Mehrere Minuten lang wagte keiner von ihnen zu atmen.
Dann flüsterte Louisan leise, so leise, dass es kaum mehr als ein Ausatmen war: "Du hast sie auch beobachtet?"
Finn deutete ein Nicken an. Er hatte die Zähne fest aufeinandergebissen, die Sehnen seiner Gesichtsmuskeln zeichneten sich deutlich unter seiner papierweißen Haut ab.
"Ich auch. Und jetzt erzähl mir um Himmelswillen was du weißt"
Er wandte ihr seinen Blick zu: "Das ist nichts, was man anderen erzählt."
Louisan zögerte. Ein nervöses Pochen entstand irgendwo im Inneren ihres Kopfes.
"Wieso? Ist es geheim?"
"Nein. Eigentlich nicht"
Er schien mit sich zu ringen. Dann entschied er: "Ich erzähle es dir. Aber nicht jetzt. Komm morgen um drei zur Waldstraße, wenn du etwas wissen willst."
Louisan stieß einen erleichterten Atemzug aus. Obwohl sie sich gerade in einer alles anderen als vorteilhafte Lage befand, immerhin - sie würde endlich Antworten finden. Zumindest ein paar. Aber zuerst...
"Und was machen wir jetzt?"
"Wir warten", Finn blickte starr gegen die Wand, "wir warten, bis es draußen sicher ist. Und dann gehst du. Auf dem selben Weg wie du hier rein gekommen bist.""Hello darkness, my old friend", wie aus einem tiefem Brunnen schien Louisan aufzutauchen, aus einem tiefen, warmen Brunnen, hinauf an die kalte Luft...
"I've come to talk to you again"
Der Tag kehrte zurück, und mit ihm das gnadenlose Gefühl der Erschlagenheit, als wäre in der Nacht eine Horde Elefanten über sie hinweg getrammpelt. Mit schwachen Fingern tastete sie nach der Aus-Taste ihres Weckers und fiel dann mit einem Stöhnen zurück ins Kissen.
Warum aufstehen? Warum laufen? Warum überhaupt jemald wieder irgendetwas tun?
Ächzend kämpfte sie sich in eibe sitzende Position. Nur langsam kamen ihre Erinnerung wieder.
Sie hatte bis vier Uhr früh ohne einen Mucks zu machen in Finns Zimmer gehockt, bis sie mit steifen Knien den Baum heruntergestiegen war - mehr gefallen als geklettert. Der Beobachter war zurückgekommen. Diese Erkenntnis traf sie wie eine zusätzliche Keule in den Magen. Er war noch da, er würde wiederkommen, er würde sie mitnehmen, so wie Clara...
Finn hatte ihr Antworten angeboten. Mit einem Satz stand sie auf den Beinen - etwas zu schnell, wie sie gleich darauf mit Reue feststellte. Ihr Kreislauf protestierte mit einer spontanen Schwindel- und Übelkeitsattacke gegen die raue Behandlung.
Endlich würde ihr jemand einen Teil dieses Schlamassels erklären. Jetzt ein bisschen besser gelaunt wankte sie zu ihrem Kleiderschrank. Mal sehen, was dieser Morgen für sie bereit hielt.Mit einem Seufzer lies Louisan sich auf ihren Stuhl am Frühstückstisch fallen.
"Morgen, Schatz", ihre Mutter hob kurz den Blick, bevor sie wieder hinter der Zeitung verschwand.
"Morgen", erwiderte Louisan und streckte ihre Hand nach der Marmelade aus, als ihr eine Schlagzeile auf der ihr zugewandten Seite der Zeitung ins Auge sprang wie eine Katze mit ausgefahrenen Krallen:TRAGÖDIE IM RIVER HOSPITAL
Nur wenige Stunden nach dem katastrophalem Sturm, der ohne Vorwarnung über unsere Stadt hinweg fegte, gibt es ein weiteres Unglück zu vermelden: im River Hospital, wenige Straßen vom Stadtzentrum entfernt, ereignete sich gestern um Punkt 13:00 eine Explosion, die das Gebäude in Stücke riss.
"Wir können uns das vorläufig nicht erklären", sagte der Polizeichef Peters auf Nachfrage der Redaktion,
"Das Krankenhaus verfügt über ausgezeichnete Sicherheitsvorkehrungen. Eine Explosion aufgrund schadhafter Gasleitungen, wie sie einige Kollegen vermuten, kommt mir daher noch recht suspekt vor..."Louisan musste nicht weiterlesen. In ihrem Kopf, der sich nach der kurzen Nacht ohnehin wie einen nasser Schwam anfühlte, begannen sich die Gedanken zu drehe.
Das River Hospital. Da war der Mann aus dem Cafè hingeliefert worden...
Der Mann, der gestern auf mysteriöse Art und Weise wieder vor ihrem Haus gestanden hatte, unverletzt, als wäre nichts geschehen...
War nicht auch Frank in dieses Krankenhaus geliefert worden?
Bei dem Gedanken, dass der freundliche Cafèbesitzer verletzt worden sein könnte, wurde ihr speiübel.
"Was ist Louie?", ihre Mutter war auf den Schock ihrer Tochter aufmerksam geworden.
"Nichts. Nichts. Alles gut", hastig zog Louisan ihre Hand, die in der Luft über dem Marmeladendeckel hängen geblieben war, zurück, und versenkte sie in ihrer Tasche, "aber... mir ist gerade eingefallen, dass beim Sturm gestern ein... ein Baum in der Königsalle umgeweht ist... ich kann da nicht lang fahren... muss einen Umweg nehmen... muss früher los..."
Ungelenk schob sie sich vom Tisch weg und stand auf.
"Was?", ihre Mutter ließ die Zeitung sinken und Besorgnis blitzte in ihren Augen auf, "bist du sicher? Du hattest gestern einen schweren Tag. Es wäre mir lieber, wenn..."
"Es geht mir gut", Louisan rang sich ein Lächeln ab, von dem sie hoffte, dass es überzeugend war, "Ehrlich".
Eine Lüge. Und zwar eine aus tiefsten Herzen.
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Elfentraum
Fantasy"Das war ein Fehler", der Magier zu ihrer Rechten blickte immer noch auf die Stelle, auf der bis vor zwei Minuten noch zwei verängstigte Kinder gezittert hatten, "sie sind klein und schwach. Sie sind Menschen. Was können wir von ihnen erwarten?" "Da...