Kapitel 3/5

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Und jetzt, da ich diese Begierde zulasse, fällt es mir auch nicht schwer, meine Fassung zu bewahren, auch wenn weiterhin mein Herz rast. Ohne den Blick von mir abzuwenden beginnt Raedwulf wieder zu spielen, diesmal eine langsame, berauschende Melodie, in der nur noch eine leichte Spur Melancholie mitschwingt.

„Spielst du auch?", fragt mich Raedwulf mit fester aber dennoch sanfter Stimme. Ich stehe jetzt direkt vor ihm.

„Ja, seit ich neun bin, aber nicht ansatzweise so gut wie du."

Immer noch halten wir den Blickkontakt, er ist überhaupt nicht unangenehm, vielmehr elektrisierend. Raedwulf rutscht auf der Klavierbank zur Seite, ohne, dass man eine Veränderung in der Musik hören könnte.

„Dann zeig mal her", sagt er mit einem Lächeln in der Stimme.

Zögernd nehme ich neben ihm Platz. Sein Arm streift meinen, was einen Schauder in mir auslöst, der meinen Rücken hinabströmt. Raedwulf hört auf zu spielen und weist mich an, ihm meine Fähigkeiten zu zeigen. Normalerweise hasse ich es, vor anderen Leuten zu spielen. Jetzt aber habe ich gar kein Problem damit, obwohl die begabteste Person, der ich je begegnet bin, neben mir sitzt. Ich wähle ebenfalls ein langsameres Lied und beginne es, leidenschaftlich zu spielen. Es ist schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal an einem Klavier saß, doch meine Finger bewegen sich wie von allein.

Ich konzentriere mich auf meine Hände und den Klang, den dieser Flügel von sich gibt. Nach ein paar Takten beginnt Raedwulf, das Lied zu begleiten. Es ist eine komplizierte Melodie, die er anscheinend erst in diesem Moment erfindet. Sie harmoniert perfekt zu meinen Tönen. Während ich mich jetzt umso mehr konzentrieren muss, nicht aus dem Takt zu kommen, spüre ich, wie Raedwulfs Blick weiterhin auf mir ruht. Der Klang des Klaviers verbunden mit der Wärme seines Blickes lassen mein Herz schneller schlagen. Ich kann spüren, wie sich mein ganzer Körper daran auflädt.

Es vergehen Minuten, in denen wir unser Duett spielen. All die Bewegungen, die so gut harmonieren, fühlen sich elektrisierend an. Im Laufe des Stücks werden die Töne immer beschwingter bis hin zu einem euphorischen Ende. Als wir fertig gespielt haben, klingen die letzten Töne im großen Saal nach. Ich nehme diese mit geschlossenen Augen in mich auf. Mein Körper scheint die Schwingungen aufzusaugen.

„Danke", sagt Raedwulf leise.

Ich öffne die Augen und schaue ihn an. Es scheint ein Impuls von seinem Blick auszugehen, der mir bis in die Zehenspitzen fließt.

„Wofür", flüstere ich. Ich will den Nachklang der Melodie nicht mit meiner Stimme durchbrechen. Raedwulfs Stimme scheint es aber eher perfekt zu machen.

„Für dieses Lied mit dir. Es war..."

„Berauschend?", frage ich ihn, ein Lächeln auf den Lippen.

Raedwulf zögert kurz, mein Lächeln erwidernd.

„Das beschreibt es gut."

Das Grün in seinen Augen sieht jetzt flüssig aus, ganz warm und zärtlich. Wir schauen uns einen weiteren Moment tief in die Augen. Ich versuche diesen mit jeder Pore meines Körpers in mich aufzunehmen, so lange es noch geht. Ich bin mir sicher, dass dieser Moment einzigartig ist und, sobald er zerstört ist, ich wieder beschließen werde, diese Gefühle nicht zuzulassen.

„Das wegen vorhin in der Küche –", beginnt Raedwulf, doch ich unterbreche ihn.

„Es ist ja nichts passiert, mach dir keine Sorgen."

Seine Augen füllen sich mit Trauer und er blickt weg, hinaus auf den Mond, der hell scheint. War es diese Trauer, die er vorhin verarbeitet hat? Weshalb ist es so traurig?

„Es ist nur, ich fühle mich Veland gegenüber verantwortlich", flüstert es mit brüchiger Stimme. Es schmerzt mich, ihn so zu sehen. Er hat nichts mit Velands Verhalten zu tun, er kann doch nichts dafür, dass sein Bruder so ignorant ist. Ich will ihm das sagen, doch habe ich Angst, dass er dann nicht mehr weiterreden wird, also schweige ich.

„Er ist mein Bruder. Ich sollte mehr Einfluss auf ihn haben können, ich sollte es schaffen, ihn von seinen dummen Gedanken abzubringen."

Raedwulf schaut sich mit schmerzvoll verzogenem Gesicht zu mir um. Jetzt muss ich einfach etwas sagen.

„Veland ist für sein Verhalten ganz allein verantwortlich. Er ist alt genug, um die Folgen seiner Handlungen tragen zu können."

„Und dennoch kann ich ihn nicht einfach seine Pläne verfolgen lassen", meint Raedwulf mehr zu sich selbst.

Es breitet sich Stille aus. Irgendetwas in seinen Augen verrät mir, dass er mit den „Plänen" etwas mehr meint, als nur eine Bezeichnung für Velands Verhalten.

„Was für Pläne?", frage ich, nun skeptisch.


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