auch nichts."
„Was willst du dann?"
„Dir ist bewusst, dass das illegal ist oder?"
„Bitte tue mir einen Gefallen, und geh mir nicht auf den Sack."
„Es stimmte wirklich, Drogendealer sind alle Arschlöcher."
„So wurde ich geboren."
„Wie heißt du?"
„Wieso? Damit du mich der Polizei verpetzen kannst?"
„Nein? Ich will doch einfach nur mit dir reden. Ich bin Paul."
„Alec."
„Also dich vorstellen kannst du nicht, Alec."
„Du nervst."
„So wurde ich geboren."
„Und was willst du jetzt noch von mir?"
„Wie lange tust du das da schon?"
„Länger als du schon weißt, was das ist."
„Ach komm schon. Du bist höchstens neunzehn, nicht mehr."
„Ich bin neunzehn, ja. Und ich tue es seit ungefähr vier Jahren."
„Du hast damit mit fünfzehn Jahren angefangen? Bist du bescheuert?"
„Es war meine einzige Hilfe, okay?"
„Und du nimmst auch Drogen?"
„Natürlich?"
„Wie reagierten deine Eltern?"
„Ich lebe nicht mehr mit meinen Eltern."
„Du zerstörst dein Leben."
„Das ist mir bewusst."
„Warum hast du wirklich damit angefangen? Du kamst doch nicht einfach so mit fünfzehn auf die Idee, so ein Zeug zu verticken."
„Wir brauchten Geld, und ich hatte damit gut Kohle gemacht. Was am Ende sowieso für nichts war.."
„Warum?"
„Meine Mutter starb an Lungenkrebs und mein Vater zog mit seiner verfickten, zwanzig Jahre jüngeren Freundin, nachdem er das ganze restliche Geld von mir stahl, aus. Und nun stehe ich auf meinen eigenen Füßen. Alles was ich versuchte, war umsonst. Ich hatte viel Geld, sehr viel. Aber es war nicht genug, und sie starb. Und das ganze Geld was ich hatte nahm einfach dieser Hurensohn, den ich jahrelang als meinen Held sah. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass er einfach an deiner eigenen Spucke verreckt."
„Ich kann verstehen, dass der Verlust deiner Mutter hart für dich war, aber ist es das alles Wert? Du setzt dein Leben in's Spiel und du weißt, dass du jeder Zeit umgebracht werden kannst."
„Das wird nicht passieren, und wenn schon, wen juckt's? Alle Menschen, die mir etwas bedeuteten, verließen und verletzten mich. Was bringt es sich noch zu Leben?"
„Alec, du bist noch so jung. Du darfst so nicht denken. Du brauchst Hilfe."
„Ich bin nicht krank, ich bin nur kriminell."
„Willst du dein ganzes Leben diese Scheiße machen? Du hast noch viele Jahre vor dir. Du könntest eine Familie gründen, einen guten Job haben, aber doch nicht immer so leben?"
„Ich werde nie eine Familie gründen können."
„Und wieso das?"
„Weil die einzige Frau, die ich liebe, diese Gefühle nicht erwidert, und es auch niemals wird."
„Wäre ich ein Mädchen, würde ich auch nicht wollen, dass mein Freund ein Drogendealer ist."
„Sie ist auch kriminell."
„Was?"
"„ie arbeitet sozusagen für uns. Chef will das nicht. Sie vertickt zwar keine Drogen, aber sie ist seine Hure."
„Oh, verstehe. Das ist ziemlich scheiße. Aber warum tut sie das? Sie kann doch nicht auf ihn stehen?"
„Sie verdient damit gute Kohle."
„Du solltest das der Polizei sagen."
„Bist du bescheuert? Die Polizei wird mich umbringen, und wenn sie das nicht tuen, bringen mich die anderen, die auch für diesen Hurensohn arbeiten, um."
„Ich bin mir sicher, dieses Mädchen, für die du Gefühle hast, hat auch für dich Gefühle."
„Ja, auf jeden Fall."
„Nein, im Ernst. Du bist ein netter Mensch, und trotz, dass du ein Drogendealer bist, hast du ein gutes Herz. Du hast damit angefangen, um Geld für deine Mutter zu verdienen, damit sie nicht stirbt. Und dein Vater ist eben gegangen. Dein Vater ist ein Arschloch gewesen, und wenn er noch nicht gestorben ist, ist er es immer noch. Aber soweit ich dich kenne, bist du kein Arschloch, Alec. Du bist ein guter Mensch, und bevor es zu spät ist, solltest du einen Weg daraus finden. Ich bin mir sicher, dass du irgendwann ein gutes Ende haben wirst, mit diesem Mädchen, auf das du stehst. Und wenn sie noch nicht auf dich steht, geh und erobere ihr verdammtes Herz, anstatt hier rumzustehen und dieses Zeug vertickst."
„Das sind nette Wörter, aber das stimmt nicht. Ich bin kaltherzig."
„Nein, bist du nicht. Du bist ein guter Mensch und der Beweis, dass man Leute nie, nach deren Aussehen urteilen soll. Als ich anfing, mit dir zu sprechen, dachte ich, dass du ein Arsch bist, aber hinter diesem kalten Gesicht, steckt da ganz hinten ein gutes Herz. Es ist niemals spät, sich für das Gute zu entscheiden."
„Das hat noch keiner mir gesagt."
„Dann bin ich froh, dass ich der erste Mensch bin, der es dir gesagt hat."
„Danke, Paul."
„Kein Ding. Aber ich muss langsam auch los. Es war toll, dich kennenzulernen. Ich wünschte, wir würden noch länger sprechen können, aber ich habe noch viele weitere Gespräche vor mir. Mach's gut, und versprich mir, dass du mit dieser Scheiße aufhören wirst und ihr Herz erobern wirst."
„Versprochen. Mach's gut und hab Spaß, bei deinen weiteren Gesprächen."
„Danke, Alec. Den werde ich sicherlich haben."
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Humans
General FictionPaul John ist ein 19-jähriger Student, welcher für seine Universität ein halbes Jahr eine Reise angeht und mit 40 verschiedenen Menschen ein Gespräch führt. © wakeuphumanity, 2016
