11. Etwas rührt sich...

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Er stand da, mitten im Zimmer. Schwarz gekleidet, der Mantel mit funkelnden Regentropfen benetzt, düster dreinblickend wie ein Racheengel auf dunkler Mission.

Der Mann aus dem Wald. Dionysos.

Garretts Herzschlag, der vor Schreck einen Moment holperte, beruhigte sich wieder und besorgt lauschte er nun in den Flur, ob seine Mutter wohl auf seinen Schrei reagierte.

»Sie hat eine Schlaftablette genommen. Zusammen mit einer halben Flasche Schnaps. Die weckt so schnell nichts mehr.«, brummte der Vampir und ließ sich in Garretts Sessel nieder. 

»Wie kommst du hier rein?«, flüsterte Garrett dennoch instinktiv und fühlte die Anspannung am ganzen Leib. Die Präsenz des Mannes war überwältigend. Sein eigentlich großes Zimmer erschien ihm plötzlich winzig und der markante Duft nach Wald, frischer Luft und Vampir war deutlich wahrzunehmen. Garrett atmete tief ein, denn es roch gut.

»Du solltest dein Fenster verriegeln, wenn du das Zimmer verlässt.«, schmunzelte Dionysos und Garrett zog die Brauen hoch.

»Wer, außer dir, steigt in ein Fenster im ersten Stock ein?« Er lachte leicht, merkte aber, dass der Vampir nicht miteinstieg. Also hockte er sich auf die Bettkante und wartete, dass er mit der Sprache rausrückte, warum er hier eingebrochen war. Doch Dionysos sagte nichts. Er starrte auf Garretts blauen Teppich, die Stirn umwölkt, die Brauen verkniffen, den Daumennagel zwischen den ebenmäßigen Zähnen.

Alles an ihm drückte Sorge aus. Und Missmut. Schließlich, nach mehreren Minuten Stille, atmete Garrett tief durch.

»Hör mal, wenn du sauer bist, dass ich schon wieder nicht auf dich gehört habe... was soll ich meiner Mum sagen, warum ich die Stadt verlasse? Mitten im Schuljahr?«, brach er die Stille und zog die dunklen Augen des Vampirs auf sich.

»Vergiss es. Dafür ist es eh zu spät.«

»Wie meinst du das?«

»Es hat bereits begonnen. Und es ist schlimmer, als ich befürchtet habe.« Dionysos stand auf und lief auf und ab, bis Garrett nervös wurde. Er ergriff die kalte Hand des Vampirs und zwang ihn, sich wieder zu setzen.

»Was hat begonnen? Jetzt sag schon! Warum bist du hier?«

Dionysos hielt dem Blick des Jungen nicht stand und als er seine Augen abwandte, glaubte Garrett, Schuld in ihnen zu sehen.

»Was hast du getan?«, flüsterte er und fürchtete zugleich die Antwort.

»Chester Bayfield...«, murmelte der Vampir leise und entzog Garrett seine Hand, die er noch immer umschlossen hatte. Der Junge machte einen Schritt zurück, einen entsetzten Gesichtsausdruck im Gesicht.

»Du hast...?!«

»Nein!!«, rief Dionysos und erhob sich erneut. »Doch es ist meine Schuld. Ebenso hätte ich es selbst tun können.« Seine Augen hatten einen flehenden Ausdruck angenommen, als wollte dieser Vampir um jeden Preis vermeiden, dass Garrett schlecht von ihm dachte. Dieser entspannte sich etwas.

»Also... war das... ein Vampir? Und er ist deinetwegen hier?«

Dionysos seufzte. »Die Sache ist leider etwas komplizierter.«

Dann erzählte er dem Jungen von der Schande, die er auf sich geladen hatte. Dass er eine ganze Stadt ins Verderben gestoßen hatte und dass der alte Chester nur der Anfang des Grauens war.

Garrett war während der Erzählung blass geworden, blasser als ohnehin schon und ein Blitzen in seinen Augen sprach Bände von der Angst, die ihn ergriffen hatte.

»Es tut mir leid.«, hörte er den Vampir sagen und tatsächlich stand ihm die Reue ins Gesicht geschrieben. Auch wenn es nichts von der Schönheit eines griechischen Gottes eingebüßt hatte, sah es müde aus, der Gram war deutlich sichtbar.

DIONYSOS I. ZufluchtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt