Kapitel 3 - Die alte, vertrocknete Schrabnelle

1.2K 39 3
                                        

Um 6 Uhr morgens riss mich mein Wecker erbarmungslos aus dem Tiefschlaf. Ich musste zwar erst um 8 Uhr aus dem Haus, da ich maximal 20 Minuten zu fahren hatte, aber ich wollte vorher ausgiebig duschen, ich wusste noch so gar nicht, was ich anziehen sollte und eine Kleinigkeit frühstücken wollte ich auch noch.

Ich stand gerade unter der Dusche, als ich ein Geräusch vernahm und kurz darauf die Tür zur Duschkabine aufgerissen wurde. Vor mir stand Scarlett, die mich für einen Bruchteil von Sekunden von oben bis unten musterte, wie ich da so vor ihr stand, wie Gott mich schuf.
Leicht verdutzt schaute ich sie an. Peinlich war es mir nicht. Schließlich gab es nichts, was sie nicht schon von mir gesehen hatte.
„Ich muss jetzt los, aber ich wollte dir noch ganz viel Glück für heute wünschen."
Sie grinste mich an, schloss die Tür wieder und war auch schon verschwunden.
Ich musste schmunzeln. Das war mal wieder typisch Scarlett.

Ich duschte in aller Ruhe zu Ende und im Kopf unternahm ich bereits eine Tour durch meinen Kleiderschrank, um gleich nicht ganz so verloren davorzustehen. Stand ich dann aber doch.
Letztendlich entschied ich mich für eine schwarze, eng anliegende, Stone Washed Jeans, ein schwarzes Hemd, was ich vorne leicht in die Hose, welche von einem schwarzen Ledergürtel mit einer auffallenden, silbernen Schnalle gehalten wurde, hinein steckte. Die Ärmel krempelte ich ganz leger ein Stück nach oben und die ersten drei Knöpfe des Hemdes ließ ich oben offen.
Ich zog lässige, aber doch elegante Boots an, in die ich die Jeans leicht hineinsteckte. Die Haare wieder zu einem Zopf gebunden, aus dem vorne eine Strähne locker hinausfiel und den linken Arm mit meiner Lieblingsuhr, einem goldenen Michael Kors Chronografen, geschmückt. Dazu noch ein schwarzes Kreuz, was ich an einem Lederband um den Hals trug, kleine, schwarze Creolen in den Ohren und mein schwarzer Ring, der niemals fehlen durfte. Keine Ahnung, warum, aber ohne den ging ich, bei wichtigen Anlässen, niemals aus dem Haus. Jetzt nur noch die Augen dezent dunkel schminken und schon war das Werk vollbracht. Make-Up brauchte ich nicht. Ich hatte eine so reine Haut, dass ich nichts abdecken musste und mein Teint hatte eine leichte, sympathische Bräune. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Ich war zufrieden mit dem Bild, was ich da im Spiegel vor mir sah.
Meine Uhr sagte mir, dass es erst 7:30 Uhr war und ich nun noch eine halbe Stunde für mein Müsli hatte. Ich setzte mich damit in den Garten und als ich es auf hatte, zündete ich mir ausnahmsweise auch noch eine Zigarette an. Um diese Uhrzeit machte ich das normalerweise nicht, doch ich konnte es nicht leugnen, dass ich nun doch ganz schön nervös war und die brauchte ich nun einfach, um meine Nerven ein wenig zu beruhigen.

Um kurz vor 8 Uhr machte ich mich auf den Weg zu meiner Maschine und fuhr um Punkt 8 Uhr aus unserer Einfahrt.

Das L.A. STYLE bestand aus einem freistehenden, 4-stöckigen Bürokomplex, vor dem ich mein Motorrad zum Stehen brachte. Das Gebäude war äußerlich sehr modern und gepflegt. Drum herum standen Palmen, vor dem Eingangsbereich befand sich ein verspielter Springbrunnen mit einigen Bänken davor, ich konnte einen großen Parkplatz für die Angestellten sehen, die Einfahrt zu einem Parkhaus und den Besucherparkplatz, auf dem ich nun stand.
Ich setzte den Helm ab, schaute noch einmal, ob die Frisur noch saß und nachdem ich alles für gut befunden hatte, betrat ich um 8:25 Uhr das Gebäude.
Drinnen setzte sich der moderne Stil fort und ich steuerte direkt auf den Empfangstresen zu, an dem eine freundlich lächelnde, blonde junge Frau saß.
„Guten Morgen, ich bin Jamie Skyler und Rick erwartet mich."
„Ah, Miss Skyer, herzlich willkommen. Ja, ich weiß schon Bescheid. Folgen Sie mir bitte."
Ich folgte der jungen Frau also Richtung Aufzug, mit dem wir in die erste Etage fuhren.
Dort gab es mehrere, größere Büroräume, die mit Glaswänden voneinander abgegrenzt waren.
Wir steuerten auf einen Raum zu, dessen Einblick mir durch die hier vorhandenen Milchglaswände verwehrt wurde. Die Frau klopfte an und nach einem kurzen Herein öffnete sie mir die Tür und wies mich an, einzutreten. Nachdem sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, kam Rick schon auf mich zu und hielt mir zur Begrüßung die Hand hin.
„Jamie, pünktlich wie die Feuerwehr. Schön, dass du da bist."
Es war tatsächlich Punkt 8:30 Uhr. Ich liebte es, pünktlich zu sein.
„Hi Rick. Danke, ich freue mich auch, dass es geklappt hat."
Wir standen in einem Konferenzraum, mit einem großen Tisch in der Mitte und einem riesigen Flat-TV an der Wand. Der Platz gegenüber der Wand mit dem Fernseher, also vor Kopf, war mit einem Chefsessel ausgestattet, die anderen Plätze mit gewöhnlicheren, aber auch hochwertigen Bürostühlen.
Ich ging also davon aus, dass dieses dann wohl auch der Platz der Chefin war. Rick setzte sich links davon hin und bedeutete mir, mich links neben ihn zu setzen, so dass wir die Eingangstür im Rücken hatten.
„So, dann erkläre ich dir noch schnell was zum Ablauf gleich. Wie schon am Telefon erwähnt, haben wir um 9 Uhr ein kurzes Meeting, in dem ich dich den anderen vorstelle und auch die anderen werden kurz etwas dazu sagen, wer sie sind und welche Funktion sie hier haben. Vielleicht wird Miss Luthor auch noch das eine oder andere Wort an dich richten, das weiß man bei ihr allerdings nie. Es kommt immer ganz darauf an, wie sie drauf ist. Generell herrscht hier ein sehr gutes Arbeitsklima und du wirst dich bestimmt direkt mit jedem gut verstehen. Das Einzige, was ich dir von Anfang an mit auf den Weg geben muss ist, dass du dich niemals direkt an die Chefin wenden solltest. Ich kümmere mich um alle Angelegenheiten und werde sie dann, bei Bedarf, an sie weiterleiten. Wenn sie dich von sich aus anspricht, solltest du ihr natürlich antworten. Aber vermeide es einfach, sie von dir aus anzusprechen."
Rick lächelte ein wenig verlegen und ich muss wohl ziemlich verständnislos geschaut haben.
„Ja, ich weiß, das hört sich erst einmal etwas schräg an, aber da gewöhnt man sich sehr schnell dran. Sie ist halt ein wenig speziell. Sie ist eben eine knallharte Geschäftsfrau. Aber das muss sie auch sein. Sonst hätte das Magazin heute nicht den Stellenwert, den es nun einmal hat. So, nun mach dich mal etwas locker. Dir reißt hier gleich niemand den Kopf ab."
Im Stillen malte ich mir schon aus, was diese Miss Luthor wohl für eine alte, vertrocknete Schrabnelle sein würde. Auf jeden Fall schien sie nicht verheiratet zu sein, da sie ja eine Miss war.
Ich wollte Rick noch etwas erwidern, aber da trudelten schon die ersten meiner zukünftigen Kollegen ein, gaben mir freundlich die Hand und begrüßten mich.

Genau 2 Minuten vor 9 verstummten dann alle, zupften hier und da noch an ihrer Kleidung oder richteten sich noch eine Haarsträhne, die nicht ganz akkurat zu liegen schien. Das war schon fast ein wenig gruselig. Aber ich hatte keine Zeit, mir großartig den Kopf darüber zu zerbrechen, denn um Punkt 9 Uhr flog die Tür förmlich auf, bevor sie dann auch direkt wieder laut ins Schloss zurück fiel.
Mir blieb fast das Herz stehen, als mit einem klatschenden Geräusch die Mappe mit meinen Arbeiten vor mir auf dem Tisch landete. Vorsichtig drehte ich meinen Kopf nach rechts und konnte nun auch sehen, wer für diesen Auftritt verantwortlich war. Ich musste mich wirklich beherrschen, dass mir nicht die Kinnlade herunterklappte, denn die alte, vertrocknete Schrabnelle war die wohl heißeste Frau, die mir jemals unter die Augen gekommen ist.
Sie hatte schwarzbraune, leicht gewellte, lange Haare, musste so um die 1,80m groß sein, trug eine weiße, figurbetonende Bluse, welche in einem noch figurbetonenderen, schwarzen Rock steckte, der ihr knapp bis unter die Knie ging. Dazu trug sie rote High Heels, mit denen ich keinen Millimeter hätte laufen können. Ihre Figur war die einer Göttin, was man durch die enge Kleidung leider viel zu gut sehen konnte.
Kurz, bevor sie sich setzte, starrte ich aus Versehen auf ihr viel zu perfektes Hinterteil. Als sie sich jedoch setzte und nun in meine Richtung schaute, verschlug es mir förmlich den Atem. Sie hatte, passend zu ihren roten Schuhen, einen ebenso roten Lippenstift aufgetragen, der einen grandiosen Kontrast zu ihren Haaren abgab. Viel umwerfender waren aber ihre stechenden, eisblauen Augen, die mich nun kalt taxierten.
Ich musste mich selber ermahnen, nicht weiter zu starren, denn das hatte ich wohl gerade getan. Für einen kurzen Moment sah ich ein Aufblitzen in ihren Augen, dann jedoch erschlug mich fast ihre zwar wunderschöne, aber eiskalte Stimme.
„Ganz gute Arbeiten, Miss Skyler. Um hier langfristig Erfolg zu haben, sollten Sie nicht einmal von diesem Niveau abweichen. Sonst kann es schneller vorbei sein, als gedacht. Aber ich gehe davon aus, dass Sie das hinbekommen werden. Das ist doch so, Miss Skyler?"
Als sie meinen Namen nannte, hob sie leicht provokant eine Augenbraue. Wenn Rick mir, unter dem Tisch, nicht leicht vors Bein getreten hätte, hätte ich sie wohl einfach nur weiter angestarrt. So aber versuchte ich meine Stimme wiederzufinden und gab ein für meine Verhältnisse eher krächzendes „selbstverständlich, Miss Luthor!" zur Antwort.
Erneut sah ich ein kurzes Aufblitzen in ihren Augen, bevor sie sich von mir abwandte und das Wort an Rick richtete.
„Rick, fahren sie fort!"
Dieser tat, wie ihm geheißen, begrüßte mich nun offiziell und hieß mich im Unternehmen willkommen. Zunächst erläuterte er, welche Position ich demnächst haben würde, stellte dann nach der Reihe jeden einzelnen vor, der dann selber noch etwas von sich erzählte und mir erklärte, welche Position er in diesem Betrieb bekleidete.
Ich versuchte mich, so gut es eben ging, auf Ricks Ausführungen und die meiner Kollegen zu konzentrieren, jedoch hatte ich einige Male das Gefühl, dass Miss Luthors Blicke auf mir ruhten, was mir jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Einmal traute ich mich, zu ihr zu sehen und tatsächlich, sie schaute mir direkt in die Augen. Allerdings mit einem Blick, dem ich nicht eine Sekunde länger hätte standhalten können und darum wandte ich mich direkt wieder ab und versuchte mich auf Ricks Worte zu konzentrieren.

Love Changes EverythingWo Geschichten leben. Entdecke jetzt