Garrett erwachte am nächsten Morgen lange nach seiner üblichen Zeit. Mit einem verpennten Blick auf den Wecker und einem gehässigen Auflachen wischte er sich die zerstrubbelten Haare aus dem Gesicht und setzte sich auf.
Seine Mutter hatte ihn für den ganzen Rest der Woche von der Schule befreien lassen, denn sie hielt ihn noch immer für krank. Und in der Tat hatte er nach wie vor Fieber, auch wenn er es selbst nicht wahrnahm. Mehrmals am Tag maß seine Mutter ihm die Temperatur und er, Garrett, kam sich vor wie ein kleines Kind. Er unterstellte ihr insgeheim, ihr schlechtes Gewissen beruhigen zu wollen, weil sie nicht gerade ein klassisches Muttertier war. Der Zug war bei Garrett abgefahren an dem Tag, an dem sein geliebter Vater auszog. Er hatte es seiner Mutter nie ganz verziehen, dass sie ihn mit ihrer Eifersucht vertrieben hatte. Sie hatte ihm Ehebruch unterstellt und Vernachlässigung, da er stets viel arbeitete. Anstatt mit ihm zusammenzuarbeiten und die Ehe zu retten, hatte sie ihm Vorwürfe gemacht, ihn immer wieder aus dem Haus getrieben und schließlich in die Scheidung.
Damals bestand seine Mutter auf Biegen und Brechen darauf, dass Garrett in Gatwick bleiben müsse – angeblich wegen der Schule und seiner ganzen Freunde. Bereits wenige Monate danach hatte Garrett keine Freunde mehr, vermisste seinen Vater schmerzlich und geriet immer häufiger mit seiner Mutter aneinander.
Doch hin und wieder hatte es dennoch etwas Gutes, dass sie da war. Denn so hatte er einige Tage schulfrei, konnte seine Blessuren und blauen Flecken verblassen lassen und hatte Zeit, um ... ja, was eigentlich?
Seufzend ließ der Junge sich in das Kissen zurücksinken.
Was sollte er sonst tun? Noch weiter darüber nachdenken, was in der Nacht an der Hütte des Mannes geschehen war? Er hatte die halbe Nacht darüber nachgedacht, hin und her, ob es eine tiefere Bedeutung hatte oder einfach... eine Kurzschlussreaktion war?
Der Mann hatte ihm gesagt, er solle die Stadt verlassen, am besten sofort. Noch immer nagte die Sorge an Garrett, was damit gemeint gewesen war. So sehr, dass er in der Nacht sogar einmal aufgeschreckt war, als ein verschwommener, unheimlicher Traum ihn schüttelte. Ein Traum voller düsterer Schatten, gesichtsloser Gestalten, glühender Augen und dichtem Nebel, der durch die bekannten Straßen seiner Heimatstadt waberte.
Er erwachte mit einem Schweißfilm auf der Stirn und schnellem Atem. Es dauerte einige Minuten, bis der Schreck überwunden war. Nach einem tiefen Schluck aus der Wasserflasche und einer Runde Zittern war alles vorbei und die Müdigkeit kam zurück.
Doch nun war er wach, es war halb 10 Uhr morgens mitten in der Woche und er wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Ein Teil von ihm sehnte sich bereits wieder nach dem Wald und den letzten Farben und Gerüchen des Sommers, bevor der Herbst Einzug hielt, doch ein anderer – in diesem Fall lauterer – Teil von ihm verbot sich diesen Gedanken. Wenn er im Wald nun wieder auf den Mann traf, würde dieser ihm am Ende noch unterstellen, dass er ihn verfolgte oder dergleichen.
Garrett seufzte laut, streckte sich und warf schließlich seine Bettdecke von sich.
»Dann eben erst Frühstück.«, brummte er, als er auf nackten Füßen und bloßer Brust in die Küche tapste. Während die Eier und der Speck in der Pfanne brieten, kochte er sich einen starken Tee und sah aus dem großen Küchenfenster auf die Terrasse raus.
Das Wetter machte England an diesem Morgen alle Ehre. Es regnete beinahe sichtbare Bindfäden und das Rauschen, welches durch das geöffnete Fenster hereindrang, war sehr angenehm. Vielleicht war die Idee eines Waldspazierganges doch nicht so gut, wollte er nicht weggespült werden. Andererseits waren Fotos mit regenverspritzter Linse sehr bildhaft und interessant. Grinsend holte er seine Kamera, warf sich einen Regenparka über die nackte Haut und tapste barfuß ein paar Schritte auf die Terrasse raus. In einer kleinen Pfütze tanzte ein einsames Blatt in den Wellen, die die Regentropfen verursachten. Garrett lächelte und machte einige Aufnahmen, ehe ihm das Essen auf dem Herd wieder einfiel.
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DIONYSOS I. Zuflucht
VampireDer Vampir Dionysos will nur seine Ruhe haben und in Frieden leben. Die Menschen und die Welt kümmern ihn nicht. Doch eine alte, fast vergessene Abmachung reißt ihn ebenso aus seiner Einöde wie der 18-jährige Garrett, der wie der Vampir im Wald nach...
