23. Barrieren

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»Seit wann bist du so stur? Rede mit ihm!« Anouk stemmte die Hände in die Hüften und funkelte Dionysos an. Der stand am Fenster und beobachtete Garrett, der immer und immer wieder die Axt warf. Er war in den zwei Wochen Training richtig gut geworden, jeder seiner Würfe wäre ein tödlicher Treffer.

»Du weißt nichts über mich, Anouk. Ich bin nicht stur, ich bin konsequent.«

»Worin?!«

Dionysos seufzte und wandte seinen Blick von dem Jungen draußen ab. »Wenn die Ferien anfangen, wird Garrett die Stadt verlassen. Vielleicht haben wir Allister bis dahin aus seinem Versteck gelockt und erledigt, doch seine Vampire werden bleiben. Ihr könnt aufbrechen, wenn der Schweinehund am Kirchturm baumelt, doch ich werde bleiben und meine Stadt säubern. Ich habe es Garrett versprochen. Deswegen ist es vermutlich besser, wenn...« Er sah die junge Frau nicht an. Anouk lachte spöttisch.

»Das hast du dir ja fein ausgedacht! Erst machst du ihn verliebt in dich und dann erst beschließt du, dass ihr nicht zusammen sein könnt?! Das ist nicht konsequent, das ist egoistisch und feige. Ich bewundere dich, aber das ist falsch. Es lässt dich wie ein Arschloch dastehen.«

Der Vampir zuckte nur mit den Schultern. Was Anouk ihm vorwarf, waren keine neuen Gedanken für ihn. Die kleine Stimme in seinem Kopf tat dies jede Nacht aufs Neue, wenn er auf dem alten Sofa kauerte, in den leeren Kamin starrte und auf Garretts unruhigen Schlaf lauschte.

Anouk schien zu glauben, dass das alles so einfach wäre. Dass er und Garrett einander liebten und bis ans Ende ihrer Tage glücklich gemeinsam in den Sonnenuntergang ritten. Doch das zeigte ihm nur, dass Anouk noch nie einen menschlichen Partner hatte, seit sie ein Vampir war. 'Bis ans Ende ihrer Tage' bedeutete nämlich konkret Garretts Ende! Er würde eines Tages gehen, ob Dionysos das nun wollte oder nicht. Während Dionysos weiterleben würde mit der Gewissheit, wieder jemanden verloren zu haben. Wie er Lachlan verloren hatte... wie er die wenigen anderen Menschen, die er einst liebte, verloren hatte. Ob durch die Zeit oder die Umstände, er würde wieder verlieren. Wieder allein sein mit einem weiteren Loch in seiner Seele. War es da nicht besser, es ganz bleiben zu lassen? Wenn er sich nicht öffnete, konnte ihn niemand verletzen.

Dass er Garrett so nah an sich herangelassen hatte, war nun nicht mehr zu ändern. Doch er war jung, er würde bald in London leben, eine neue Welt und auch eine neue Liebe finden.

Und er selbst...? Er würde den Wald wieder zu seinem Refugium machen und in den Frieden zurückkehren. Anouks Worte trafen ihn daher nicht so hart, wie sie sich das vermutlich erhofft hatte.

»Angesichts der Aufgabe, die vor uns liegt, spielt es nicht die geringste Rolle, was du von mir persönlich hältst. Ich erwarte von dir lediglich Loyalität für Garrett. Ansonsten darfst du mich gern mit Genuss hassen.«

Anouk lächelte leicht. »Ich hasse dich nicht. Ich bedauere dich. Du hast so viel Angst, die Liebe anzunehmen, die dir angeboten wird. Anstatt auf Allister zu pfeifen und mit Garrett zu gehen, stößt du ihn weg und stürzt dich in den Kampf. Ich wette, dir wäre es sogar recht, in diesem zu sterben.«

Wieder zuckte Dionysos nur die Schultern. »Der Tod ist kein schlechter Lohn, wenn es die Sache wert ist, findest du nicht? Aber was frage ich. Du bist jung. Leb' meine 700 Jahre, dann verstehst du mich.«

Anouk schüttelte den Kopf und seufzte. »Jetzt klingst du wie ein Opa und nicht wie der Junge, dessen Gesicht du trägst.«

»Ich fühle mich auch wie ein Greis«, murmelte Dionysos und blickte wieder aus dem Fenster. »Manchmal wünschte ich, ich wäre nicht ich. Nicht Dionysos. Nur Henry. Ein normaler Mann. Dann wäre ich keine Gefahr für andere. Keine Gefahr für Garrett...«

DIONYSOS I. ZufluchtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt