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   Die Ausführungen der Hohepriesterin, bezüglich des Putsches in Unterstadt und dem geplanten Angriff auf das versammelte Bündnis von Allianz und Horde hinterließen schockierte Ausdrücke auf den Gesichtern der Mitglieder des Rats von Dalaran. "Und dieser Großapotheker ist schon an der Pforte? Wir besprachen nämlich gerade, inwiefern wir mit in den Kampf eingreifen", ließ sich Veressa Windläufer vernehmen, deren Gesichtszüge sich als erstes normalisierten.
"Das wissen wir nicht, Mylady. Aber ich schlage vor, wir brechen unverzüglich auf, um das Schlimmste zu verhindern", gab die noch immer geschwächte Todesritterin entschlossen zurück. Rhonin nickte. "Ich könnte mir vorstellen, dass Putress oberhalb der Pforte stehen wird, um von dort aus die Seuche einfach auf jeden los zulassen, der sich am Boden befindet. Ganz gleich, ob nun Geißel, Horde oder Allianz", überlegte er laut und massierte sich mit geschlossenen Augen die Schläfe. "Davon gehe ich auch aus, Rhonin", pflichtete ihm der Blutelf zu seiner Linken bei. "Also teilen wir uns in zwei Gruppen auf? Die eine, um die Anführer zu warnen, die andere um den Großapotheker aufzuhalten?", fragte nun Marialle. "Das klingt vernünftig", bekräftigte Modera den Einfall der Priesterin. "So soll es geschehen. Aethas und Modera, nehmt Lady Lichtsprung mit, damit sie den Anführern Bericht erstatten kann. Vereesa, wir werden zusammen mit den anderen den Großapotheker aufhalten", entschied Rhonin und alle nickten.
Dolette missfiel es, sich von der Priesterin trennen zu müssen, aber welche Wahl hatte sie?
"Wir dürfen keine Zeit verlieren. Stellt euch auf! Wir Teleportieren von hier aus", fügte er noch hinzu. Dolette gesellte sich widerstrebend zu den anderen, die schweigend an Rhonins Seite getreten waren und wechselte einen besorgten Blick mit der Hohepriesterin, bis sie schließlich langsam vor ihren Augen verschwand.

Einen Herzschlag später veränderte sich auch die Umgebung und plötzlich blies ein starker Wind um sie herum. Vor und hinter der Elfe schälten sich mannshohe Mauern in die Umgebung und als sie heran trat, um über die Mauer zu schauen, erblickte sie einen gewaltigen Abgrund. Unten vor der Pforte tobte bereits die Schlacht. Hier oben allerdings war nicht einmal ein Wachposten.
"Die Schlacht hat bereits begonnen!", rief sie den anderen durch das laute Pfeifen des Windes zu. "Dann liegt es an uns!", brüllte Rhonin entschlossen zurück. "Aber hier ist keiner!", kam es von Borigan. "Er wird kommen", sagte die Todesritterin laut und eindringlich, als die anderen an sie heran getreten waren. Sie blickte an der beeindruckenden Pforte herab und ihre Augen huschten über das Schlachtfeld auf der Suche nach einem Zeichen der Hohepriesterin, doch sie entdeckte sie nicht. Auch keinen der Anführer vermochte sie in der tobenden Menge, auszumachen.
Als sie die Mauer mit dem Tor unter sich genauer betrachtete erkannte sie, dass es mehrere Balustraden auf unterschiedlichen Höhen gab und erschrak. Putress war viele Körperlängen unter ihnen, umgeben von einigen Verlassenen und Dämonen.
"Unter uns!", schrie sie aus voller Kehle und aller Augen wendeten sich nach unten auf den Punkt, auf den sie mit dem Finger zeigte. Er schritt die Balustrade entlang und zog gerade das Fläschchen aus der Brusttasche seiner Robe.
Keiner sagte etwas, nur der entschlossene Blick des Erzmagiers ließ darauf schließen, was als nächstes geschehen würde. Augenblicklich spürte sie den Sog der Teleportation, doch Dolette ließ sich nicht mit in die Teleportation ziehen. Sie hechtete aus dem Zauber direkt über die Mauer.
Im Fallen sah sie, wie sich die Gestalten ihrer Gefährten allmählich auflösten. Die dunkle Ritterin zog ihr riesiges Runenschwert und formte ihren Körper so, dass sie wie ein Pfeil hinab schoss. Mit aller Gewalt stieß sie eine heulende Böe vor sich nach unten und raste ihr hinterher. Und tatsächlich, der Windstoß erwischte den Großapotheker und er fiel einige Körperlängen nach hinten.
In dem Moment tauchten die anderen an der Stelle auf, an der er eben noch gestanden hatte. Dolette landete elegant, in einer knienden Position vor dem Verlassenen und erhob sich langsam. Ein Keuchen entwich ihr. Gänzlich hatte sich ihr Körper noch nicht wieder regeneriert.
"Ihr!", stieß Putress erschrocken aus. Die anderen sahen sich erstaunt um und wurden sogleich in einen Kampf mit den umstehenden Schergen des Großapothekers verwickelt. "Gebt mir die Phiole, Putress!" Dolettes Befehl ließ Putress kalt. Stattdessen trat ein heimtückisches Lächeln auf sein Gesicht. Er nickte an ihr vorbei zu einem seiner Untoten, worauf dieser an die Mauer der Balustrade lief und ein kleines Fläschchen in die Tiefe warf.
Die dunkle Ritterin knurrte und ihre Augen verengten sich, als sie dem Großapotheker einen vernichtenden Blick zu warf. Sie stürzte an die Mauer und warf den Todesgriff nach der Phiole. Den Bruchteil eines Herzschlages später glitt ein Lächeln über ihre Lippen, als sie erkannte, dass das Fläschchen gefangen war. Daran vorbei unten auf dem Boden sah sie, dass die beiden Parteien sich geteilt hatten.
Vor den vereinten Mächten der Horde und Allianz traten zwei Gestalten. Der eine unverkennbar ein Ork und der andere musste ein Mensch sein. Dolette schaute sich um. Hier oben tobte noch immer der Kampf, doch Putress war verschwunden.
Die Stimme des Menschen erklang klar und deutlich, selbst bis in diese Schwindel erregende Höhe. "Arthas! Das Blut eures Vaters, eures Volkes schreit nach Rache. Kommt her, Feigling, und büßt für eure Taten!" Einige Augenblicke verstrichen, bis sie erstaunt direkt unter sich erkannte, dass sich die Pforte wenige Körperlängen breit öffnete. Arthas Menethil, der Lichkönig höchstselbst, kam heraus und ging zu den wenigen Untoten der Geißel, die noch übrig waren. Er schritt an seinen Anhängern vorbei und selbst hier oben konnte die Todesritterin die mächtige Präsenz spüren, die von ihm ausging. Ein fast schmerzender Schauer lief ihr über den Rücken, als seine Stimme zu ihr und dem Kampf, der um sie tobte, hinauf drang.
"Ihr nennt mich feige? Wollt Rache? Ich werde euch zeigen, was Rache ist und was Angst wirklich heißt!", donnerte Arthas Stimme über das Schlachtfeld.
"Genug! Bringen wir es zu Ende", dröhnte die Stimme des Orks und er stürmte auf den mächtigsten aller Todesritter zu.
Mit einem einzigen Schwertstreich, zerschlug der Lichkönig die Axt des Orks und streckte ihn nieder. Kurz wurde es still. Totenstill.
"Ihr bezahlt für die Leben, die ihr stahlt, Monster!", rief ihm der Mensch entschlossen entgegen.
"Große Worte. Doch es gibt nichts, das ihr ..." Eine Explosion, ganz in seiner Nähe, schnitt Arthas das Wort ab, bevor er reagieren kontte. "Was?", stieß er verwirrt aus. Ein finsteres Lachen erklang und auf einem Vorsprung tauchten Truppen von Verlassenen auf.
"Dachtet ihr, wir hätten vergessen?
Dachtet ihr, wir hätten vergeben?" Die vertraute Stimme machte eine kurze Pause, bevor sie lauter und bedrohlicher fort fuhr: "Spürt nun die schreckliche Rache der Verlassenen!" Der Lichkönig starrte mit seinen blau schimmernden Augen hinauf zu den Verlassenen.
"Sylvanas ...", murmelte er fassungslos.
Es war Putress. Er musste durch ein Hexerportal geflüchtet sein. Denn der Kampfeslärm um die Todesritterin, war schließlich verklungen. Hinter ihm wurden Katapulte voran geschoben und er schrie weiter: "Tod der Geißel! Und Tod den Lebenden!" Und die Katapulte wurden abgeschossen. Viele große, grüne Kugeln flogen gleichzeitig durch die eiskalte Luft und zerbarsten donnernd am Boden.
Dolette erstarrte, als sie erkannte, dass sie seiner Heimtücke zum Opfer gefallen war und unten am Boden fielen schon viele der tödlichen Seuche, die Putress mit der ersten Explosion vorgeführt hatte, zum Opfer. Selbst der mächtige Lichkönig drohte in die Knie zu gehen. Er schrie noch drohend über die Massen der Sterbenden hinweg: "Es ist noch nicht vorbei!", und verschwand wieder hinter den gewaltigen Toren Angrathars, der Pforte des Zorns. Die scharfen, blau schimmernden Augen suchten verzweifelt das Schlachtfeld ab.
Marialle!

Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt