Ich kann nicht mehr länger in der Badewanne liegen und stehe auf. In Gedanken versunken beobachte ich, wie das Wasser an meiner Haut abperlt und das Licht bricht. Es fasziniert mich, wie einfache Naturphänomene solch schöne Effekte hervorbringen. Dieser Gedanke ist so abstrakt, wenn ich über meine momentanen Probleme nachdenke. Dennoch ist es genau in diesem Moment gut, sich an so kleinen Dingen im Leben erfreuen zu können. Langsam wird mir aber kalt, deshalb steige ich aus der Wanne und trockne mich ab. Als ich mich in mein Bett lege, versuche ich mich zu beruhigen und etwas Schlaf zu finden.
Bevor ich aber zur Ruhe kommen kann, spinne ich meine Gedanken weiter. Jetzt habe ich meinen Entschluss also gefasst, ich will das Geheimnis der Grayheads lüften. Mir wird etwas eisig bei diesem Gedanken. Ich muss immerzu an Kates Blick denken, als sie meinte, dass sie gefährlich seien. Sicher hat sie es auch so gemeint und auch, wenn ich das Ausmaß der Gefahr selbst einschätzen will, weiß sie sicherlich Sachen, die mir weiterhelfen könnten. Ich frage mich, ob mein Entschluss so intelligent ist und ob ich mich vielleicht lieber nicht festlegen sollte. Doch wenn ich weiterhin so unentschlossen bleibe, werde ich noch verrückt. Ich muss mich festlegen, damit ich etwas durchziehe, also mache ich das jetzt und denke nicht an ein Zurück.
Immer länger wälze ich mich im Bett umher, doch ich kann einfach nicht schlafen. Ich schaue auf meine Uhr, es ist schon 00:26 Uhr. Plötzlich verspüre ich den Drang, aus diesem Haus raus zu müssen, raus an die frische Luft. Ich weiß, dass ich so keinen Schlaf finden kann und Bewegung tut bekanntlich gut. Ich stehe also wieder auf und ziehe mich an. Leise schleiche ich mich aus meinem Zimmer, um niemanden aufzuwecken. Es brennt kein Licht mehr, so im Dunkeln sehen die großen Flure noch viel grusliger aus. Vorsichtig gehe ich hinunter und aus dem Haus hinaus.
Als ich draußen bin, verspüre ich den Drang, in den Garten zu gehen. Aber als ich dort bin, fühle ich mich immer noch nicht wohl. Mein Blick schweift in das Gebiet hinter dem Garten ab. Direkt hinter dem Grundstück der Grayheads liegt der Wald. Wie von einer unsichtbaren Macht gezogen, laufen meine Füße in die Richtung. Ich denke an das Heulen und die Größe des Waldes. Er scheint dicht zu sein, es ist dumm und leichtsinnig, was ich vorhabe.
Wenn ich schon meinen Entschluss bezüglich der Grayheads getroffen habe, fährt es mir durch den Kopf, kann ich doch noch viel mehr dumme Sachen machen. Auf eine mehr oder weniger kommt es da auch nicht an. Jetzt laufe ich energischen Schrittes auf den Wald zu. Mein Ziel kommt mir immer näher, bis die großen Baumkronen, die vom Mondlicht silbern schimmern, vor mir aufragen. Der Wald sieht so friedlich aus, wie eine Heimatstätte oder ein Trostspender. Ich zögere nicht und betrete ihn.
Das Mondlicht dringt nicht tief in den Wald ein, die Zweige sind dicht und der Boden ist von vielen Wurzeln, Moosen und Flechten durchzogen. Es berührt mich hier, die Stimmung gefällt mir. Ich habe keine Angst, mich zieht es in den Wald als ob ich dort ein Ziel hätte. Bald bin ich so tief im Wald, dass kein einziger Lichtstrahl mehr den Boden berührt. Dennoch laufe ich immer weiter hinein.
Mit der Zeit fällt die Anspannung von mir ab. Die Ruhe des Waldes ist ansteckend, es sind nur die nachtaktiven Tiere zu hören. Es ist wie ein Zauber, der über ihm und all seinen Bewohnern liegt und der sich nun auch in mir ausbreitet. Meine Schritte werden langsamer, bis ich zum stehen komme. Die Umrisse eines Felsen sind vor mir zu erkennen und ich setzte mich vorsichtig darauf.
Ich schließe meine Augen und höre den Geräuschen um mich herum zu. Das Surren eines Insekts, das Flattern eines Vogels, das Rauschen des Windes. Müdigkeit überkommt mich leise, an diesem friedlichen Ort. Ich weiß nicht, wie spät es ist, aber ich sollte vielleicht umkehren, am Morgen ist schließlich Uni. Ein bisschen Schlaf wäre nicht schlecht und jetzt sollte ich in einem Zustand sein, in dem ich einschlafen könnte.
Also erhebe ich mich mühsam wieder und laufe ein paar Schritte, bis mir auffällt, dass ich absolut keine Ahnung habe, wo ich langlaufen soll. Bis hierher haben mich meine Füße eher von allein getragen, ich weiß aber abgesehen von einer groben Richtung nicht, wo das Anwesen liegt. Einer sehr groben Richtung. Es ist so dunkel, dass ich mich an nichts orientieren kann und selbst wenn es heller wäre, hier sieht alles gleich aus.
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Salvation
ParanormalScarlett macht ein Au-pair Jahr in England, um ein neues, wildes und aufregendes Leben nach der Schule zu entdecken. Doch irgendetwas mit den Grayheads, ihrer Gastfamilie, stimmt nicht. Bevor sie nicht herausfindet, was das ist, weigert sie sich, al...