Etwas bewirken

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so sollte ich es wagen und meine Tochter täglich bei Dilans Mutter "abschieben"? Diese Frage stelle ich mir inzwischen seit 3 Tagen und noch immer habe ich keine Antwort darauf. Meine Tochter ist gerade einmal einige Wochen alt und ich will sie nicht gleich abschieben. Aber ich habe doch keine andere Wahl und außerdem ist Dilans Mutter keine Fremde. Sie hat Erfahrung. Sie weiß wie sie mit Kindern umzugehen hat. Immerhin hat sie zwei Kinder großgezogen.
Also stand mein Entschluss fest. Ich werde eine Ausbildung suchen. Nur so kann ich im Moment Geld für die Kleine und mir verdienen. Denn langsam ist es mir wirklich unangenehm von Dilan zu leben. Er hat mir inzwischen alles gekauft, was ich brauche. Sogar ein Babybett hat er besorgt. Er wäre ein gutes Vater.
So ging ich ins Wohnzimmer und machte den PC an, da meine Tochter tief und fest schlief, konnte ich mir jetzt erst einmal ein wenig Ruhe gönnen. Als der PC hochgefahren war, tippte ich auch schon mein Suchbegriff ein. Sofort erschienen viele Ausbildungsstellen. Jetzt muss ich nur noch die geeigenten Stellen für mich finden. Ich zückte ein Zettel und schrieb mir die vielversprechenden Anzeigen auf. Ich wollte undingt so viele Bewerbung schreiben wie möglich. Ich möchte endlich mein eigenes Geld verdienen. Nie wieder will ich von jemanden abhängig sein.
So beschloss ich noch heute einige Bewerbungen wegzuschicken. Ich wolltes es nicht immer nach hinten schieben. Aber bevor ich sie losschicke, möchte ich unbedingt noch einmal mit Bianca reden. Ich möchte von ihr persönlich wissen, ob sie auch wirklich Zeit und Lust hat um auf meine Tochter aufzupassen. Also machte ich mich auf den Weg ins Wohnzimmer, wo sie immer ihre Lieblingssendung um dieser Uhrzeit schaut.
"Bianca, kann ich dich kurz stören?", fragte ich als ich sie im Wohnzimmer entdeckte. Sofort schellte ihr Blick zu mir und sie lächelte mich an.
"Du störst doch nicht, Aisha", sagte sie und machte mit einer Bewegung klar, dass ich mich neben ihr setzen soll. Sofort näherte ich mir ihr und setzte mich neben ihr auf die Ledercouch.
"Ich möchte gerne mit dir reden und zwar hast du sicherlich gehört, dass ich in nächster Zeit eine Ausbildung anfangen will", fing ich an, wurde aber von ihr unterbrochen.
"Das weiß ich doch. Mein Sohn hat schon mit mir geredet und ich passe sehr gerne auf deiner Tochter auf. Mir ist wieso den ganzen Tag langweilig".
"Du weißt gar nicht wie viel es mir bedeutet. Ich danke dir vom ganzen Herzen", erwiderte ich daraufhin und umarmte sie stürmisch. Dann haben ich wenigstens schon mal ein Problem wenig. Es bedeutet mir wirklich viel, dass sie das macht. Ich habe Dilan und seine Familie so viel zu verdanken. Ich weiß gar nicht wie ich mich jemals dafür bedanken kann. Nur wegen ihnen habe ich und meine Tochter ein Dach über den Kopf. Meine eigene Mutter hat meine Tochter verstoßen. Aber sie haben die ganze Zeit zu mir gehalten und haben mich unterstützt. Dies rechne ich ihn hoch an und werde ich wohl niemals vergessen. Auf solche liebevolle Menschen kann man sich immer verlassen.
"Das ist doch keine Ursache. Wir haben dich und die Kleine doch schon lange ins Herz geschlossen", sagte sie als sie die Umarmung erwiderte. Noch nie zuvor habe ich so liebevolle Leute gesehen. Sie kennen mich noch nicht so lange aber dennoch habe sie mich schon ins Herz geschlossen. Warum können meine Eltern nicht so sein? Liegt es an unsere Religion? Aber ich denke, dass es eher an unsere Tradition liebt, sie jetzt zum Glück ein Ende gefunden hat. Zumindestens in unsere Familie. Aber ich hoffe, dass es bald überall ein Ende hat.
Auf einmal klingelte es in meinen Kopf, wie ich die Menschheit auf unsere Religion und deren Traditionen aufmerksam machen kann. Ich schreibe ein Buch über meine Erlebnisse. Ich schreibe jede Einzelheit auf. Von Heirat bis zum Mord an Halit. Alle werden es erfahren, mein Leben. Nur so kann ich vielleicht junge Frauen davor bewahren, genau dasselbe durchmachen zu müssen wie ich.

Einige Tage später fing ich auch schon damit an. Es muss unbedingt ein Erfolg werden nur so finde ich ein Verlag, der es veröffentlicht. Also verbrachte ich Tag und Nacht vor dem Laptop und schrieb. Natürlich vernachlässigte ich die Bewerbungen nicht. Mir liegt viel daran eine Ausbildung zu finden und endlich auf eigenen Beinen zu stehen. Ich weiß nur nicht wie die Arbeitgeber auf ein Kind reagieren. Im Lebenslauf habe ich es nicht angegeben, da ich mir so weniger Chancen erhoffe. Aber sie werden ja nie von ihr erfahren. Bianca passt auf sie auf und weiß was zu tun ist. Wenn mal was sein sollte, kann ich mir immer noch eine Ausrede einfallen  lassen. Natürlich weiß ich, dass es nicht richtig ist meine Tochter zu verleugnen aber ich brauche nun einmal eine Ausbildung. Also koste was es wolle.

2 Tage später erhielt ich schon meine erste Einladung zu einem Vorstellungsgespräch.

"Dilan! Dilan!", rief ich auch schon durchs Haus.

"Was ist passiert?", fragte er besorgt und kam ins Zimmer gerannt.

"Du glaubst es nicht aber ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch", ließ ich die Bombe platzen und schmieß mich überglücklich in seine Arme. Natürlich weiß ich, dass es noch nichts heiß. Sie laden sehr wahrscheinlich 10% der Bewerber ein. Aber ich weiß, dass ich mich durchsetzen kann. Ich habe schon so viel in mein Leben gemeistert dann ist das doch ein Zuckerschnecken.

"Du weißt gar nicht wie ich mich für dich freue. Das ist der erste Schritt in ein glückliches und normales Leben", entgegnete er dicht an meinem Ohr, sodass ich von seinen Lufthauch Gänsehaut am ganzen Körper bekam. Aber hat recht, wie immer.

"Wenn ich die Stelle bekomme, werde ich dir jeden einzelnen Cent zurückzahlen", entgegnete ich als wir uns voneinander lösten.

"Ach das hat keine Eile", beschwichtigte er.

"Ich will es dir aber so schnell wie möglich zurückzahlen. Ich will keine Schulden bei dir haben. Im Moment weiß ich wieso nicht wie ich dir alles zurückgeben kann, was du mir alles geboten hast. Jetzt weiß ich erst was es heißt eine Familie zu haben. Deine Eltern sind so unglaublich. Ich wünschte ich hätte auch so verständnisvolle Eltern wie du", sagte ich und mir stiegen Tränen in den Augen. Dilan kann sich wirklich glücklich schätzen solche Eltern zu haben.

"Ach Süße mach dir deswegen keinen Stress. Ich mache alles gerne für dich. Man hilft Menschen, die man mag eben. Ja ich bin wirklich froh, dass meine Eltern so sind wie sie sind", entgegnete er und strich liebevoll meine Wange. Er ist so zärtlich und so liebevoll zu mir. So war noch niemand zu mir. Es ist ein schönes Gefühl bei ihm zu sein. Im Moment ist er einer der wenigen den ich noch vertraue. Das Vertrauen in Menschen ist inzwischen bis zum Tiefpunkt gesunken. Früher habe ich immer an das Gute in den Menschen geglaubt aber heute weiß ich, dass in jedem Mensch auch was böses steckt. In jedem steckt eine dunkele Seite, auch in mir nur habe ich sie bisher noch nicht entdeckt.

Aber Dilan mag mich. Das war mir schon vorher bewusst aber es aus seinen Mund zu hören, ist dann doch viel schöner. Zumindestens einer dem noch was an mir liegt. So langsam habe ich das Gefühl, dass er in meinen Leben der einzige ist, der wirklich was für mich empfindet. Aber immer und immer wieder habe ich gedacht, dass er mich und Mehmet auseinander bringen wollte. Die ganze Zeit habe ich zu dem falschen Mann gestanden, da Mehmet meine Gefühle benutzt hat.

"Ich schreibe ein Buch über meine Erlebnisse", entgegnete ich dann. Verwundert musterte er mich.

"Und du willst es veröffentlichen oder ist es nur für dich, damit du es besser verarbeiten kannst?", fragte er mich forschend.

"Weißt du, ich wollte von Anfang alle Mädchen retten, die das gleich durchleben wie ich es musste und jetzt habe ich eine Idee um auf uns aufmerksam zu machen. Vielleicht helfe ich so junge Frauen vor Gewalt, dass hoffe ich zumindestens. Ich will etwas bewirken", entgegnete ich.

"Habe ich dir schonmal gesagt, wie stolz ich auf dich bin. Ich meine ich bewundere dich, wie du mit den Erlebnissen umgehst. Du hast an Stärke und an Mut gewonnen", hörte ich ihn sagen. Mit meinen Erlebnissen umgehen? Ich verdränge sie. Ich versuche alles einfach aus meinen Kopf zu löschen. Ich bin nicht stark weder mutig. Warum sieht er mich denn so? Sehe ich von außen hin stark aus? Anscheinend schon sonst hätte er es ja schlecht gesagt. Aber was sollte ich sonst machen als verdrängen? Man muss einfach nach vorne schauen. Das Leben geht weiter. Ich muss für meine Tochter stark sein, denn sie hat eine bessere Kindheit wie ich verdient. Dafür werde ich schon sorgen.

Never look backWo Geschichten leben. Entdecke jetzt