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Sonntag, 28. Juni 2016, New York

P.o.V.  Grace

Eingekauert saß ich zitternd in einer Ecke. Mein Körper schmerzte und ich war müde.
Doch ich hatte zu sehr Angst, um zu schlafen.

Die ganze Zeit dachte ich an das, was heute Nacht passiert war.
Ich konnte es kaum fassen. Ich fühlte mich dreckig, beschmutzt und klein. Ja, ich fühlte mich wie ein kleiner Regenwurm, auf den man rumtrampelt, ohne auf ihn acht zu nehmen.

Meine Wangen waren nass, von den Tränen, die immer noch unaufhaltsam liefen und ich wünschte mir in dem Moment nur eins: tot sein.

Ich wollte diese Schmerzen nicht haben. Ich wollte nicht, dass mein erstes Mal so war und vorallem wollte ich nicht, dass Jake etwas davon mitbekam.
Er würde sich ewig Vorwürfe machen.

Ich hatte in den letzten Stunden viel nachgedacht. Wie es wohl wäre, wenn ich Jake seinen Fehler nicht verzeihen würde und wenn ich ihn nie wieder sehen könnte. Wenn ich ihn nie wieder berühren dürfte, durch seine weichen Haare zu fahren und das Gefühl von seinen Lippen auf meinen nie wieder spüren könnte, dann würde ich nicht überleben.

Deswegen verzeihte ich ihm. Der Gedanke daran tat zwar noch immer weh, aber Jake war alles, was ich noch hatte. Und ich brauchte ihn mehr denn je und mehr als alles andere wünschte ich mir, er wäre gerade hier und nichts von alledem wäre passiert.

Doch dann schlich sich wieder der Gedanke ein, dass er vielleicht gar nicht kommt? Vielleicht war ich es ihm nicht wert. Und dieser Gedanke jagte mir eine Heidenangst ein.
Inzwischen hatte ich sogar schon fast die Hoffnung, er würde kommen, verloren.

Ich zog meine Knie noch näher an meine Brust ran und unterdrückte die erneut aufkommenden Tränen.

Ich war erbärmlich. Mein ganzes Leben war erbärmlich, zum kotzen.

Mein Blick ging zu dem Stuhl, wo noch immer das Seil war, womit meine Hände festgebunden waren.

Mein Herz klopfte schneller, als ich aufstand, wenn auch unter unbeschreiblichen Schmerzen, zu dem Stuhl hinging und das Seil in die Hand nahm.

Es tut mir leid, Jake..
Es tut mir so leid..

Aber du kommst zu spät.

P.o.V.    Jake

Ich rannte durch die Gänge, gefolgt von Kayden.

"Weißt du, wo wir hinmüssen?", rief er mir zu.

Ich nickte. "Dieser Paul wollte am Ende diesen Ganges auf und warten."

Ich erkannte schon die Umrisse einer dürren Gestalt. Aus Instinkt zog ich meine Waffe hervor und wurde langsamer.

Die Gestalt trat auf dem Dunklen hervor. Erleichtert atmete ich aus, als ich das Gesicht von Paul erkannte.

Er war früher auch einer meiner Gangmitglieder, doch ist dann ausgestiegen, als es ihm zu hart wurde.

Und jetzt war er hier. Unfreiwillig.

"Jake", sagte Paul und lächelte leicht.

"Wo ist sie?", fragte ich ihn sofort.

Er deute mit dem Kopf auf den Gang, rechts von uns.
"Die achtzehnte Tür links. Beeilt euch, ich habe gesehen, wie Sergio gerade reingegangen ist. Und er sah sehr sauer aus."

Ohne Zeit zu verschwenden, rannte ich nach rechts, im Schlepptau Kayden.

Plötzlich blieb ich stehen, als ich einen Schrei hörte.

Scheiße

Ich suchte die Tür, wo eine 18 drauf war, holte aus und trat so doll ich konnte gegen diese Tür.

P.o.V.   Grace

Ich machte einen Knoten in das Seil. Meine Hände zitterten übertrieben stark und in meinen Kopf schwirrten überall wirre Gedanken rum, sodass ich schon Kopfschmerzen hatte.

Ich wischte mir über die Wangen, um die Tränen von dort zu entfernen.

Ich hatte das Seil bereits oben an dem Balken befestigt und war jetzt kurz davor mir das Seil über den Kopf zu ziehen.

Doch plötzlich ging die Tür mit einem Ruck auf.

Mein Kopf schoss zur Tür, wo Sergio stand.

Sofort blieb ich wie versteinert stehen und mein Herz hörte für einen Moment auf zu schlagen.

"Komm da sofort runter", sagte er mir bedrohlicher Stimme kam auf mich zu.

Mit schwachen Beinen ging ich vom Stuhl hinunter und ging sofort ein paar Schritte von ihm weg.

Mein Herz klopfte und meine Angst wuchs immer mehr.

Sergio kam näher und blieb vor mir stehen.
"Warum wolltest du dich erhängen? Hattest du denn heute Nacht keinen Spaß?"

Ich überlegte einige Sekunden, wie ich reagieren sollte, bis ich einen Entschluss fasste.

Ich spuckte ihm vor die Füße.

Er sah erst mich an, dann auf den Boden und dann wieder zu mir.

Er atmete rief durch, wobei sich seine Nasenflügel ausbreiteten.

Er hob seine Hand und knallte mir wieder eine, worauf ich aus Instinkt kurz aufschrie.
Sein Schlag war so hart und ich so schwach, sodass ich sofort zu Boden ging.

Sergio kniete sich neben mich und wollte gerade wieder handgreiflich werden, als plötzlich die Tür mit einem so harten Schwung aufging, dass sie aus den Angeln flog und mit einen lauten Knall auf dem Boden landete, worauf ich heftig zusammenzuckte.

Ich schloss die Augen. Einfach nur aus Angst.

Plötzlich hörte ich einen Knall, wie aus einer Pistole und jemanden gequält aufstöhnen.

Und als ich aufeinmal eine waren Hand auf meiner abgekühlten Haut spürte, die mir so vertraut vorkam, öffnete ich die Augen und sah direkt in diese von Jake.

Ich überlegte, ob ich vielleicht nur träumte oder mein Unterbewusstsein mir einen Streich spielte.

Ich blinzelte ein paar mal, doch Jake blieb.

Meine Augen füllten sich erneut mit Tränen. Doch diesmal mit Tränen vor Freude.

Mit letzter Kraft schlang ich meine Arme um seinen Hals. Inhalierte seinen betörenden Duft, krallte mich in seinen Pullover fest und genoss einfach das Gefühl in seinen Armen zu liegen.

Ich genoss das Gefühl zu Hause zu sein. Denn er war mein zu Hause.

Mein Leben.


My Own SummerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt