16. Unterdessen in der Wirklichkeit...

1.4K 136 30
                                        

Dionysos betrat seine Hütte und schüttelte den Kopf. Er würde Garretts Geruch nie wieder aus dem Haus bekommen. Obwohl sich Ghoulgestank und der Geruch von Angstschweiß hineinmischten, war der Duft des Jungen wie eine goldene Spur für ihn sichtbar. Schon im Wald hatte er es gemerkt.
Zu seinem Missfallen mochte er Garretts Geruch. Er war sauber und ehrlich. Wenn er Angst hatte, aufgeregt war oder ihm das Herz bis zum Hals klopfte, sein Geruch verriet ihn.
In der Sekunde in der dunklen Küche, als er ihn am Kragen packte und küsste, verriet sein Geruch seine unterschwellige Lust und Erregung, auch hervorgerufen durch die verzweifelte Angst, danach keine Gelegenheit mehr zu haben, irgendeine  Erfahrung zu machen.
Garrett war schon ein interessanter Mensch, das musste der Vampir verknirscht zugeben. Einer, über den man nachdachte.
Er hoffte nur, dass dieser Hurensohn Allister nicht auf denselben Schluss kam. Er könnte es nicht ertragen, wenn Garrett in dessen Klauen geraten würde.
Allister musste verschwinden und mit ihm seine ganze Sippe samt Ekel-Schoßhunde.

Allister hatte genug Regelverstöße erbracht, dass Dionysos sich an die Clanobersten hätte wenden können, doch die taten nichts ohne eine Gegenleistung. Und er würde weder Garrett hergeben noch einen Stadtbewohner, da das dem Jungen nicht passen würde.
Mit den Obersten hätte der Vampir zwar eine Armee im Rücken, doch geriete auch nur vom Regen in die Traufe.
Also hatte er Kontakt zu einigen Leuten aufgenommen, die er kannte und die ihm vielleicht noch einen Gefallen schuldeten. Sie waren loyal in dieser Hinsicht, die Vampire.
Allerdings würde Dionysos nur bei einem von ihnen wagen zu behaupten, es wäre sein Freund. Jemand wie er hatte für üblich keine Freunde – maximal Waffenbrüder.
Bislang hatte er jedenfalls noch keine Rückmeldung von seinen Leuten erhalten. Es war erst ein paar Stunden her und alle hatten irgendwo zu tun, da konnte das schon mal passieren.
Schließlich konnten Vampire weder fliegen noch sich teleportieren. Sie mussten ebenso laufen, fahren oder in ein Flugzeug steigen wie Menschen.
Dennoch sorgte er sich, was geschehen würde, wenn er keine Hilfe bekam. Allisters Sippe betrug mit ihm zusammen mindestens 15 Mann, dazu kamen die Ghoule. Mit denen dürfte Garrett fertig werden, aber nie mit einem Vampir.
Dionysos wollte lieber sterben und alles mit sich reißen, als Garrett sterben oder schlimmer – ein Teil von Allisters Sippe werden zu lassen. Er konnte jedoch ohne Hilfe rein gar nichts tun außer den Jungen und seine Mutter fortzuschaffen.
Es kotzte ihn an, die Unfähigkeit, den Mist den er gebaut hatte, nicht allein bewältigen zu können. Doch er wäre dumm, wenn er es versuchte.
Und dumm war er nicht, sonst hätte er nicht so lange überlebt.

Geistesabwesend kraulte er den schnurrenden Kater, der neben ihm saß, als das Handy Alarm zu schlagen begann. Dionysos blickte darauf und seine Mundwinkel zuckten.
Er lebte also noch. Es hätte sämtlichen Glauben an seine Allianzen zerschlagen, wenn ausgerechnet er sich nicht gemeldet hätte.
Der Vampir nahm den Anruf an. »Jack?«
»Howdy Cowboy. War überrascht, deine Stimme zu hören. Wo brennt's denn?«
Dionysos schilderte kurz die Situation und wartete dann auf die Reaktion seines Gesprächspartners.
»Er hat eure gültige Abmachung durch das Einschleppen der Ghoule gebrochen? Dir den Krieg erklärt, wenn du dein rechtmäßiges Gebiet nicht räumst? Holy Cow, der hat Eier, der arme Irre.« Ein raues Lachen schallte durch das Telefon.
»Ich will ihn aus der Stadt haben, mitsamt seinem Pack. Das hat persönliche Gründe, aber ich würde nicht um Hilfe bitten, wenn es nicht wirklich nötig wäre.«
Ein Brummen am anderen Ende der Leitung war zu hören.
»Sag bloß, es gibt Menschen in der Stadt, die du beschützen willst«, kicherte Jack. »Ich bin in Texas, aber ich kann in 2 Tagen in England sein. Wen hast du noch angerufen?«
»Phil, Anouk und Callum.«
»Callum kannst du vergessen. Den hat es vor 'ner Weile erwischt.«
Dionysos zischte. Es war immer ein Schlag, zu hören, dass einer von den Profis draufgegangen war. Callum war ein harter Hund und wäre eine große Hilfe gewesen.
»Mich hast du schon mal sicher, alter Kumpel. Samstag morgen kann ich da sein. Muss mir erst mein Baby vom Hangar holen. Die lassen mich mit meinem Schmuckstück doch in keinen öffentlichen Flieger.«
Dionysos lächelte milde. Jack nannte seine alte Doppelläufige schon seit jeher »Schmuckstück«, obwohl sie das nicht war. Sie war laut und stank. Doch ihr Kaliber war groß und nietete Vampire, Ghoule und Rinder auf seiner Farm um. Also genau richtig.
»Du weißt, wo du mich findest«, sagte Dionysos und hörte wieder ein raues Lachen.
»Aber ja. Noch immer in deiner verträumten Hütte im Märchenwald, wartend auf dem Prinzen. Ich werde da sein.« Jacks breiter texanischer Akzent, der noch nicht da war, als Dionysos ihn vor über 150 Jahren in einem Treck zu den Goldfeldern kennenlernte, hatte etwas heiteres. Er brachte die Menschen zum Lachen, wo immer er war. Das Gespräch endete und der Vampir am Küchentisch hatte das Gefühl, die Last auf seinen Schultern war um einen Brocken leichter geworden.

DIONYSOS I. ZufluchtGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt