Sanft strich Louisan mit ihren Fingern über die Runen im Stein.
Lesen sollte sie sie angeblich können.
Aber die Linien bildeten vor ihren Augen ein undurchdringbares Labyrinth.
Wunderschön, ja.
Aber bedeutungslos.
Wenn die Stimmen nicht wären...
Probehalber legte Louisan ihr Ohr an den Fels. Das Säuseln kam aus den Zeichen, aber nicht durch ihre Ohren. Es war einfach irgendwie in ihrem Kopf."Was glaubst du zu finden?", die krächzende Stimme des Magiers ließ sie zusammenfahren.
"Ich... ich wollte nur...", stammelte sie.
"Ich kann nicht verhindern, dass die Königin dir Zugang zu dieser Höhle gewährt. Aber du wirst hier nichts erreichen", er rümpfte die Nase, "Rashja mag an dieses Märchen glauben und der Rest dieser Truppe auch. Aber ich tue es nicht."
Etwas in seiner Stimme ließ Louisan stutzen.
"Welches Märchen?", erkundigte die sich vorsichtig.
"Finde es selbst heraus, Menschenkind", der Magier lachte heißer, "Wenn du es wirklich lesen kannst, wie sie alle behaupten, sollte das kein Problem für dich sein."
Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand im Dickicht.
Louisan blieb zurück und starrte auf die Runen. Gab es da etwa noch mehr, dass sie und Finn nicht wussten?"Rashja?", beim nächsten Training hatte sie sich vorgenommen, den Elf darauf anzusprechen, "Kann ich dir eine Frage stellen?"
Rashja unterbrach seine Vorführung eines bestimmten Schlags und wandte sich ihr zu: "Fragen kostet nichts".
"Der Magier hat da etwas erwähnt, dass ich nicht ganz verstehe", sie holte tief Luft, "Er sprach von einem Märchen. Ein Märchen an das du und die anderen anscheinend glauben, er aber nicht. Was meint er damit?"
Rashjas Stirn legte sich in tiefe Falten: "Ein Märchen, sagt er?"
"Ja. Ein Märchen."
"Wovon redet ihr?", auch Finn unterbrach seine Übungen jetzt und gesellte sich zu ihnen.
"Von der Prophezeiung, fürchte ich", erwiderte Rashja, "Der Magier hat ihr nie viel glauben geschenkt."
Louisan stutzte: "Eine Prophezeiung... über uns?"
"Ja, natürlich", ein amüsierter Ausdruck zog sich durch Rashjas strenges Gesicht, "Dachtet ihr, wir entführen aus einer Laune heraus zwei kleine Menschen?"
Finn und Louisan warfen sich einen Blick zu. Sie dachten beide dasselbe:
Eine Prophezeiung ist auch nicht gerade eine gute Begründung für eine Entführung...
Rashja schien von ihrem stummen Zwiegespräch nichts mitbekommen zu haben.
"Und was sagt diese Prophezeiung?", wollte Finn wissen.
"Was wir euch schon gesagt haben. Dass ihr uns helfen werdet, die Verräter zu besiegen und..."
"... und dem Elfenvolk zu neuem Leben verhelfen werden", beendete Louisan den Satz seufzend. Sie hatte das schon so oft gehört.
"Aber was bedeutet das", fragte Finn beschwörend, "Rashja, wenn du uns nur sagen könntest, was..."
Abrupt wandte er sich ab.
"Dein letzter Wurf war noch nicht ganz sauber. Probier es noch einmal", befahl er, als hätte das Gespräch nicht stattgefunden.
Finn und Louisan tauschten misstrauische Blicke. Da war noch etwas im Busch.Am Abend stand Louisan wieder im Einfang der Runenhöhle. Sie hatte Rashja gebeten, sie her zu bringen, und auf Anordnung der Königin musste er ihr jederzeit ermöglichen, diesen mysteriösen Ort aufzusuchen.
Das Wispern der Stimmen empfing sie.
Louisan schloss ihre Augen. Vielleicht musste sie sich auf die eine Sache konzentrieren, die sie "herauslesen" wollte aus diesem Wirrwarr von Stimmen und Linien.
Bitte, dachte sie, bitte sag mur was sie meinen, ich muss es wissen.
Verzweifelt presste sie ihre Hand gegen die Ornamente and der Wand, so fest, das ihr die Linien sich tief in den Handballen drückten und die Kanten in ihre Haut schnitten.Aber alles, was sie fühlte, waren die feinen Härchen einer nicht vorhandenen Feder, die ihr zwischen den Fingern hindurchglitt.
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Elfentraum
Fantasy"Das war ein Fehler", der Magier zu ihrer Rechten blickte immer noch auf die Stelle, auf der bis vor zwei Minuten noch zwei verängstigte Kinder gezittert hatten, "sie sind klein und schwach. Sie sind Menschen. Was können wir von ihnen erwarten?" "Da...