Männerabend

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In München angekommen, steuerte Marvin zielsicher die kleine Pension an, in der sie übernachten würden.

Sie lag ausserhalb der Innenstadt in einem kleinen Vorort.
Paddy bewunderte Marvins Fähigkeit, immer alles auf Anhieb zu finden. Er war da eher unbegabt und würde sich vermutlich ständig verfahren.
Schnell hatten sie ihre gemütlichen, kleinen Zimmer bezogen und Paddy klopfte, nach einer entspannenden Dusche, zaghaft an Marvins Tür.
Aber die Tür blieb verschlossen. Paddy konnte hören, dass er mit jemandem sprach.
Sicher würde er mit seiner Freundin telefonieren. Da wollte er nicht stören.
Also schlenderte er den Flur entlang, schaute sich die Bilder an den Wänden an und summte
„Amazing Grace" vor sich hin.
Irgendwie hatte dieses Lied eine beruhigende Wirkung auf ihn.
Es war eines der Lieblingslieder seiner Mutter gewesen und Mütter haben ja bekanntlich eine beruhigende Wirkung auf ihre Kinder. Vermutlich hatte das Lied deshalb diese Wirkung auf ihn seit er klein war.
Es war fast so, als wäre sie hier, dachte er.
Ein Lächeln überzog sein Gesicht, als er sie vor seinem geistigen Auge sah. Mit ihrem liebevollen Blick und ihrer mütterlichen Ausstrahlung.
Er hörte ihre Stimme, die so sanft und dennoch sehr bestimmend sein konnte.
Sie war eine sehr starke Frau und wusste genau, was sie wollte.
Auch wenn sie nie schrie, hatte jeder Respekt vor ihr.
Sie hatte die Fähigkeit ihren Kindern auf sehr liebevolle Art Anweisungen zu geben.
Ach Mama, dachte Paddy. Warum musste sie so früh gehen?
Diese Frage hatte er sich schon so oft gestellt

Plötzlich klopfte ihm jemand von hinten auf die Schulter. Es war Marvin. "Na, alles klar?" fragte er und musste lachen, als er Paddys erschrockenes Gesicht sah.

Als Paddy ihn erkannt, musste auch er lachen.
"Man, hast du mich erschreckt", grinste Paddy und boxte ihm leicht an die Schulter.
„Sag mal, hast du nicht Lust ein Bier trinken zu gehen? fragte Paddy. Ich finde das haben wir uns verdient. Ausserdem bin ich dir mindestens eines schuldig.
„Wie kommst du denn darauf?"
Naja, du hast ganz schön viel mitgemacht mit mir und ich habe mich nie richtig bei dir bedankt", erwiderte Paddy.
„Das musst du auch nicht. Wir sind ja schließlich Freunde, oder?"
Paddy lächelte, klopfte ihm noch einmal leicht an die Schulter und sagte: „Also, in einer Stunde unten?"
Dann schlenderte er weiter den Flur entlang.

Eine Stunde später trafen sich die beiden Freunde im Eingangsbereich der Pension.
Paddy hatte sich inzwischen schon einmal erkundigt, wo man hier am Besten ein Bier trinken könne.
Man hatte ihm gesagt, dass es ganz in der Nähe einen Irish Pub gäbe, indem man in schöner Atmosphäre ein gutes Bier genießen könne.
Da es unter der Woche war, waren die Straßen und Kneipen nicht zu überfüllt, sodass sie unerkannt den Pub erreichten.
Der Pensionswirt hatte Recht gehabt. Die Atmosphäre des Pubs war wirklich sehr gemütlich und dem Original sehr nahe.
Ein kleines bisschen fühlte sich Paddy nach Irland versetzt.
Da war die schöne, große Theke mit den Barhockern davor und den vielen Flaschen an der Wand, das spärlich eingesetzte Licht, welches dem Raum etwas romantisches verlieh und nicht zuletzt die irische Musik, die seine Füße sogleich zucken ließ.
Das Interieur war aus Holz gearbeitet und mit Schnörkeln verziert. Die vielen irischen Accessoires verliehen einem das Gefühl, in einer anderen Welt gelandet zu sein.
In einer Ecke des Pubs standen zwei alte Ohrensessel, die so gemütlich aussahen, dass Paddy sofort darauf zusteuerte.

Das dunkle, irische Bier schmeckte hervorragend. Und so blieb es nicht bei dem Einen.
Die beiden Freunde nutzten die Zeit, um sich einmal richtig auszusprechen.
Seit Paddy wieder aus dem Kloster zurück war, hatten sie immer nur über das Geschäft gesprochen. Es gab so vieles zu organisieren und zu planen, dass einfach kaum Zeit geblieben
war, sich einmal richtig zu unterhalten.
Schließlich war Paddy lange Zeit weg gewesen und Besuche waren eher selten und nur kurz möglich.
Marvin konnte endlich einmal seine Version der Trennung und auch seine tiefen Gefühle, die damit verbunden waren, los werden.
Und Paddy erzählte von seinem Alltag im Kloster und den vielen Begegnungen und Erfahrungen, die ihn in dieser Zeit geprägt hatten.
Beide konnten den Anderen dadurch ein bisschen besser verstehen und zum Schluss lachten sie über Anekdoten aus dem Kloster, die Paddy zum Besten gab.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es in einem Kloster so viel zu lachen gibt", sagte Marvin, immer noch schmunzelnd.

Nach einer kleinen Gesprächspause, in der sich beide von dem vielen Lachen erholten, wurde Paddy etwas ernster.
„Marvin, es tut mir leid, dass ich in der letzten Zeit so ein schlechter Freund für dich gewesen bin. Ich habe immer nur danach geschaut, was ich will. Das tut mir herzlich leid und ich gelobe Besserung!"
„Du warst kein schlechter Freund, Paddy. Sicher habe ich mir sehr oft gewünscht, dass ich dich anrufen könnte um mir einen schlauen Rat von dir zu holen.
Aber letztendlich habe ich immer gespürt, dass du an mich denkst. Auch wenn ich wusste, dass du mich wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt nicht verstanden hättest, weil du in deiner Welt gelebt hast. Ich denke, du wirst ganz schnell merken, dass die Welt ausserhalb des Klosters wesentlich komplizierter ist, als sie einem in diesem geschützten Rahmen der Steinmauern vielleicht vorkommt.
Ja, ich hab dich vermisst, verdammt noch mal. Aber du musstest diesen Weg gehen. Das habe ich von Anfang an verstanden. Was bringt mir ein Freund der immer für mich erreichbar ist, aber unglücklich?
Aber ich mache auch kein Geheimnis daraus, dass ich unheimlich froh bin, dass du wieder da bist und das lebendiger denn je! Es freut mich zu sehen, wie glücklich du bist, wieder auf der Bühne zu stehen."
Marvin kämpfte mit seinen Tränen. Als Paddy das merkte, sagte er: „Komm her, Kumpel!"
Er stand auf und zog Marvin in eine harte Männerumarmung.
Auf dem Weg zurück zur Pension überlegten sie sich, wie das wohl für die anderen Gäste ausgesehen haben musste. Es waren nicht viele Tische belegt gewesen, aber das ältere Ehepaar hatte schon die ganze Zeit über so komisch zu ihnen hergesehen. Entweder hatten sie Paddy erkannt, oder sie fanden es komisch, dass zwei Männer erst herzlich und laut miteinander lachten und sich anschließend in die Arme fielen.
Es war wirklich nur dem Glück zuzuschreiben, dass sie auf dem Rückweg nicht erkannt wurden. Die Straßen waren wie leergefegt. Ansonsten wären die beiden lachenden und blödelnden Männer sofort aufgefallen, soviel war sicher.



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