18. Es beginnt

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Der Samstag verging ohne ein Wort und nun sah auch der Sonntag so aus, als hätte der Vampir im Wald seinen menschlichen Kameraden völlig vergessen.
Garrett stand an seinem Fenster und nagte an seiner Lippe. War er geflohen? Hatte er ihn und alle anderen doch im Stich gelassen?
Eine feine Rauchfahne über den Wipfeln zeigte ihm, dass jemand in der Hütte war, doch warum schwieg er? Was trieb er dort? Warum ließ er ihn so lange im Dunklen?
Hatte er vergessen, womit Allister gedroht hatte?
Seine, Garretts, Lieben zu quälen, wenn er nicht verschwand - oder handelte.
Nur der, der untätig blieb, war ein Feigling.
Das waren Dionysos' Worte. Nun, Garrett hatte nicht länger vor, untätig zu sein. Der Vampir kam nicht zu ihm, also würde er eben selbst zur Hütte gehen.
In seine festen Schuhe steigend, zog er sich gegen die abendliche Kühle eine Sweatjacke über den Pullover und schnürte die Boots zu. Es dämmerte bereits und die Sonne war verschwunden. In weniger als einer halben Stunde würde es stockfinster sein. Er nahm gerade den Baseballschläger aus dem Schrank, als sein Handy piepte.
Das erste Mal seit Freitag Mittag!
Spöttisch grinsend, weil er wegen Dionysos' Verhalten immer noch beleidigt war, griff er danach und murmelte: »Oh, du erinnerst dich also an mich?!«
»Entschuldige, ich hatte viel zu tun. Komm bitte zur Hütte, du musst ein paar Leute kennenlernen. Geh nicht ohne Waffe raus! D.«, sagte die SMS und zu seinem Missfallen war Garretts Ärger fast augenblicklich verraucht.
Fehlte nur noch das wedelnde Puschelschwänzchen und Garrett wäre Dionysos' Schoßhund. Mist aber auch!
Er steckte das Handy ein und nahm den Baseballschläger. Seine Mutter war bereits im Bett, denn ihr Zug nach Brighton ging sehr zeitig. Er kontrollierte noch einmal die Haustür und die Fenster und riegelte die Hintertür hinter sich ab, bevor er den Garten Richtung Waldweg verließ.

Jahrelanges Herumstreifen hatte dafür gesorgt, dass der Junge diesen Weg blind verfolgen konnte, egal ob es hell oder dunkel war. Das bescheidene Mondlicht reichte aus.
Nach einer halben Stunde roch er bereits den Rauch aus Dionysos' Schornstein und sah gedämpftes Licht durch das Dickicht. Früher kam ihm der Weg länger vor, doch vielleicht täuschte es auch, weil er diesen nun kannte.
Ein lautes Schnurren am Wegesrand kündigte einen Begleiter an, der in der nächtlichen Schwärze des Waldes nur als noch dunklerer Fleck, der sich bewegte, zu erkennen war. Es war unheimlich, als Nikodemus sich bewegte, das Mondlicht in seine gelben Augen fiel und diese einen Moment leuchteten wie Taschenlampen.
»Na du? Meinst wohl, ich verlauf' mich, hm?«, murmelte Garrett und folgte dem vor sich hin mauzenden Kater, dessen Schwanz wie ein Signal in die Höhe zeigte. Katzen waren wirklich witzig.
Die Lichtung mit dem kleinen Haus wurde sichtbar. Die Fenster der Küche waren erleuchtet und es schimmerte wie eine Insel der Wärme. Denn draußen im Wald war es kalt. Nikodemus sprang vorwärts, drehte sich zu dem Jungen um, mauzte einmal langgezogen, wodurch man seine weißen Fangzähne sehen konnte und rannte zur Tür. Garrett grinste und folgte ihm, als plötzlich etwas neben ihm auf dem Boden landete.
Er hatte keine Ahnung, was es war, nur dass es groß war. Und schwer. Er schrie erschrocken auf und zog dem Ding den Baseballschläger über. Das »Ding« keuchte mit sehr menschlicher Stimme und lachte dann leise.
»Aua«, sagte die Stimme, die einem Mann gehörte. Die Tür der Hütte ging auf und beleuchtete die Situation.
Vor Garrett stand ein kräftiger, großer Mann in Jeans, Cowboystiefeln, einem Holzfällerhemd und einem Cowboyhut auf dem Kopf.
»Jack, wie ich sehe, hast du Garrett bereits kennengelernt«, sagte Dionysos trocken und zog dann den Jungen in die Hütte. Jack folgte und rieb sich den Kopf.
»Und wie. Ein ordentlicher Schlag für so ein Leichtgewicht.«
Garrett war knallrot vor Verlegenheit.
»Es... es tut mir leid, Sir«, stotterte er Jack entgegen. Der lachte nur.
»Lass gut sein. Ich wollte dich erschrecken, habe aber wohl nicht daran gedacht.« Er deutete auf Garretts massiven Metallschläger.
»Das hast du von deinem Übermut«, sagte eine sanfte Stimme vom Tisch aus, die Garrett bekannt vorkam. Er sah genauer hin.
»Sie... Sie kenn' ich doch«, rief er und der Mann nickte mit einem Schmunzeln.
»Setz' dich, Garrett. Kakao? Es ist kalt.«
Garrett merkte, dass er erneut errötete. Dass er Kakao trank, ließ ihn wie ein Kind inmitten dieser Männer wirken. Doch er nickte, denn kalt war es wirklich.
Der dampfende Pott war so dick und cremig, dass auch der Kater neugierig wurde und auf den Tisch hüpfte. Dionysos zischte.
»Ah, Nikodemus, was habe ich gesagt? Wer auf dem Tisch sitzt, wird gegessen! Ab mit dir.« Er boxte das Tier mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl zurück und wandte sich dann an Garrett.
»Du bist garantiert sauer, aber dafür kannst du mich später noch rüffeln. Das hier ist wichtiger.« Er deutete auf die beiden Männer.
»Unsere Verstärkung. Einen Mitstreiter erwarte ich noch, dann sind wir komplett. Weniger als Allisters Männer, aber um Längen besser. Der da ist Jack Dalton aus Texas. Du hast ja schon gemerkt, dass er ein Dickschädel ist.
Garrett lächelte verlegen. Bei Licht betrachtet sah dieser Mann unverschämt gut aus, mit blauen Augen und einem blonden Zopf. Sein markantes Gesicht mit den wohlgeformten Lippen war sauber rasiert und er sah aus, als würde er viel lachen. Für einen Vampir war er braungebrannt, denn dass er einer war, verrieten die Fänge, die er bei jedem Grinsen entblößte.
»Ich bin Rinderfarmer, Will, da ist ein harter Schädel enorm wichtig«, lachte er und steckte sich eine Zigarette an. Dionysos lächelte leicht und wandte sich dem zweiten Mann zu.
»Und das dort ist Pater Theophilus Rookwood aus Norfolk. Er ist ein Meister am Präzisionsgewehr.« Der Mann hüstelte verlegen.
Garrett betrachtete sein ruhiges, angenehmes Gesicht mit den dunklen, ordentlichen Haaren, den grauen Augen und der silbernen Brille erstmals genau. Er wirkte noch immer kühl und ernst. Garrett fragte sich, warum er ihn nicht sofort als Vampir erkannt hatte.
»Pater Rookwood, ich hab mich noch gar nicht bei Ihnen für die Hilfe bedankt.«
Der Pfarrer lächelte und Jack klopfte Garrett auf die Schulter.
»Ein anständiges Kerlchen hast du da, Will. Höflicher Junge.«
Auch der Pfarrer nickte. »Für Dank besteht keine Notwendigkeit. Ich wusste bereits, dass du zu Dionysos gehörst, bevor du zur Tür reinkamst. Der Geruch hat es mir verraten damals. Und bitte, nicht so förmlich. Ich bin Phil. Pater Rookwod nennen mich nur die Leute aus meiner Gemeinde.«
»Ok, dann... Phil und... und Jack?«
Die beiden Vampire nickten und Dionysos betrachtete es zufrieden. Man verstand sich, eine Hürde weniger. Und die beiden würden keinen Versuch unternehmen, ein bisschen an Garretts Adern zu knabbern. Das war auch wichtig.
»Was habt ihr die vergangenen zwei Tage gemacht?«

DIONYSOS I. ZufluchtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt