27. Blutzoll

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Das erste zarte Rosa des neuen Tages zeigte das grässliche Ausmaß des Kampfes. Überall lagen Ghoulreste herum, die sonderbar dampften und knisterten, als spürten sie die nahe Sonne.

Doch auch den schrecklichen Anblick der Überreste Stephen Boyds und Neil Bakers enthüllte es.

Garrett schluckte angesichts der blutigen Masse, die einst einer seiner ärgsten Peiniger war. Endlich hatte er Frieden vor ihnen - doch freuen tat er sich über diesen Ausgang nicht. Er hatte sie trotz allem beschützen wollen.

Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn wissen, dass sich Kyle in den Rinnstein erbrach. Ihn hatte der Verlust schwer getroffen.

»Was machen wir jetzt mit den Leichen?«, murmelte Garrett und klammerte sich haltsuchend an Dionysos' Hand.

»Nichts. Wir lassen sie liegen. Wir können nichts anderes tun. Kyle und dem Mädchen wird niemand glauben. Und ich töte beide, wenn sie dir Schwierigkeiten machen!«, knurrte der Vampir.

Kyle nickte nur erschöpft und kreidebleich vom Erbrechen.

»Das gefällt mir nicht.«

»Mir auch nicht. Aber zwei verschwundene Teenager werfen mehr Fragen auf als zwei Tote. Sie werden es Chester Bayfields Mörder anhängen.«

»Wurde... wurde der auch von so einem... Vieh...?«, krächzte Kyle und Dionysos ließ sich zu einem Nicken herab.

»Chester, meine Mum... alles Vampire«, ergänzte Garrett.

Kyle taxierte den Mann neben seinem ehemaligen besten Freund im Morgenlicht genauer. Sein Gesicht war fein geschnitten, attraktiv, ebenmäßig und dennoch maskulin. Die dunklen Augen waren von schwarzen Brauen überschattet, die Nase lang und elegant. Der Mund wirkte sinnlich, fast zart, war jedoch im Moment fest zu einem Strich gepresst. Ein äußerlich normaler, überdurchschnittlich attraktiver Mann. Doch Kyle hatte in der Nacht seine Augen gesehen, glühend wie die einer Katze, unheilvoll, rot. Er hatte gesehen, wie er allein und mit bloßen Händen diese Monster zerrissen hatte. Normal ging anders!

»Das hier sind doch auch Vampire, oder?«

Dionysos wandte den Kopf zu Kyle, der den Hass fast wie einen Ring um die Brust spürte.

»Ja. Und du verdankst es Garrett, dass ich dich nicht schon längst getötet habe.«

Kyle schluckte. Er könnte wetten, Garrett hatte ihm alles erzählt, was er und die anderen getan hatten. Doch warum hatte er ihn davon abgehalten, sich stellvertretend zu rächen? War Garrett wirklich so ein edler Mensch?

Hätte er, Kyle, einen Vampir zum Freund, hätte er ihn sicher nicht zurückgehalten.

»Bring' du Gemma nach Hause, Kyle. Jetzt sind die Straßen wieder sicher.«

Das Mädchen stand neben sich, war heiser und kaum ansprechbar. In einem Horrorfilm wäre sie vermutlich das hübsche, erste Opfer.

»Und kein Wort über heute Nacht. Ihr habt euch nach der Party getrennt und gut«, fauchte Dionysos, als Kyle Gemma wegführen wollte. Dieser nickte und die beiden verschwanden.

»Und wenn sie nicht dichthalten? Gemma war völlig außer sich.«

»Und wenn schon. Keiner würde glauben, dass jemand wie du körperlich zu so etwas  fähig wäre. Diese Idioten hätten auf dich hören sollen...«

Garrett nickte und sah den Vampiren dabei zu, wie sie die Geschosshülsen aufsammelten.

Er war so müde und erschöpft, dass ihm bereits alles wehtat und der Kopf zu hämmern begann.

DIONYSOS I. ZufluchtWo Geschichten leben. Entdecke jetzt