Kapitel 5

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Mit quietschenden Reifen erreiche ich den Parkplatz und schaffe es gerade noch rechtzeitig um 12 Uhr da zu sein. Die Stoßzeiten waren zum Glück schon, weshalb der Verkehr flüssig lief. Sonst hätte ich es vermutlich nicht pünktlich geschafft.
Hektisch stoppe ich den Motor, ziehe die Handbremse an und reiße die Wagentür auf.
Die Boutique befindet sich in einer kleinen Gasse, weshalb ich den Parkplatz verlassen und um die Ecke gehen muss.
Ich flitze um die Kurve und dahinter erstreckt sich eine schmale Meile mit weiteren kleinen Läden, welche Schmuck oder sogar Schreibwaren anbieten. Amys Boutique ist das dritte Geschäft von links.
Schnaufend erreiche ich den Eingangsbereich und bin allein schon davon hin und weg.
Während die Hauswand in einem neutralen weiß gehalten ist, stechen die Fensterläden durch das wunderschöne babyblau stark hervor. Auf den sauberen Scheiben steht in unschwer erkennbarer Druckschrift Neueröffnung.
Über der Ladentür baumelt ein kleines Schild mit den Worten Très Chic - der Name der Boutique.
Durch die Tür kann ich erkennen, dass Amy bereits da ist und mich entdeckt hat. Mit sicheren Schritten und erhobenen Blick stolziert sie auf mich zu und öffnet die Tür, welche ein leises Bimmeln von sich gibt, stammend von einer Glocke, die über der Tür schaukelt.
"Und?", fragt sie aufgeregt, "Wie findest du's? Du kannst gerne eintreten."
Ich schaffe es nicht einmal ein Wort zu sagen und schon zerrt sie mich in ihre Boutique, wodurch mir beinahe die Kinnlade runterfällt.
Es ist unbeschreiblich, was Amy in so kurzer Zeit geschafft hat, sodass ich keine Worte finde.
"Ich weiß, du musst nichts sagen. Schweigen kann auch was Gutes heißen. Schau dich ruhig ein bisschen um." Amy schreitet stolz in ihr Büro und ich erwache allmählich aus meiner Schockstarre.
Ich nehme mir vor, jede einzelne Ecke des Geschäftes zu betrachten und entdecke immer wieder neue verspielte Dekorationen.
Es ist einfach perfekt geworden und ich hätte es nicht besser machen können.
Einige Klamotten hängen sortiert an den silbernen Kleiderständern mitten im Raum und andere liegen ordentlich gefaltet auf den weiß gestrichenen Regalen. Die Regale bilden dabei eine klare Linie und führen wie ein Labyrinth durch das Geschäft.
Als ich auf die Wände blicke, ist keine leere Fläche mehr zu erkennen, da an jeder erdenklich freien Stelle ein Blechschild hängt. Es hängen sogar einige meiner Blechschilder dort, welche ich Amy zum Geburtstag geschenkt hatte.
Die frontale mit grauen Steinen verputzte Kasse ist mit einer Blümchenlichterkette umschlungen und hinterlässt ein angenehmes Licht.
Ich muss lächeln, weil alles genauso geworden ist, wie es Amy mir noch vor einem Monat erzählte und zudem versuchte ihre Ideen auf Papier zu bringen.
Zu dieser Zeit konnte ich mir bei weitem nicht ein konkretes Endergebnis vor Augen führen.
Aber Amy schon. Sie hatte Hunderte von Visionen in ihrem Kopf und ließ ihrer Kreativität freien Lauf, wodurch ein wahres Meisterwerk entstanden ist. Ihre Kreativität ist bemerkenswert, ebenso wie ihre Zielstrebigkeit, den Umbau durchzuziehen. Denn Amy hat lange für die Zulassung gebraucht. Bis zu dem heutigen Tag bedurfte es an viel Schweiß, Nerven, Papierkram und auch Geld. Aber letzteres stellt in unserer Familie kein großes Problem dar. Mom und Dad haben in das Ganze viel investiert.
Doch diese Investition und die harte Arbeit haben sich gelohnt.

Nach der ausgiebigen Besichtigung begebe ich mich hinter die Kasse und stelle mich in den Türrahmen zu Amys Büro. Verlegen fahre ich mit meinen Fingerkuppen an der Türdichtung entlang. "Amy, ich ziehe wirklich meinen Hut vor dir. Was du aus dieser ehemaligen Bruchbude gezaubert hast ist einfach nur Wahnsinn."
Amy sortiert konzentriert ihren riesigen Haufen an Unterlagen und bringt nur ein schnelles Danke von ihren Lippen, gefolgt von einem Lächeln.
Trotzdem bin ich neugierig, wie es nun weiter gehen wird und hake nach.
"Hast du eigentlich schon Angestellte?", frage ich sie nebenbei und zucke die Stirn.
"Ja! Du wirst es mir nicht glauben, aber tatsächlich hat sich Cassy dafür angeboten, bei mir zu arbeiten."
Amy wirft mir einen kurzen, strahlenden Blick zu und widmet sich dannn wieder ihrer Arbeit.
"Ernsthaft? Das ist toll!", entgegne ich und schlendere zum linken Canapé aus weichem, giftgrünen Samtstoff und lasse mich nieder.
Hinter mir strahlt die Sonne durch das Fenster auf meinen Nacken und wärmt ihn.
Ich schließe die Augen und atme tief durch die Nase ein.
"Ach übrigens.", Amy reißt mich in Windeseile aus meiner Erschöpfung und ich atme unkontrolliert aus dem Mund wieder aus. "Heute trifft noch die letzte Lieferung ein und es wäre total lieb von dir, wenn du sie entgegennehmen würdest.", fährt sie fort und schaut mich mit ihrem typischen Hundeblick an, wodurch ihre giftgrünen Augen niedlich und bedrohlich zugleich wirken.
Dieser Blick zieht bei ihr immer, da man nichts anderes als Ja sagen kann und er zudem bei unseren Eltern immer funktionierte. Also warum nicht auch bei der kleinen Schwester?
Ich fahre mir mit dem linken Zeigefinger über meine Augenbraue und willige ein: "Na klar kann ich diesen Gefallen für dich tun. Du hast schon genug Arbeit zu erledigen." Ich deute auf den hohen Papierturm.
Amy strahlt aus allen Ecken: "Du bist ein Schatz! Ich danke dir. Der Laster müsste um fünf Uhr eintreffen. Das heißt du hast noch ...", sie wirft einen Blick auf ihre teure Armbanduhr, "... zu viel Zeit." Sie knirscht unsicher mit den Zähnen.
Auch ich werfe nun einen Blick auf meine Smartwatch und- Oh. Wir haben erst kurz nach eins. Das heißt ich habe mich knapp eine Stunde in der Boutique umgesehen. Bis 17 Uhr sind es noch runde vier Stunden. Ich verziehe das Gesicht: "Muss das sein?"
"Sorry, aber ich muss hier echt noch einiges erledigen und käme nicht dazu die Lieferung anzunehmen." Wieder dieser verdammte Hundeblick.
Ich gebe mich schließlich geschlagen: "Na gut. Äh, irgenwie bekomme ich die Zeit schon rum." Dabei versuche ich so verständnisvoll wie möglich zu klingen. Ich möchte nicht wie die kleine Schwester wirken, die keinerlei Gefälligkeit zeigt.
Somit verlasse ich ohne weitere Widerworte Amys Büro und schließe die Tür hinter mir.
Vier Stunden warten schaffe ich schon. Irgendwie.
In der Zwischenzeit kontrolliere ich einfach, ob alle Klamotten an Ort und Stelle sind.
Ich beginne somit einige der Oberteile neu zu falten. Als erstes breite ich die Rückseite des Oberteils vor mir aus und klappe dann die Ärmel zur symmetrisch ein. Anschließend greife ich den Kragen und falte ihn so nach hinten, sodass er den Saum perfekt berührt. Danach lege ich das Kleidungsstück wieder zurück auf den zugehörigen Stapel und grinse.
Auch wenn ich sehr chaotisch bin, im Falten bin ich eine wahre Meisterin. Diese Technik wende ich an den restlichen Oberteilen an.
Erneut werfe ich einen Blick auf die Uhr. Drei Stunden noch.
Ich steuere die Kasse an und lasse mich auf den Sessel nieder.
Rasch zücke ich mein Handy und starte Netflix. Du bist jetzt meine einzige Hoffnung für einen guten Zeitvertreib. Ich starte Pretty Little Liars und versinke in der Welt, wodurch ich die Zeit vergesse.

"Chloe? Der Laster ist da!", höre ich Amy aus ihrem Büro rufen.
"Oh, ich gehe sofort los!"
Ich blicke auf die Uhr meines Handys und bemerke, dass wir tatsächlich schon fünf Uhr haben. Wie schnell die Zeit vergehen kann, wenn man sie sich mit spaßigen Dingen vertreibt. Und wie schnell man sie ebenso vergessen kann. Danke Netflix. Sowohl im netten als auch im verärgerten Sinne.
Eine laue Sommerluft kommt mir entgegen, als ich die Tür öffne.
Mit schnellen Schritten begebe ich mich zum Parkplatz, wo mich grelle Scheinwerfer begrüßen und den Weg erhellen. Ich schirme das Licht mit der Hand ab und erreiche nach den letzten Schritten den Transporter.
Doch als ich durch das Fenster der Fahrerseite blicke, erstarre ich.
Ich bin immer noch ungläubig, als die Person die Fahrertür öffnet und mit einem kleinen Sprung den Sitz verlässt.
"Äh ... Kyle?!", frage ich voller Verwirrung und mit zittriger Stimme.
Nun schaut er auf und wirkt ebenso geschockt wie ich. Ich schätze mal, dass er genauso wenig erwartet hat mich hier anzutreffen.
Wir stehen wie angewurzelt und starren uns nur verwundert an.
Zwei ganze Wochen habe ich auf eine weitere Begegnung mit ihm gewartet, aber wünsche mir jetzt doch, dass sie nie stattfinden würde.

Zwei ganze Wochen habe ich auf eine weitere Begegnung mit ihm gewartet, aber wünsche mir jetzt doch, dass sie nie stattfinden würde

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Right or Wrong? (WIRD ÜBERARBEITET)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt