Die Nacht schlief Marie sehr unruhig. Immer wieder spukten ihr Szenarien durch den Kopf, die passieren könnten.
So träumte sie, dass Paddy mit seiner Freundin ankam und vor ihren Augen mit ihr herumknutschte. Oder, dass die Fans vor der Kirche eine riesige Schlägerei anfingen und später jeder ihr die Schuld daran gab. Auch ein Stromausfall, fehlerhafte Technik und Riesenpanik gehörten zu ihren wildesten Träumen.
Irgendwann wachte sie dann von Yasmins Weinen auf. Müde schleppte sie sich in ihr Zimmer. Yasmin hatte ihren Schnuller verloren und sich ganz frei gestrampelt. Marie gab ihr den Schnuller und deckte sie wieder zu. Aber Yasmin stand immer wieder auf. Also nahm sie aus dem Bett und setzte sich mit ihr auf den Sessel, der in der Ecke des Zimmers stand. Sie fing an zu singen und schlief dabei ein.
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, tat ihr alles weh. Yasmin schlief auf ihrem Arm. Vorsichtig legte sie sie in ihr Bett zurück und schlich sich so leise sie konnte aus dem Raum.
Sie horchte noch einige Minuten an der Tür, dann steckte sie das Babyfon im Badezimmer an und gönnte sich eine erfrischende Dusche.
Zum Glück hatte Yasmin Mitleid mit ihrer Mutter und schlief bis diese sich abgetrocknet und ihre Wohlfühlsachen angezogen hatte.
Sie wollte sich erst kurz bevor sie gehen musste umziehen und fertig machen.
Im Laufe des Vormittags stieg die Nervosität bis ins Unerträgliche. Marie versuchte alles routinemäßig durchzuziehen. Sie ging mit Yasmin zum Bäcker, machte Frühstück mit allem Drum und Dran und spielte mit Yasmin, bis Thomas aufwachte. Dann frühstückten sie gemeinsam. Marie versuchte, ihre Nervosität so gut es ging in den Griff zu bekommen.
Dennoch merkte Thomas ihre Anspannung.
„Was schaust du denn ständig auf die Uhr?" fragte er.
„Ich will nur nicht zu spät dort sein", antwortete Marie.
Thomas lachte. „Du weißt schon, dass das Konzert erst in 9 Stunden anfängt?" fragte er amüsiert. „Ja schon, aber bis dahin muss noch Einiges erledigt werden und die Fans werden auch schon bald auf der Matte stehen", erklärte Marie.
„Ja klar", lächelte Thomas ungläubig. „Wer stellt sich denn freiwillig stundenlang vor eine Kirche?" „Oh, es gibt Fans, die würden noch weitaus mehr für Paddy tun", bekräftigte Marie.
„Stimmt. Die Kellyfans waren ja schon immer etwas verrückt und seltsam!"
Marie wollte ihm erst energisch widersprechen, aber sie entschied sich dazu, den Mund zu halten. Das war es nicht wert, dachte sie. Er hatte seine Meinung und war auch nicht gewillt, diese zu ändern.
Am Meisten störte sie, dass er nicht einmal bereit war sich ein eigenes Bild zu machen, sondern stur an seiner Einstellung festhielt.
„Wann musst du denn dann gehen?" fragte Thomas.
„Ich denke, so gegen zwei sollten wir schon gehen", antwortet Marie.
Thomas brummte ein OK und vertiefte sich in den Sportteil der Zeitung.Nach dem Mittagessen spülte Marie noch eben das Geschirr ab und räumte die Küche auf. Dann zog sie sich um. Lange hatte sie überlegt, was sie wohl anziehen sollte. Sie hatte sich im Vorfeld einige Outfits zurechtgelegt und wollte dann spontan entscheiden, je nach Wetter und Gefühlslage.
Nachdem das Wetter heute wirklich traumhaft war, entschied sie sich dazu, ihr neues Kleid auszuführen. Bisher war sie noch nicht dazugekommen es anzuziehen.
Da es abends sicher kühler werden würde, nahm sie sich ihr Jeansjäckchen und einen Seidenschal mit.
Für Yasmin gab es weitaus mehr einzupacken: Windeln, Feuchttücher, Trinkflasche, Obst, Schnuller, zwei Bücher,......und auch Wechselkleidung und ein Handtuch vergaß sie nicht.
Schließlich waren die Chancen sehr hoch, dass auch Yasmin Bekanntschaft mit dem kühlen Nass des Taufbrunnens machen würde.
Als sie alles zusammengepackt hatte, klärte sie noch mit Thomas ab, wann er Yasmin holen würde. „Falls sie es nicht mehr aushält, dann rufe ich dich an, ok?"
„Ja ok. Rufst halt auf dem Handy an. Ich weiß nicht, ob ich unterwegs bin", antwortete Thomas. „Ok", sagte Marie, drückte ihm noch einen flüchtigen Kuss auf den Mund und zog die Tür hinter sich zu.Hilfe! dachte Marie, als sie um halb drei bei der Kirche ankam.
Der ganze Vorplatz stand schon voll mit Fans.
Zum Glück hatte sie einen reservierten Parkplatz, sonst hätte sie echt blöd da gestanden.
Man, wie die alle schauten, als Marie einen der drei reservierten Parkplätze anfuhr.
Kaum hatte sie den Motor abgestellt, kam auch schon eine der Wartenden auf sie zu.
„Hier darf man nicht parken", rief sie ihr schon von weitem schnippisch entgegen.
Marie zog sogleich den Parkausweis aus dem Handschuhfach, den Marvin ihr per E-Mail geschickt hatte. Irritiert musterte die junge Frau zuerst das Blatt Papier und dann Marie von oben bis unten. „Es gibt wohl immer ein paar Extrawürste", murmelte sie.
Dann fuhr sie sich schwungvoll durchs Haar und erklärte: „Also, damit du weißt, wie es hier abläuft: Wir stehen bereits seit 10Uhr hier. Du bekommst gleich eine Nummer, ich glaub wir sind inzwischen bei 45, oder so. Wer sich nicht dran hält, bekommt Ärger, klar? Wir stehen hier schließlich nicht zum Spaß!"
Marie war schockiert. Noch nie hatte eine fremde Person so respektlos mit ihr gesprochen.
Aber sie beschloss, sich nichts anmerken zu lassen.
Die wird sich noch wundern, dachte Marie.
Unter den kritischen Blicken des fanatischen Fans holte sie Yasmin aus dem Auto, schnappte sich ihre Tasche und erwiderte übertrieben freundlich: „ Vielen Dank für deine Hilfe. Aber wir brauchen keine Nummern, wir haben einen Schlüssel!"
Mit diesen Worten ging sie mit Yasmin Richtung Hintereingang und ließ die verdutzte junge Frau mit weit geöffnetem Mund einfach stehen.
Das sollte Thomas jetzt mal sehn, dachte Marie. Die stehen sogar schon seit um 10Uhr hier. Ganze 4,5 Stunden. Und es waren immer noch 4 Stunden bis sie rein durften. Das ist ja echt verrückt, dachte sie.
Und plötzlich wurde ihr bewusst, wie beliebt Paddy tatsächlich noch war. Immer noch, nach so vielen Jahren und obwohl er so lange Zeit im Kloster gewesen war.
Und ihr wurde auch bewusst, welches enorme Glück sie doch hatte, dass sie Paddy kennenlernen durfte. Sandra hatte Recht. So viele Frauen und Mädchen würden alles dafür tun, Paddy einmal die Hand schütteln zu dürfen und sie hatte ihn sogar geküsst!
Sie lächelte leise in sich hinein, als sie sich vorstellte, was wohl passieren würde, wenn das die Mädels vor der Kirche erfahren würden.
Sicher müsste sie um ihr Leben fürchten. Sie war ja schon schockiert gewesen von der Reaktion, die sie ausgelöst hatte, nur weil sie „falsch" geparkt hatte.
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Ein Geschenk des Himmels
FanfictionMarie ist verzweifelt. Der Traum ihrer heilen Familie scheint zerstört, ihre Ehe am Ende. Selbstzweifel plagen sie , sie ist am tiefsten Punkt ihres Lebens angelangt. Doch plötzlich geschieht etwas, das ihr Leben komplett auf den Kopf stellt.