10: Der Freund mit der Lederjacke

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Castor:

„Oh mein Gott, was ist denn mit dir passiert?" Marisa kreischt diese Worte schon fast, als sie über den halben Pausenhof auf mich zurennt und mich in den Arm nimmt.
Fragend sehe ich sie an.
„Deine Aura wirkt viel heller als die letzten Tage. Irgendetwas hat den Knoten deiner Gefühle gelöst"
Ich liebe es, wenn sie dieses Esoterikzeug schwafelt und lege den Arm um sie, als wir zu den anderen schlendern. „Ja, jemand hat mir einen Arschtritt verpasst.", erkläre ich die Verbesserung meines Gemütszustandes.
Als wir bei den anderen ankommen, begrüße ich Elisa wie immer mit einem kurzen Kuss auf die Lippen und umarme Cody, aber nicht zu lange, da mich das nur wieder zu sehr anmachen würde.
„Warst du shoppen?", fragt er mich und mustert Lucas Lederjacke.
Seit er sie mir gestern angezogen hat habe ich sie nur beim Duschen abgelegt. Ich fühle mich wohl darin, sicher, als wäre sie mein Schneckenhaus, in das ich mich verkriechen kann, wenn die Welt mich überfordert.

„Ist von einem Freund", erkläre ich meine neue Jacke.
Cody zieht grinsend die Augenbrauen hoch. „Uh, seit wann nimmst du von deinen Lovern Geschenke an. Ich dachte du willst keine Hure sein"
Empört schlage ich ihm auf den Oberarm, muss aber lachen. „Ich bin nach wie vor keine Hure. Der Freund, der sie mir geschenkt hat, hat das nicht als Bezahlung für Sex getan"

Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung, wieso Lucas mir zugehört und mich aufgemuntert, mir dann auch noch seine Jacke geschenkt hat. Aber ich bin ihm sehr dankbar dafür.

„Heißt das du hast auch Freunde mit denen du nicht schläfst?", fragt Cody mich mehr als verwundert.
Ich sehe ihn mit einem genervten Blick an. „Stell dir vor, Cody, ich bin auch im Stande normale Beziehung zu Menschen zu haben."
Dann beginnt er zu grinsen und sieht mich wissend an.
Aber ich habe keine Ahnung, wieso.

„Du magst ihn", unterstellt er mir.
Das zieht Elisas und Marisas Aufmerksamkeit auf sich. „Was? Ist es endlich passiert? Hat er endlich jemanden gefunden, der es für ihn wert ist, als mehr als nur ein Sexobjekt angesehen zu werden?" Sie sehen aus großen Augen zwischen Cody und mir hin und her.
„Ja, ich mag ihn, aber mit euch bin ich auch befreundet, ich mag euch, aber ich schlafe nicht mit euch", meine ich augenverdrehend.

Ich und Gefühle für Lucas? No way. Dafür kenne ich ihn einfach zu gut und er mich auch.
Wenn ich jemanden kennenlerne, will ich selbst entscheiden, was für eine Person er in mir sieht.
Aber vielleicht ist das genau der springende Punkt. Lucas ist die einzige Person, bei der ich mich nicht verstellen muss, weil ich weiß, er kennt mein wahres Ich und er akzeptiert mich, wie ich bin.

Meine Freunde arten in eine wilde Diskussion aus, in der es darum geht, ob ich im Stande bin, jemanden zu lieben. Cody meint, dass ich diesen Freund noch nicht flachgelegt habe, bedeutet, ich empfinde etwas für ihn, Elisa meint, vielleicht finde ich ihn einfach nicht heiß genug und für Marisa spricht es Bände, dass meine Aura ihr so viel heller vorkommt als die letzten Tage.

Ich bin erleichtert, als Coleen irgendwann zu uns kommt und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Ich wollte nur fragen, ob das Treffen am Freitag noch steht. Danach können wir zu mir, weil meine Eltern über das Wochenende verreist sind"
Wir stimmen alle zu.

Das bedeutet, ich werde in Lucas' Haus sein. Ich weiß nicht, ob er davon so begeistert sein wird. Ich bin schon zufrieden, wenn er mich einfach nicht rauswirft.

Ich lasse meinen Blick über den Schulhof schweifen und erkenne Lucas in mitten der Sportler. Ihm hat es noch nie wirklich gepasst zu ihnen zu gehören, aber dagegen macht er auch nichts.

Als spüre er, dass mein Blick auf ihm liegt, sieht er mich aus diesen hundert Metern Entfernung direkt an.
ER mustert mich, lächelt dann leicht, was automatisch meine Mundwinkel hebt.

Als dann der Schulgong ertönt, reißt er seinen Blick von mir los und geht mit den anderen in das Gebäude, sowie auch ich mit meinen Freunden.
Während den Kursen, die ich zusammen mit ihm habe, beobachte ich ihn genau, wobei mir auffällt, dass er die ganze Zeit dabei ist, seine Schläfen zu massieren und sich nicht wirklich wohlzufühlen scheint.
Als ich ihn nach dem Unterricht aber darauf ansprechen will, ist er schon verschwunden und damit die Möglichkeit, mit ihm zu reden.

Brad dagegen scheint mit mir reden zu wollen, denn als ich gerade mein Auto aufschließe, taucht er plötzlich vor mir auf und hindert mich an einsteigen.
„Was willst du?", frage ich ihn genervt. Reicht es nicht, dass er mich allein durch seinen Blick zurück in meine Depression gedrängt hat?
„Mich entschuldigen. Ich hätte dir vielleicht irgendwie anders sagen sollen, dass ich dich mag. Ich wollte nie, dass das so eskaliert oder dass du dich schlecht fühlst. Es tut mir leid."
Ich lege den Kopf leicht schief und sehe ihn an.
Er scheint wirklich so als würde er es bereuen. Und eigentlich kann er ja gar nichts dafür, dass alles ist wie es ist. Er ist immerhin nicht Seth, der mir eingeredet hat, ich bräuchte ihn und die Drogen, um nicht erbärmlich zu sein. Doch genauso hat es sich letztens angefühlt. Bis ich mit Lucas gesprochen habe und jetzt geht es mir viel besser. Ich weiß, dass ich wirklich kein schlechtes Leben habe. Es gibt viel schlimmere als meines, aber manchmal will ich einfach nicht mehr.

„Ist schon okay, Brad. Es liegt ja nicht an dir. Du bist echt heiß und nett bist du auch, aber ich bin einfach nicht auf der Suche nach derselben Sache wie du. Aber keine Sorge, es gibt viele Jungs, die nur auf so einen wie dich warten" Ich lächele ihn an.
Er ist wirklich toll und so, aber eben nichts für mich.
Er nickt nur verstehend und sieht mich dann schüchtern an. „Wenn du deine Meinung noch änderst, hast du ja meine Nummer." Er lächelt mich an, umarmt mich dann überraschend und auch etwas zu lange, ehe er wieder verschwindet.

Ich sehe ihm hinterher. Ich verstehe einfach nicht, was er an mir sieht. Ich meine, ich weiß ja, dass ich gut aussehe, aber Attraktivität ist nur zum Ficken gut.
Wieso mag er mich denn? Ich meine, alles was er von mir kennt, ist die eingebildete Art, die ich eigentlich selbst nicht einmal leiden kann, doch solange ich anderen nicht zeige, dass ich an mir selbst zweifle, kommen sie auch nicht auf die Idee es zu tun.

Liebe ist auch nur eine Sucht (boyxboy)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt