Marie stand vor dem großen Spiegel im Flur und versuchte ihre langen Wimpern zu bändigen.
Fluchend hantierte sie mit der Wimpernzange und war am Ende doch wieder nicht zufrieden.
Ja, lang waren ihre Wimpern. Aber leider hatten sie keinerlei Schwung. Es gelang ihr einfach nicht, sie so hinzuzaubern, dass es ihr gefiel.
Schließlich beließ sie es dabei und tuschte sie kräftig, damit sie wenigstens durch Farbe zur Geltung kamen.
Sie wollte sich heute Abend mal wieder so richtig herausputzen und aufhübschen.
Dafür war sie extra in ihre Wohnung gefahren und hatte sich ihren Lieblingsrock geholt. Ein kurzer Jeansrock, der sehr Figurbetont geschnitten war. Sie liebte ihn, hatte ihn allerdings nur zweimal getragen, da sich nie die Gelegenheit dazu geboten hatte.
Das wollte sie heute nachholen.
Nachdem sie hineingeschlüpft war, betrachtete sie sich kritisch im Spiegel.
Der Rock stand ihr wirklich ausgezeichnet gut.
Als sie sich so begutachtete, fiel ihr wieder ein, wie sie sich gefühlt hatte, als sie ihn aus dem Schrank gezogen hatte.
Die Wohnung, das Schlafzimmer, das Bett....
All das hatte sie wieder gnadenlos daran erinnert, in welcher Lage sie sich momentan befand.
Für einen kurzen Moment hatte sie darüber nachgedacht, wieder einzuziehen. In ihre eigenen vier Wände, die ihr für lange Zeit ein gemütliches Zuhause gewesen waren.
Hier hatte sie sich wohl und sicher gefühlt. Zu gerne hätte sie in diesem Moment die gleichen Gefühle gespürt.
Aber ganz im Gegenteil bereitete ihr der Gedanke, wieder hier einzuziehen, Angst und Unbehagen.
Dieses Gefühl bekräftigte sie darin, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war und sie auf jeden Fall noch Zeit brauchte. Ganz egal wie es letztendlich enden würde. Hier fühlte sie sich momentan nicht wohl.
Also hatte sie schnell noch einige Sachen zusammengepackt und war fast fluchtartig ins Auto gestiegen.Die Türklingel holte sie aus ihren trüben Gedanken.
Das musste Sandra sein. Sie wollten heute Abend noch ausgehen. Das hatten sie schon lange nicht mehr getan. Seit Yasmin auf der Welt war, gab es nur selten die Gelegenheit für Marie abends die Wohnung zu verlassen. Erschwerend kam noch hinzu, dass Thomas es nicht so gerne sah, wenn sie etwas mit Sandra unternahm. Vermutlich war er eifersüchtig, weil sie sich so gut verstanden. Das war ihr sowieso immer ein Rätsel gewesen. Sandra war immer sehr nett zu ihm und er hätte sich doch freuen können, dass Marie so eine gute Freundin hatte.
Naja, so war er halt. Aber heute war er nicht hier und der Abend gehörte Marie ganz alleine und sie freute sich darauf.
„Nein, diesen Abend werde ich mir durch nichts und niemanden verderben lassen", sagte sie sich. „Heute denke ich einmal nur an mich!"
„Dafür werde ich schon sorgen!"
Marie drehte sich erschrocken um. Hatte sie das etwas laut gedacht?
Schon wieder! Sie musste echt aufpassen. Irgendwann würde sie sich mit dieser Angewohnheit noch in Teufels Küche bringen.
Sandra musterte sie mit einem Grinsen im Gesicht.
„Sehr heißes Outfit. Aber meinst du nicht, dass es etwas kalt werden könnte?"
Erst jetzt bemerkte Marie, dass sie noch gar kein Oberteil anhatte und im BH vor ihrer Freundin stand. Für einen kurzen Moment war es ihr peinlich, dann musste sie laut losprusten. Sandra konnte sich jetzt auch nicht mehr halten.
Noch lachend fragte Sandra:" Ich wusste ja nicht, dass du es so nötig hast!"
„Hey", erwiderte Marie und schubste Sandra leicht zur Seite.
Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, sagte Marie: „Ich verschwinde dann noch mal kurz im Bad. Bin gleich fertig!"
„Also, ich glaub ich hab dich noch nie so sexy gesehen!" schwärmte Sandra, als sie gemeinsam Richtung Marktplatz schlenderten.
„Ach wirklich? Naja, heute Abend wäre ich noch zu haben", lächelte Marie süffisant.
„Das wäre eine Überlegung wert", grinste Sandra und hakte sich bei ihrer Freundin ein.
„Aber jetzt mal ehrlich", fuhr Sandra fort. „Du siehst wirklich klasse aus. Thomas sollte sich bewusst machen, welchen Schatz er da aufgibt. An seiner Stelle würde ich um dich kämpfen!"
„Das ist echt lieb von dir", lächelte Marie. „Aber könnten wir nur für heute Abend das Wort Thomas aus unserem Wortschatz streichen?"
„Ja klar. Tut mir leid! Heute Abend gibt es nur Marie, Sandra und ganz viel Spaß!" antwortete Sandra.
Irgendwie hat sie Recht, dachte Marie. Ich fühle mich heute so richtig attraktiv. Solche Kleider hatte ich zum letzten Mal.....Marie fiel es nicht ein, wann sie sich zuletzt so sexy gekleidet hatte. Das war auf jeden Fall weit vor Yasmins Geburt gewesen. Unauffällig musterte sie sich im vorbeikommenden Schaufenster.
Zu dem kurzen Jeansrock hatte sie eine weiße, leger fallende Bluse übergeworfen, die leicht durchsichtig war. Darüber trug sie eine kurze Lederjacke und ihre hohen, schwarzen Stiefel.
Der passende Schmuck rundete das Outfit ab.
Ihre Haare hatte sie mit dem Glätteisen leicht gelockt und teilweise hochgesteckt.
Ja, sie sah wirklich heiß aus, bestätigte sie sich in Gedanken und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht.
„Was ist, warum lächelst du unentwegt?" fragte Sandra amüsiert.
Marie sah sie mit einem breiten Lachen an und sagte: "Keine Ahnung. Ich fühle mich gerade einfach gut. Es ist fast so wie früher!"
Dann hielt sie kurzerhand einen vorbeikommenden jungen Mann an und bat ihn ein Foto von ihnen zu machen. Bei dem Anblick der zwei hübschen Damen, sagte dieser natürlich sofort zu. Nach einer kurzen Fotosession, meinte Marie: „Danke, das war echt lieb von dir. Können wir uns mit einem Drink revanchieren?" Sandra sah Marie überrascht von der Seite an. So hatte sie Marie noch nie erlebt. Sonst war sie immer eher schüchtern und sprach eigentlich nie irgendjemanden auf der Straße an.
Aber nachdem Sandra den jungen Mann, der sich mit Patrick vorstellte, auch sehr sympathisch fand, machten sie sich gemeinsam auf den Weg in ihre Lieblingskneipe, das Louvre.

DU LIEST GERADE
Ein Geschenk des Himmels
FanfictionMarie ist verzweifelt. Der Traum ihrer heilen Familie scheint zerstört, ihre Ehe am Ende. Selbstzweifel plagen sie , sie ist am tiefsten Punkt ihres Lebens angelangt. Doch plötzlich geschieht etwas, das ihr Leben komplett auf den Kopf stellt.