Kapitel 2

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Ich war noch nie in meinem Leben in einer richtigen Beziehung, weder noch total verknallt.
Was vermutlich einfach daran liegt, dass ich nur mein Haus verlasse, um zur Uni zu gehen oder Einkäufe zu erledigen. Oder es liegt eventuell auch daran, dass meine Eltern kein allzu gutes Vorbild waren, was eine gesunde und richtige Beziehung angeht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihre Ehe nur zum Zweck diene und dies auch der Grund für ihre Heirat war. Ich wild damit nicht sagen, dass sie sich hassen. Es gab durchaus auch Momente, in denen meine Eltern sich ihre Liebe gegenseitig zeigten; dies aber auch nur auf der materiellen Ebene. Hinzu kommt deren stressiger Alltag, wodurch Mom und Dad mehr Zeit in die Arbeit als in ihre Liebe investieren. Geld spielte bei uns schon immer eine große Rolle und ich verabscheue dieses Mantra, welches meine Eltern verzweifelt versuchen aufrechtzuerhalten. "Du musst später einen Beruf haben, der dir viel Geld bringt.", war die Standardklausel. Aber was ist mit der Erfüllung an sich? Dem Spaß? Geld allein ist doch nicht das Wichtigste. Zumindest versuche ich mir das selbst einzureden. Wenn man selbst in einer Familie aufwächst, die solchen Regeln befolgt und in welcher man diese als Kind stetig eingetrichtert bekommt, ist es schwer sich ein eigenes Bild über die Zukunft zu machen.
Um aber zum eigentlich Thema zurückzukommen: Ich beschwere mich über mein Singleleben natürlich nicht; trotz dessen wünsche ich mir oft eine Person an der Seite zu haben, die mir Sicherheit gibt und zu welcher ich mich flüchten kann, wann immer es mir schlecht geht.
Vielleicht werde ich diese Gefühle in näherer Zukunft erleben, da ich inzwischen mit dem süßen Barkeeper ein langes und intensives Gespräch führe. Wir sprechen über Gott und die Welt.
Er erzählt mir eine Menge über sich und ich ihm auch so viel über mich, wodurch ich gar keinen richtigen Überblick mehr habe.
Auf jeden Fall heißt er Kyle und allein dieser Name klingt so unglaublich sexy, sodass mir schon beim Aussprechen die Schweißperlen meine Stirn herunterlaufen.
Er erzählte mir, dass er eine Ausbildung als Fachkraft für Postdienstleistungen abgeschlossen hätte und diesen Beruf mit Leidenschaft ausübe.
Mann, wie kann ein Beruf eine Person noch heißer machen, als sie es eigentlich schon ist?
Dennoch frage ich mich, was er dann als Barkeeper bei Cassy und Noah zu suchen hat?
"Was hast du eigentlich hier verloren? Ich meine als Lieferant hinter der Bar zu stehen, um Cocktails zu mixen sieht man auch nicht alle Tage.", frage ich voller Neugier.
"Ich bin zusammen mit Noah auf dieselbe Schule gegangen. Daher kennen wir uns ziemlich gut. Nach meiner Schulzeit, also bevor ich Lieferant wurde, habe ich eine Ausbildung als Barkeeper gemacht und seitdem mische ich auf jeder Party von Noah und Cassy Cocktails. Aber ich bin auch anderweitig tätig. Ich werde oft für Partys gebucht, um dort die Stimmung mit meinen Cocktails zu heben." Ich meine ein leichtes Zwinkern von ihm zu vernehmen.
"Wow, echt beeindruckend. Kein Wunder, warum mein Cocktail so gut schmeckt. Er wurde ja auch von dir zubereitet."
Chloe, was sollte das denn jetzt? Ein Flirtversuch? Komm schon, das kannst du doch besser!
Zum Glück nimmt Kyle es mit Humor und lacht mit seinen strahlend weißen Zähnen. Dadurch bilden sich kleine Grübchen an seinen Wangen und mein Herz flattert noch mehr als zuvor.
Kann dieser Tag bitte nie enden? Oder eher gesagt dieses Gespräch.
Ich könnte noch Stunden mit ihm quatschen, weil ich noch so viel über ihn erfahren möchte. Ich möchte wissen, was er sonst noch macht, außer Pakete zu liefern und Cocktails zu mixen. Liest er gerne? Studiert er? Wenn ja, was? Hat er Geschwister?Meine Neugierde bringt mich noch um.

Für einen kurzen Moment drehe ich mich um und lasse meinen Blick über die Tanzfläche schweifen. Die Menschen sehen alle so glücklich aus, wie sie tanzen - alleine, mit Partner oder sogar mit Freunden. Obwohl es total stickig hier drin ist, scheint es die Gäste nicht zu kümmern. Sie bewegen sich zum Rhythmus der Musik und lassen sich voll und ganz von ihr mitreißen. Ein Songwechsel tritt ein und aus den großen Boxen ertönt Single Ladies von Beyoncé, was einige Frauen vor Freude aufkreischen lässt.
Mein Blick schweift weiter und plötzlich entdecke ich meine Schwester. Sie schaut verwirrt in die Menschenmenge, woraus ich schließe, dass sie vermutlich nach mir sucht.
Kyle bemerkte, dass etwas nicht stimmt, da ich ihm vermutlich schon sehr lange den Rücken gekehrt habe. Mein Fehler.
"Hey, ist alles in Ordnung? Nerve ich dich?", fragt er mit leicht verwunderter Stimme.
"Nein, es ... ist alles in bester Ordnung. Entschuldigst du mich bitte kurz." Ich gucke ihn dabei kurz an, stoße mich vom Hocker ab und hechte in das nächst gelegene Badezimmer, um dem eventuellen Szenario in meinen Visionen, zu entfliehen. Dabei habe ich mich nicht einmal umgedreht, um Kyles Blick zu erhaschen. Vermutlich starrt er mir verwirrt hinterher und versucht zu verstehen, warum er eine Dame verscheucht hat. Oh Mann, dabei ist es nicht er, der mich weggejagt hat, sondern meine Schwester. Ich möchte auf gar keinen Fall, dass Amy mich sieht und aus diesem wundervollen Moment einfach so rausreißt. Vermutlich würde sie das sofort herumprahlen, dass ihre 23-Jährige Schwester endlich ein ernsthaftes Gespräch mit einem netten, jungen Mann geführt hat, welcher auch noch verdammt gut aussieht. Das wird auf keinen Fall passieren!

Als ich endlich das Badezimmer erreiche, schließe ich die Tür hinter mir und setze mich auf den eiskalten, mit Fliesen ausgelegten Boden, um erst einmal alles zu verdauen.
Ich habe einen äußerst attraktiven Mann kennengelernt und bin immer noch von der gesamten Situation überwältigt. Ich habe mich tatsächlich noch nie in meinem ganzen Leben so intensiv mit einem Mann unterhalten, sodass ich schon bei der ersten Unterhaltung so viel über ihn weiß. Na ja, ich habe vielleicht noch nie ein Gespräch mit einem attraktiven Mann geführt. Mit Männern im Allgemeinen schon. Aber keinen, den ich auf Anhieb anziehend finde. Wie kann es sein, dass sich nur durch ein normales Gespräch, gewisse Gefühle in einem ausbreiten. Neugier, Freude, Geborgenheit, ... all diese positiven Aspekte.
Wenn ich schon früher gewusst hätte, dass es sich so gut anfühlen kann, sich mit einem heißen Typen wie Kyle zu unterhalten, dann hätte ich schon längst meine heimelige Komfortzone verlassen.

Einige Minuten vergehen, in denen ich total vergesse, dass ich mich bei Cassy befinde und Kyle höchstwahrscheinlich ungeduldig auf mich wartet. Die Realität trifft mich wie ein Schlag und die Blase platzt, in der ich mich zuvor befand. Heilige Scheiße! Ich habe mich wirklich mit einem gutaussehenden Kerl unterhalten und sogar mit ihm geflirtet! Ich wusste nicht einmal, dass ich zu sowas in der Lage bin. Ich und flirten? Das war für mich immer wie Öl und Wasser - es passte einfach nicht. Lag es am Alkohol? 
Ich seufze laut und ziehe mich mit einem Ruck am lauwarmen Handtuchheizkörper hoch und stelle mich vor den Spiegel, welcher mit Kerzen ausgeleuchtet ist, um abzuchecken, ob alles noch sitzt. ich bemerke, dass mein roter Lippenstift einen grässlichen Rand gebildet hat. Ich verziehe das Gesicht und kann nur daran denken, dass Kyle vermutlich die ganze Zeit auf diesen roten Lippenstiftrand starren musste. Peinlichkeitslevel erreicht.
Ich öffne den Knopf meiner Clutch und krame nach meinem Lippenstift. Mit einem Ploppen öffnet er sich. Vorsichtig drehe ich ihn hoch und ziehe sanft meine Lippen nach, drehe ihn wieder bis unten zu und werfe ihn zurück in meine kleine Tasche. Anschließend wuschle ich mir schnell durch meine Locken und verwende meine Finger als Kamm. Jetzt sitzt wieder alles.
Ich starre mich für einen kurzen Moment im Spiegel an und presse die Lippen aufeinander. "Was machst du eigentlich hier?", murmle ich seufzend zu mir selbst und begebe mich zur Tür. Zitternd umfasse ich den kalten Türknauf und drehe langsam den Schlüssel um. Vorsichtig öffne ich die Tür einen Spalt weit und stecke meinen Kopf heraus. Ich scanne die Umgebung genau; keine Amy in Sicht, somit grünes Licht. Langsam trete ich aus der Tür und mache mich wieder auf den Weg zur Bar, zurück zu Kyle. Doch schon aus der Ferne kann ich ihn nicht sehen. Er ist plötzlich nicht mehr auffindbar.
Warte, er steht nicht mehr hinter der Bar?
Er ist weg?! Er ist ernsthaft weg? Nein, das kann nicht sein!
Er haut doch nicht einfach so ab, ohne sich von mir zu verabschieden oder ohne dass wir unsere Nummern ausgetauscht haben. Oder doch? Nach meiner uneleganten Flucht, vor Amy wohlgemerkt, hatte er vermutlich die Schnauze voll und ist kurzerhand selbst abgehauen. 
Jetzt fühlt es sich so an, als würden die Schmetterlinge in meinem Bauch zu Würmern mutieren und alles in mir auffressen. Ich fühle mich zum Narren gehalten. Habe ich mich vielleicht in ihm getäuscht? War es für ihn doch nur eine Flirterei und ich habe in die ganze Situation zu viel hineininterpretiert? Oder ist er eventuell auch kurz auf die Toilette gegangen?
Es schwirren zu viele Gedanken in meinem Kopf, wodurch ich nicht mehr klar denken kann.
Ich dränge mich weiter Richtung Bar. Mein Platz ist noch frei, weshalb ich mich erneut setze.
"Noch ein Mojito?", fragt mich derselbe Barkeeper, der mir meinen ersten zubereitet hat.
"Ich bitte drum.",  entgegne ich hinter zusammengebissenen Zähnen und warte. Auf was? 
Dass ich mich in Kyle vielleicht doch nicht täusche.

 Auf was? Dass ich mich in Kyle vielleicht doch nicht täusche

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Right or Wrong? (WIRD ÜBERARBEITET)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt