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Donnerstag, 14. Mai 2016, Miami, Camp

P.o.V Grace

"Was genau machen wir jetzt hier?", flüsterte ich Lou zu.

"Ich glaube, wir planen jetzt, was wir die nächsten Wochen machen", flüsterte sie zurück.

"Okay."

Ich schaute mich um, und entdeckte Jake direkt gegenüber mir, der zwischen ein paar Jungs saß.

Als hätte er meinen Blick gemerkt, schaute er auf und sah mir direkt in die Augen.

Schnell wandte ich meinen Blick wieder von ihm am.

"Also Leute", begann Claire und klatschte einmal in die Hände, "Wir besprechen jetzt erstmal die Regeln, dann was wir in den nächsten Wochen so alles machen könnten, dann machen wir eine Vorstellungsrunde und danach können wir noch irgendwelche Spiele spielen, wenn ihr wollt. Allerdings schließe ich das aus, da ihr alle schon ziemlich erwachsen für so einen Scheiß seid. Also fangen wir erstmal mit den Regeln an: 1. Hier wird kein Alkohol getrunken, keine Drogen, bla bla bla, ich denke das wisst ihr aber.
2. Wenn ihr weggehen wollt, meldet ihr euch erst bei mir ab.
3. Vor um drei Uhr nachts seid ihr bitte wieder hier.
Die vierte Regel liegt mir sehr am Herzen. Und zwar, bitte kloppt euch hier nicht. Ich habe kein Bock, dazwischen zugehen und nachher selbst noch eins auf die Fresse zu bekommen.
So, das waren auch schon die Regeln. Ist doch ganz easy oder?
Achso, und falls die Frage aufkommt, ob ihr Sex haben dürft: Ja, dürft ihr. Allerdings nur mit Kondomen.
Habt ihr alles verstanden?"

Es nickten alle und Claire fuhr fort.
"Zu den Tagesabläufen gibt es eigentlich nicht viel zu sagen.
Es gibt um 10:00 Frühstück. Meistens esse ich hier alleine, da alle noch schlafen, aber egal. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn ihr mir Gesellschaft leisten würdet.
Mittag gibt es 14:00 und Abendbrot dann um 19:30.
Wenn ihr zwischendurch Hunger habt, dann kommt ihr einfach zu mir.
Seid froh, dass wir hier ein cooles Camp sind, die Angestellte haben. Also werden hier keine Dienste oder so eingeteilt.
Die ganzen anderen Sachen planen wir spontan.
Ihr wundert euch sicherlich, warum ihr hier seid, wenn wir doch nur wie so ein normales Camp sind.
Nun ja, ich war selbst mal Jugendlich und habe meine Eltern verloren. Ich weiß, wie es ist, wenn man sozusagen in irgendein Camp für depressive Kinder gebracht wird.
So ist dieses Camp allerdings nicht. Ihr wollt hier Spaß haben und nicht immer an eure Verluste denken.
Gerne, sehe ich auch ein. Was ich allerdings nicht einsehe ist, wenn jemand hier Selbstmord Gedanken hat oder so. Ich werde da jetzt kein Vortrag drüber halten, ich denke, dass ihr alle wisst, wie hirnrissig das ist."

Ich spannte mich an.
Mehrmals hatte ich die Gedanken, einfach aufzugeben. Alles fallen zu lassen und einfach nur weg zugehen.

"Gibt es noch Fragen zu irgendwas? Ach ja, natürlich könnt ihr auch immer zu mir kommen, wenn ihr mal jemanden zum reden braucht oder einfach einen guten Rat benötigt."

Als keiner etwas sagte, fuhr sie wieder fort.
"Nun zur Vorstellungsrunde. Jeder sagt Name, Alter, wo er wohnt und der der möchte, kann auch noch sagen, warum er hier ist.
Und wenn ich auch nur einen dummen Kommentar von irgendwem von euch höre, dann gibt's Ärger. Und zwar richtig.
Gut, wer will anfangen? Grace, du vielleicht? "

Ich realisierte erst, dass Claire mich meinte, als mich alle anguckten.

"Oh, ähm.. Ich bin Grace, äh.. Ich bin 16 Jahre alt und wohne in Jacksonville", sagte ich kleinlaut und schaute zu Boden.

"Willst du uns vielleicht berichten, warum du hier bist?", fragte Claire mit warmer Stimme.

Ich überlegte kurz, doch schüttelte dann den Kopf.

"Okay, das ist überhaupt nicht schlimm. Wer will als nächtes?"

Kurz war Stille, bevor sich jemand zu Wort meldete.

"Ich bin Jake, bin 19 Jahre alt und wohne ebenfalls in Jacksonville."

Ich blickte überrascht auf. Jake starrte mich direkt an und als sich unsere Blicke trafen, lächelte er mich an.
Ich erwiderte schüchtern sein lächeln.

"Hast du Lust zu sagen, warum du hier bist?"

Jake nickte langsam. "Mein Bruder ist vor knapp zwei Jahren gestorben, meine Mutter ist zur Schlampe geworden und ich gehe ihr am Arsch vorbei. Meinen Vater habe ich nie kennengelernt -wahrscheinlich bin ich auch bei einem one-night-stand entstanden- und ja.", sagte er und klang verbittert.

Alle waren Still und man hört nur das geknister des Feuers. Krass, was er alles durchgemacht hat.. Irgendwie tut er mir leid..

"Es ist toll, dass du uns das anvertraut hast, Jake.", sagte Claire und lächelte.

"Ich heiße Bethany, ich bin 17 Jahre alt und wohne in Memphis. Ich lebe schon immer bei meinen Großeltern und ich hatte bis vor zwei Monaten eine Katze, die.. Die ich dann ausversehen selbst übergefahren habe.."
Ihre Stimme brach am Ende des Satztes und sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

Die Arme..

Und so bekann die Vorstellungsrunde. Alle erzählten nach und nach ihre Geschichte, warum sie hier waren.

Lou hatte ihre kleine Schwester verloren, die an Krebs gestorben ist und Zoes dad war Soldat und ist dort um's Leben gekommen.

Von den anderen waren es ähnliche Geschichten.
Doch irgendwie beschäftigte mich Jakes am meisten.
Er musste verdammt viel durchmachen und ich will mir gar nicht vorstellen, wie das gewesen sein muss.

"Grace..", fing Claire an. Mein Blick wanderte zu ihr und ich sah sie erwartungsvoll an.

Ehrlich gesagt wusste ich schon, was jetzt kommen wird. Ich sollte meinen Grund erzählen, warum ich hier war.
Doch ich war noch nicht bereit dazu.

Ich schüttelte den Kopf. "Es.. Es tut mir leid, aber ich kann es noch nicht", murmelte ich.

"Natürlich, das verstehen wir alle."

"Ist alles in Ordnung?", flüsterte mir Lou zu.
Ich nickte. "Geht schon."

Die ersten Leute verabschiedeten sich schon und verschwanden in ihren Hütten.
Auch ich wurde langsam müde und sagte den anderen ebenfalls bescheid, dass ich ins Bett gehen würde.

In unserem Zimmer angekommen, machte ich meinen Koffer auf, nahm mir meine Schlafsachen und meinen Kulturbeutel und machte mich auf den Weg zu den Waschräumen.

Da es inzwischen schon dunkel war, war es ziemlich gruselig, weshalb ich meine Schritte verschnellerte.

Endlich angekommen, machte ich das Licht an, verzog mich in eine Waschkabine und machte mich fertig.

Als ich fertig war, ging ich wieder zurück zu unserer Hütte, wo die anderen schon im Bett lagen.

Hatte ich so lange gebraucht?

Ich legte mich leise ins Bett, nahm mir mein Kuscheltier und schlief binnen Sekunden ein.

My Own SummerWo Geschichten leben. Entdecke jetzt