Sonnenstrahlen wecken mich. Blinzelnd öffne ich die Augen und merke, dass ich in meinem Bett liege. Es ist so wohlig weich, ich schaffe es kaum, mich zu überwinden, aufzustehen. Als ich auf die Uhr schaue, sehe ich, dass ich schon sehr spät dran bin. Warum haben mich die Grayheads nicht geweckt? Ächzend schwinge ich mich aus dem Bett und merke, dass ich nur Unterwäsche und T-Shirt anhabe. Mein Gesicht beginnt zu glühen.
Ich versuche diesen Schock hinunterzuschlucken und meine Gedanken, was Veland, abgesehen davon, dass er mich offensichtlich ausgezogen hat, sonst noch alles gemacht haben könnte, zu verdrängen. Schließlich muss ich mich beeilen. Also ziehe ich mir schnell andere Sachen an, mache mich fertig und haste mit meinen Unisachen die Treppen hinunter. Alle Grayheadkinder sind vor der Tür, bereit zum Aufbruch.
Veland grinst mich an, was mir Schamesröte ins Gesicht steigen lässt. Er mustert mich mit einem vielsagenden Blick und hat sein schiefes Grinsen aufgesetzt. Ich schaue schnell weg und fange Aelfrics Blick auf, der zornig scheint. Er funkelt Veland böse an. Selbst Raedwulf schaut mich an, als ob ich etwas verbrochen hätte. Ich bekomme sofort ein schlechtes Gewissen, obwohl ich doch Garnichts gemacht habe, außer mich im Wald zu verlaufen. Das rechtfertigt aber nicht diese Blicke. Raedwulf scheint fast schon gekränkt, dabei war er es doch, der mich weggeschickt hat.
Ich straffe meine Schultern und frage: „Warum habt ihr mich nicht geweckt?"
„Nach dieser Nacht wollten wir dich lieber schlafen lassen, Kleine", meint Veland, höchst amüsiert und mit zweideutigem Unterton. Daraufhin schaut Raedwulf weg, als ob er sich für mich schämen würde und Aelfric schaut zu mir hin. Er hat eine kühle Miene aufgesetzt. Was hat Veland ihnen bloß erzählt, dass ich mit dieser Kälte bestraft werde?
„Ich habe doch gesagt, dass ich in die Uni will", sage ich zu Veland zittrig. Diese geladene Stimmung hier macht mich nervös. Und Velands Ignoranz macht mich auch zornig. Er nutzt diese Situation, in der ich mich ihm geöffnet habe, schamlos aus.
„Verzeihe uns, dass wussten wir nicht. Dann sollten wir mal los", sagt Aelfric steif.
Wir gehen hinaus und steigen in einen Siebensitzer. Ich frage mich, wie viele Autos diese Familie wohl hat. Mal wieder ist die Fahrt schweigsam. Nachdem wir die Zwillinge weggebracht und geparkt haben, laufen wie am vorherigen Tag zur Eingangstür. Schon aus der Entfernung sehe ich, dass dort die drei anderen Jungs mit Amber stehen. Ich bin gespannt, wie sie sich nach dem gestrigen Streit verhalten. Auf dem Weg zu ihnen kommt Veland zu mir und neigt sich leicht zu mir hinab.
„Tut mir leid, Kleine, aber ich dachte, dir hätte unsere gemeinsame Nacht gefallen", flüstert er mir ins Ohr, laut genug, dass seine Brüder mithören können. Bei diesen Worten stolpere ich und Veland packt mich schnell am Arm, damit ich nicht stürze. Aelfric und Raedwulf schauen grimmig. Ich reiße mich von ihm los, werde rot und schaue ihn böse an. Er hat nur weiterhin sein süffisantes Grinsen im Gesicht. Mein Bauch verkrampft und es bildet sich in mir das Verlangen, sein perfektes Gesicht zu berühren. Ich meine natürlich zu schlagen.
„Nenn mich nicht so", sage ich kalt, leider immer noch zittrig. Veland macht gerade seinen Mund auf, als James ihn unterbricht. Er umarmt ihn kumpelhaft und schlägt ihm freundschaftlich gegen die Schulter.
„Hey Bro, wo warst du denn gestern?", fragt er, während er auch Aelfric und Raedwulf begrüßt, als ob der Streit nie stattgefunden hätte. David und Cole machen es ihm gleich. Ich habe den Eindruck, dass die beiden die Mitläufer von James sind. Egal, was er macht, sie machen es auch.
Während die Jungs sich unterhalten quetsche ich mich zu Amber durch, die mich zur Begrüßung umarmt.
„Sie sind unglaublich oder? Sie tuen einfach so, als ob nichts gewesen wäre", flüstert sie mir fasziniert zu. Ich nicke ihr zu. Es ist wirklich seltsam, aber nicht das Seltsamste, was ich bisher bei den Grayheads gesehen habe. Amber und ich wollen gerade zu unserem nächsten Kurs gehen, als Aelfric mich aufhält.
„Scarlett, kommst du bitte kurz?"
Ich weise Amber an, schonmal vorzugehen und lasse mich von Aelfric in die Bibliothek der Uni führen, die bei weitem nicht so beeindruckend ist, wie die der Grayheads. Es sind jetzt zu Semesterbeginn um diese Zeit noch nicht einmal Studenten da. Er greift meinen Arm und zieht mich in eine Ecke, lässt mich dort los und fixiert mich mit ein paar Metern Abstand zwischen uns wie einen Verbrecher. Ich starre irritiert zurück, als von Aelfric aber nichts kommt, ergreife ich das Wort.
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Salvation
ParanormalScarlett macht ein Au-pair Jahr in England, um ein neues, wildes und aufregendes Leben nach der Schule zu entdecken. Doch irgendetwas mit den Grayheads, ihrer Gastfamilie, stimmt nicht. Bevor sie nicht herausfindet, was das ist, weigert sie sich, al...