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Es war nicht mehr weit. Ein paar Straßen nur noch...
Louisan vergrub ihre Nase tiefer im Kragen ihrer Jacke. Es war nicht so, dass es kalt war, nicht wirklich, aber das andauernde Gefühl, in Gefahr zu sein, dass in ihr zerrte, sandte kühle Stöße durch ihre Knochen.
An der Ecke zur großen Straße stand ein Supermarkt. Die blauweiße Reklameschrift stach unter den einfarbigen Hauswänden hervor. Gestalten, mit Tüten beladen wimmelten vor den Ein- und Ausgängen. Eine davon fiel Louisan sofort ins Auge: Klein und in einen langen Umhang gehüllt. Finn.
Er hatte sie auch bemerkt. Jedenfalls blieb er stehen und hob den Kopf.
Einander aus dem Weg gehen. So war der Plan. Rasch wandte sie den Blick ab und lenkte ihre Füße in eine andere Richtung. Es behagte ihr zwar nicht, aber sie würde einen Umweg nehmen.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie auch Finn in eine Seitenstraße abtauchte.
Die Haare in ihrem Nacken stellten dich auf und die Haut rund um ihr Tatoo begann dumpf zu pochen.
Mit trockenem, sandtrockenem Mund blieb Louisan stehen.
Ein fremder Blick bohrrte sich wie ein Eiszapfen in ihren Rücken.
Sie brauchte sich nicht umzudrehen um zu wissen, dass sie nichts sehen würde.
Hastig setzte sie sich wieder in Bewegung, das Klappern ihrer Sohlen auf dem Bürgersteig hallte verzagt von den Wänden wieder, langsam steigerte es sich in ein panisches Trommeln.
An den Rändern ihres Blickfeldes bilden sich schwarze, ausgefranste Ränder.
Ihr eigenes Atmen klang laut, viel zu laut in Louisans Augen. 
Hastig bog sie in eine andere Gasse ein. Vielleicht konnte die ihre Verfolger abschütteln...
Jemand streckte eine Hand nach ihr aus.
Bevor sie genauer über die Bewegung nachgedacht hatte, wirbelte sie herum und schlug die fremden Finger zur Seite. Hinter ihr hatte sich eine Gruppe von Personen versammelt, alle tief in dunkle Mäntel gehüllt, ihre Augen leuchteten wie Taschenlampen aus den Schatten, die die Gesichter verschluckt hatten heraus, in ihren Händen blitzten kurze, scharfe Klingen.
Louisan war eingekreist.
Für eine Sekunde stockte ihr der Atem. Dann flog eine Faust auf sie zu, und jeder Ansatz von Gedanke zerfaserte sich wie Morgennebel im Sonnenlicht.
Instinktiv tauchte sie unter dem Schlag durch, doch ihr Gegner schien darauf vorbereitet: In einem Wirbel aus dunklem Stoff sprang er in die Luft und drehte sich. Die Spitze seines Schuhs traf Louisan am Kinn. Mit einem Jaulen stolperte sie gegen die Wand, ein Messer raste auf sie zu. Ohne einen weiteren Gedanken zu verlieren warf sie sich zur Seite, der raue Stein schabte lautstark über den glatten Stoff ihrer Jacke. Krachend schlug die Klinge ein, sie verfehlte, aber da kam schon die nächste...
Mit einem Schrei stieß Louisan die Mülltonne neben sich um, in einem Schwall aus Plastiktüten und Pappschachteln riss sie scheppernd eine Lücke in den Kreis ihrer Verteidiger.
Ein kleines Schlupfloch, als einer der Männer zur Seite stolperte, das sich blitzschnell wieder schloss, aber da war Louisan schon hindurch gehechtet. Jemand bekam ihren Arm zu fassen, aber sie rammte ihre Faust in die Kehle ihres Gegners und mit einem Brüllen ihr Knie zwischen seine Beine. Dann war sie frei. Und sie lief. Sie lief um ihr Leben.

Atemlos hetzte sie um die nächste Ecke, fremde Schritte und scharfe Anweisungen hallten hinter ihr zwischen den Häusern wieder. Ihr Keuchen klang laut in ihren Augen, und mit dem brennen in ihrer Lunge kehrte auch die Angst zurück, die zuvor von der seltsammen, traumwandlerischen Sicherheit weggeschwemmt worden war, mit der sie ihre Schläge platziert hatte.
Was war das gerade gewesen?
Wieder schien etwas anderes die Kontrolle über ihre Handlungen übernommen zu haben...
"Hey!", wieder hielt jemand ihren Arm fest.
Louisan öffnete ihren Mund, um zu schreien, aber bevor sie dazu kam hatte dieser jemand sie bereits in den Schatten gezogen und ihr die Hand auf die Lippen gedrückt.
Schwarzer Stoff. Dicker schwarzer Stoff. Aber diese Person war klein, nicht groß, wie die Elfen mit Messern gerade.
"Ich bin's", zischte eine angespannte Stimme.
Finn.
Als er merkte, dass sie sich beruhigte, ließ er sie los. Louisan drehte sich um. Seine grellen Augen blickten düster aus seinem blassen Gesicht heraus. Er legte einen Finger an die Lippen, aber die Geste wäre nicht nötig gewesen. Sie waren beide hier, um sich zu verstecken.

Laut hallende Schritte kamen von beiden Seiten näher.
Im Kegel der Straßenlaterne gegenüber trafen sich zwei Gruppen der hochgewachsenen Wesen.
Louisan spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufstellten und die Haut um ihr Tatoo begann zu prickeln, als würde das Muster ein zweites Mal hinein geprägt werden.
"Wir haben sie verloren", die Stimme des Mannes wurde durch einen seltsamen Singsang getragen. Fast wie das Zischen einer Schlange.
"Der Junge ist auch verschwunden", eine andere Stimme. Heißerer, aber dennoch eindeutig weiblich.
"Was wenn wir zu spät sind?", schaltete sich ein dritter Sprecher ein.
"Unsinn!", wehrte der Erste schroff ab, "Wir haben uns nicht verschätzt!"
"Sie müssen hier irgendwo sein", die Frau übernahm die Führung, "Versucht sie zu finden. Die Blagen sind uns lebendig am nützlichsten, aber wenn es nicht anders geht, eliminiert sie. Wir gehen kein Risiko mehr ein. Tod dem Nebelland!"
"Tod dem Nebelland", antworteten die anderen, als wären diese drei Wörter eine Parole.
Louisan wagte nicht zu atmen, als die Gruppe sich langsam wieder zerstreute und die glimmenden Augen wie Suchscheinwerfer über den Asphalt glitten.
Die letzten Schritte verklangen in der anbrechenden Dämmerung. War es nicht eigentlich zu früh dafür?
Sie spürte, wie sich Finn neben ihr entspannte. Er streckte seine Muskeln und stand auf.
Louisan wollte es ihm nach tun, aber sie zögerte. Das unangenehme Kribbeln in ihrem Nacken war nicht verschwunden und das panische Zittern weigerte sich, ihr Herz frei zu geben.
"Warte", wisperte sie, "Ich glaube, wir sollten vorsichtiger sein..."

"Du solltest auf deine Freundin hören", säuselte eine ruhige Stimme aus einer Nische neben ihr, "Mit diesen Leuten ist nicht zu spaßen."
Finn wirbelte herum. Louisan ebenfalls.
Dort, im Schatten, saß ein Mann, gehüllt in einen schwarzen Mantel, dessen Säume mit der Dunkelheit zu verfließen schienen. Seine Auge leuchteten eisblau aus seinem bleichen Gesicht heraus.
Die Gesichtsknoch, die dunkel von ihnen gegen die wachsgleiche Haut drückten kamen Louisan schrecklich bekannt vor.
Es war der Mann aus dem Cafè.

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