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   Die Hohepriesterin spürte, wie der unbändige Sog der Teleportation sie davon riss und sah nur noch den besorgten Blick der Todesritterin, als auch ihre Gestalt zu flimmern begann.
Um sie herum tauchte eine karge Landschaft auf, und es war noch kälter als vorher. Der Anblick der riesigen Pforte des Zorns jagte ihr zusätzlich einen unangenehmen Schauer über den Rücken. Unmittelbar davor tobte eine gewaltige Schlacht zwischen den vereinten Streitkräften der Horde und Allianz gegen die der Geißel. "Ich schlage vor, ihr beide geht zum Lager der Horde und ich zu dem der Allianz. Ein Blutelf dürfte bei den Anführern der Horde mehr Gehör finden", ließ sich die Erzmagierin Modera vernehmen. Marialle und Aethas Sonnenhäscher nickten entschlossen und so gingen sie in verschiedene Richtungen.
Schnell wurde die provisorische Festung der Horde größer, und schließlich gelangten die Menschenfrau und der Blutelf an das spärlich bewachte Tor. "Ich bin Aethas Sonnenhäscher, Mitglied des Rates der Sechs. Sind noch Befehlshaber in der Festung?", fragte Aethas gebieterisch, bevor einer der Wachen das Wort erheben konnte. "Der Kriegshäuptling, Vol'jin und Sylvanas Windläufer warten noch ab, ob sie mit Zusatztruppen in die Schlacht eingreifen müssen", antwortete der grünhäutige Ork links vom Tor. Der Erzmagier nickte und trat an den Wachen vorbei, geradewegs in die Festung.
Die Hütte der Anführer war leicht auszumachen. Sie war die einzige, in der deutlich Licht brannte, und so gingen die beiden zielstrebig auf diese zu. Ohne zu klopfen stieß der Blutelf die Türe auf. "Wer wagt es?", drang eine verärgerte, ihr allzu bekannte Stimme an Marialles Ohren. "Thrall!" Marialle lächelte schief, als sie ihren ehemaligen Mitstreiter begrüßte. "Lady Lichtsprung!" Der Kriegshäuptling erwiderte das Lächeln verwirrt, zu vertieft in Konzentration und mit gewisser Sorge. "Menschlein, was machst'n hier?", hörte sie auch Vol'jin, der aus einer Ecke des großen Raumes kam, sprechen. Er umrundete die große Tafel und kam vor Marialle zum Stehen. Seine stechend gelben Augen fixierten sie abwägend. "Ihr hättet ruhig anmerken dürfen, dass ihr auf du und du mit den Anführern der Horde seid, Mylady", zischte Aethas durch zusammengepresste Lippen und zog eine Augenbraue hoch.
Aus dem Halbschatten einer anderen Ecke des Raumes trat eine untote Elfe, die eine gewisse Ähnlichkeit zu Dolette aufwies, an die Gruppe heran. Ihre glühenden roten Augen musterten die Priesterin von oben bis unten. Ganz unverkennbar Sylvanas Windläufer. "Nicht mit allen, Aethas", sagte die Herrscherin der Verlassenen kalt. Der Blutelf nickte nur und zuckte kaum merklich mit den Schultern. "Hört mich an! In Unterstadt gab es einen Aufstand, angeführt von Varimathras." Marialle erhob gebieterisch ihre Stimme, um die brisante Situation zu erläutern und zog augenblicklich die Aufmerksamkeit aller auf sich. "Was?!", unterbrach Sylvanas die Priesterin voller Unglaube und Missgunst. "Es ist noch schlimmer." Marialle hielt dem glühenden Blick der Dunkelläuferin stand, während sie nüchtern die Zusammenhänge ausführte. "Putress ist es gelungen, die Seuche mit meiner Macht herzustellen. "Jetzt ist er hier, um sie an allen anzuwenden! Egal ob Geißel, Horde oder Allianz."
"Bei den Ahnen!" Stieß Thrall fassungslos hervor. Das satte Grün wich aus seinem Gesicht und ließ es fahl und beinah grau zurück."Die Schlacht ist in vollem Gange. Wir könn'n uns're Streitmächte jetzt nich mehr abziehen, wir hab'n die Geißel fast geschlagen!" Thrall war anderer Meinung als Voljin. "Wir müssen es versuchen! Folgt mir", befahl er mit der Autorität des Kriegshäuptlings und eilte durch den Raum hinaus zur Tür. Die anderen vier folgten ihm.
"Fünf Wölfe! Jetzt!", schrie er laut durch den Innenhof, in Richtung Ställe und der Stallmeister schickte sich augenblicklich an, die Tiere hinaus zu führen. Marialle, Aethas und die drei Anführer saßen auf und setzten sich rasch in Bewegung. "Wenn ich diesen verräterischen Haufen Dämonengedärme in die Finger kriege, werde ich ihn zerstückeln!", zischte die ehemalige Waldläufergeneralin mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Die fünf ritten schnell auf den bereitgestellten Wölfen durch das Schneegestöber der Ausläufer der Drachenöde, und die Pforte des Zorns vor ihnen wurde immer größer. Als sie schon die Massen der Orks und Menschen, mit dem Rücken zu sich gewandt, erkannten, ertönte eine laute Stimme über das Schlachtfeld. "Ihr bezahlt für die Leben, die ihr gestohlen habt, Monster!" Waren die klaren Worte, ausgehend von den zwei Gestalten, vor den Reihen der Horde und Allianz. Den beiden gegenüber stand, unverkennbar der Lichkönig, Arthas Menethil, und seine dunkel verzerrte Stimme hallte über die vielen Köpfe der Geißel, Horde und Allianz. "Große Worte. Doch es gibt nichts, das ihr..." Ein gewaltiger Knall ließ die Hohepriesterin zusammenfahren. Marialle suchte das Schlachtfeld nach dem Urheber der Explosion ab und dann trat ein Verlassener auf einen Hügel und rief den sich gegenüberstehenden Parteien etwas zu, was sie nicht verstand. Hinter ihm tauchten weitere Untote auf.
"Wir sind zu spät!", brüllte Sylvanas und versuchte den Truppen, die ihr am nächsten waren, ein Zeichen zu geben. Doch dann flogen weitere grüne Kugeln durch die Luft und explodierten auf dem ganzen Schlachtfeld. Sie erfassten jeden, der an dem Kampf teilnahm, ob von der Horde, der Allianz oder der Geißel.
Die Augen der Priesterin rasten über die Gestalten, die einer nach dem anderen zu Boden sanken, und hoffte nirgendwo die der Todesritterin zu erblicken. Der Lichkönig zog sich hinter die, einen Spalt geöffnete, Pforte zurück. "Wir müssen hier weg, sonst erwischt uns die Seuche auch noch!", rief Thrall durch die gequälten Sterbenslaute der Streitmächte.
In dem Moment dachte Marialle, an der Pforte etwas fallen zu sehen, doch ihre Aufmerksamkeit wurde sogleich wieder abgelenkt "Seht!"
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Die dunkle Ritterin - Staffel 1Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt